Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: @ Pokemon - Esther Vilar und "passive (indirekte) Vergewaltigung"

Andreas (der andere), Sunday, 30.05.2004, 20:05 (vor 7922 Tagen) @ Pokemon

Als Antwort auf: Re: @ Eugen Prinz - Vergewaltigung und Kuckuksväter von Pokemon am 30. Mai 2004 13:43:08:

Hallo Pokemon,

ich kann und möchte natürlich nicht für Eugen sprechen; andererseits glaube ich, daß ihr beide von einer anderen Basis aus argumentiert. Ich weiß nicht, wie weit Du mit der Materie bereits vertraut bist, aber vielleicht kann Dir meine kleine Anmerkung helfen, Eugens Standpunkt etwas besser nachzuvollziehen. (Zumindest habe ich bei Dir den Eindruck, daß es Dir wirklich um eine Diskussion geht, also vielleicht setzen wir uns und atmen alle erst mal tief durch ;-)

Der Begriff "passive Vergewaltigung", wie ihn Eugen verwendete und als welcher er sich als ein terminus technicus in der Theorie der Männerbewegung festschrieb, geht zurück auf Esther Vilar. Unter anderem in "Heiraten ist unmoralisch" (Bastei Verlag) versucht sie diese Bezeichnung näher zu definieren: Ausgangspunkt ihrer Aussage ist die Feststellung, daß in den wohlhabenderen westlichen Länder über die Hälfte aller Eheschließungen über eine Schwangerschaft zustandekommen (sie vergleicht den Zeitpunkt der Eheschließung mit dem Zeitpunkt der Geburt des Kindes). Dabei ist sie sich schon dessen bewußt, daß man auf Grund dieser Daten noch keine Aussage über das Verhältnis der beiden Ehepartner zu einander machen kann. - Womit sie sich beschäftigen möchte, sind jedoch explizit jene Fälle, in denen der Bund nicht aufgrund des harmonischen Vorlebens der Partner zustande kam, sondern aus dem "Tatbestand der Nötigung" erwuchs. Da es jedoch für diese Form der spezifischen Gewalt an Männern bis dahin weder einen Begriff, noch überhaupt ein Bewußtsein im gesellschaftlichen Konsens gab, prägte sie dafür den Terminus der "Schwängerung" eines Mannes: "Da in einem solchen Fall dem Opfer, wenn auch indirekt, sexuelle Gewalt angetan wurde, sollte man die Tat konsequenterweise als sexuelle Vergewaltigung des Mannes bezeichnen (S. 93)." Dabei ist sie sich durchaus bewußt, daß zwischen diesen beiden Arten der Vergewaltigung Unterschiede bestehen, die sie auch nicht zu verwischen versucht. Das Problem war, wie gesagt, daß es für den von ihr als erster beschriebenen Sachverhalt weder Begriff noch Bewußtsein gab. Aus diesem Grund versucht sie dann etwa folgende Gegenüberstellung der einzelnen Aspekte:

Als "aktive Vergewaltigung" definiert sie den erzwungenen Sexualverkehr mit einer Person des weiblichen Geschlechts (seltener Männer), dessen Ziel eine Befriedigung des eigenen Sexualtriebs darstellt. Die auf das Opfer ausgeübte Gewalt falle hier mit dem Zeitpunkt der Tat zusammen (und natürlich wirkt sie noch sehr lange darüber hinaus nach, im Extremfall natürlich bei Zustandekommen einer Schwangerschaft).

Bei einer "passive Vergewaltigung" wird die Gewalt erst nach der "Tat" empfunden: Der Sexualverkehr ist zwar freiwillig, nicht aber die Folgen, die materiellen (Versorgungsanspruch) oder immateriellen (Lebensgemeinschaft mit der Mutter) Zielen dienen können.

Während Frauen in keinem fortschrittlichen Land gezwungen würden, das Kind, das aus einer Vergewaltigung resultierte, auch bekommen zu müssen, haben Männer theoretisch und praktisch keine Wahl: Denn ob das Kind ausgetragen wird, entscheidet hier die "Täterin".

Während männliche Vergewaltiger (berechtigterweise) für Jahre hinter Gitter wandern und deren Ruf für immer ruiniert wird, ist es unmöglich, bei Frauen an eine vergleichbare Bestrafung auch nur zu denken, da sie durch ihre Position zum eigenen Kind geschützt sind. (Ein extremes, aber höchst aktuelles Beispiel für diesen Sachverhalt hast Du bspw. in dem Prozeß gegen Lynndie England, deren just im Moment ihrer Anklage bekanntgegebene Schwangerschaft eine Bestrafung, wie sie bei männlichen Soldaten noch möglich gewesen wäre, verunmöglichen. Eine Mutter genießt bei uns - grundgesetzlich festgelegt - den Schutz der Gemeinschaft. Die Ansichten des Vaters spielt dabei grundsätzlich keine Rolle.)

