Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: @Emmalein

Emmalein, Monday, 23.02.2004, 12:15 (vor 8019 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Re: @Emmalein von Ekki am 21. Februar 2004 23:44:27:

Hi, Ekki,

wie sieht denn Dein Kontakt mit Polen aus? Ist der eher oberflächlich oder hast Du auch wirkliche polnische Freunde? Sind die alle reich oder kommen einige auch aus der Mittel- bis Unterschicht? (Ich mein, nach dem, was Du mir erzählt hast, scheinst Du ja für Deine Begriffe ein recht priviligiertes Leben zu führen).

Und seit wie vielen Jahren lebst Du schon in Polen?

"Leben und leben lassen" hat seine Vor- und seine Nachteile. Einerseits hat man dann die Chance, die Dinge etwas an den strengen Vorschriften vorbei zu regeln, andererseits fehlt ein wenig die Sicherheit. Aber ein wenig mehr "leben und leben lassen" würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Ich sehe Deutschland nämlich extrem als ein Land, wo jeder und jede vor allem auf eines besteht: Seinem Recht! Gesetzlich geregelte Rechte, gesetzlich geregelte Pflichten bestimmen die deutsche Denkweise in meinen Augen sehr viel mehr als die Denkweise in anderen Ländern. Das hat zwar zur Folge, dass unser öffentlicher Nahverkehr recht verlässlich ist. Aber wenn man noch um die Ecke gerannt kommt, wenn der Bus kommen soll, wird er nicht auf Dich warten, wenn die Zeit seines Fahrens nach Fahrplan angebrochen ist, weil er den Fahrplan einhalten will. Ich denke, das charakterisiert die deutsche Mentalität schon recht gut. Und deswegen wird es mir manchmal auch ein bisschen zu eng hier.

Wie das mit den polnischen Arbeitskräften auf die Dauer wird ,weiss ich nicht, aber sie werden auch ohne dass sie nach Deutschland kommen, innerhalb der EU einen enormen Konkurrenzdruck auf unsere Arbeitsmarkt ausüben. Wenn die Löhne da wirklich so viel niedriger sind, werden sich viele Firmen überlegen, nach Polen zu gehen. Und man wird hier noch mehr Arbeitsplätze verlieren. Ob das die EU verkraften wird oder sich mit der Osterweiterung nicht ihr eigenes Grab gegraben hat, weiss ich noch nicht so genau. Der grosse Nettozahler (Deutschland) jedenfalls kann kaum noch zahlen. Der wird immer schwächer.

Natürlich profitieren wir auch von der EU hier in Deutschland. Wir sind eine stark exportabhängige Nation. Aber andererseits: Wenn wir die Subventionszahlungen nicht mehr leisten KÖNNEN, was wird dann aus der EU? Nahe dran am Kollaps sind wir ja jetzt schon.

Walser wurde selbstverständlich nur mit der "Moralkeule" niedergeknüppelt, nicht real. Er wurde damals für eine Rede stark kritisiert, in der er sagte, dass viele Deutsche damit Probleme haben, dass ihnen ,wenn sie sich zu diesem oder jenem politischen Weltgeschehen äussern, immer wieder das Nazi-Regime und die schrecklichen Folgen entgegengeschleudert werden und dass sich teilweise dieses Argument als "Moralkeule", als "Todschlagsargument" erweist. Ich glaube, er nahm ausdrücklich auf den KKOnflikt Israel- Palästina Bezug. Ein Sturm der Entrüstung brach weltweit nach Walsers Rede los, Walser wurde als Nazi beschimpft usw. Damals fand ich, er hätte gar nicht so unrecht. Darf man zwar nicht schreiben, aber irgendwo finde ich, ist da was dran.

Dennoch wäre es gut, wenn mit derselben Intensität an der Verbesserung des Verhältnissen Polen-Deutschland gearbeitet würde wie damals am Verhältnis Frankreich-Deutschland. Das hatte ja auch beeindruckende Erfolge. Auf beiden Seiten lässt sich kaum eine explizite Deutschen- oder Franzosenfeindlichkeit ausmachen, es gibt viele gemeinsame Bildungsprojekte(deutsch-französische Doppeldiplome etc.) und man arbeitet auch wirtschaftlich eng zusammen. Wäre toll, wenn das mit Polen irgendwann auch mal so eine Erfolgsstory würde. Aber es scheint wirkliches Engagement auf beiden Seiten noch eher zu fehlen, leider.

Es grüsst
das Emmalein


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