Während das Opfer einer männlichen Vergewaltigung niemals genötigt würde, mit dem Täter gesellschaftlich zu verkehren, muß jeder Mann, der an seinem Kind interessiert ist, sich mit der Täterin ein Leben lang gutzustellen, denn seine Position ist nicht rechtlich gesichert, sondern hängt vom Gutdünken der Kindsmutter ab.

Während ein Opfer einer männlichen Vergewaltigung später niemals für den Lebensunterhalt des Täters aufkommen müßte, müsse das Opfer einer weiblichen Vergewaltigung gerade das tun. Er sollte die Täterin sogar heiraten, da lediglich ein Ehevertrag ihm noch minimale (und unterlaufbare) Rechte an seinem Kind garantiere.

Der letzte Punkt klärt den Aspekt des Finanziellen, den Du in der Diskussion mit Eugen als primär erkannt zu haben glaubtest. Vielleicht verdeutlich der oben dargestellte Zusammenhang, daß der finanzielle Aspekt eher einer der Geringsten ist. Das zentrale Problem ist vielmehr, daß das Recht auf freie Entscheidung für das eigene Leben völlig ungefragt und auf Jahre hinaus dem Mann entrissen wurde, und daß - im Gegensatz zu den Opfern männlicher Vergewaltigung - für dieses Verbrechen weder ein öffentliches Bewußtsein, noch irgendeine Möglichkeit der Ahndung, noch irgendeine Form von Ansprechpartner existieren. Vielmehr wird vom Mann erwartet, sich mit der Situation in irgendeiner Weise zu arrangieren - tut er es nicht, läuft er Gefahr, sich vielleicht auch noch das Wohlwollen seiner Freunde zu verscherzen, denn das wäre doch wirklich asozial ... Vielleicht hilft es, sich die Situation mit umgekehrten Vorzeichen anzuschauen: Versuch Dir vorzustellen, Du würdest in einem "Patriarchat" - einem richtigen Cliché-Patriarchat - leben, wo Du gezwungen würdest, nach einem solchen Ereignis das Kind auszutragen und die selben Zugeständnisse an den Täter zu machen, wie es Männern hier gegenüber den Täterinnen aufgenötigt wird. Ich denke, daß das finanzielle Problem die geringste Deiner Sorgen wäre. Und Esther Vilar selbst zeigt sich verblüfft von dem Umstand, daß Männer so selten ausrasten, und - im Gegenteil! - es vielleicht sogar noch schaffen, der Sache etwas Positives abzugewinnen. Aber was bliebe ihnen auch anderes übrig?-!

Bliebe noch der von Dir angesprochene Punkt der unfreiwillig schwanger gewordenen Mütter, die es unbestreitbar auch gibt. Selbstverständlich ist es schwierig, über die eigentliche Motivation Aussagen zu machen, da sich gerade hier vielleicht niemand gerne in die Karten schauen läßt. Andererseits kann man sich der zynischen Bemerkung, das Wissen reiche für die anspruchvollsten Tätigkeiten, nicht jedoch für die korrekte Einnahme der Pille, nicht verkneifen: Wenn man sich den Pearl-Index von Pille und Implantat (mit dem gleichen Wirkmechanismus, nur daß es hier nicht mehr auf die Gewissenhaftigkeit der Frauen selbst ankommt) anschaut, kann man eigentlich schon sagen, daß es sich dabei um eine ausgesprochen sichere Verhütungsmethode handelt. - Stellt man dem gegenüber jetzt die Anzahl der Schwangerschaften, bei deren Zustandekommen offiziell ein Versagen der Pille als Grund angegeben wird, bliebe als Schlußfolgerung eigentlich nur, daß die Pille ein höchst unzuverlässiges Mittel darstellte.

Allerdings habe ich den Eindruck, daß diese Geschichten mit der Notwendigkeit, sie zu erzählen, ebenfalls abnehmen (zumindest scheinen das Erfahrungen aus meinem Bekanntenkreis zu bestätigen): Heute ist es das Recht allein der Frau, zu entscheiden, wann und von wem sie ein Kind will oder wann nicht. - Bei der Möglichkeit der Sanktionen gegen den Vater, insbesondere im Falle einer Trennung, spielt der Umstand des Zustandekommens der Schwangerschaft jedenfalls keine Rolle. Und ausgerechnet hier - wenn schon nirgendwo anders - spielt die biologische Vaterschaft dann wieder die zentrale Rolle ...

Ebenso wie Eugen halte ich es für schwierig, mit Frauen darüber zu diskutieren, was aber mit dem gesellschaftlich eher gering dafür ausgeprägten Bewußtsein für diese Dinge zu tun hat. - Ich weiß aber auch, daß eine Einfühlung in die Position des anderen möglich ist.

So - ich hoffe, ich konnte Dir noch was Neues erzählen.

Herzlichen Gruß, Andreas


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