Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: @Emmalein

Ekki, Sunday, 22.02.2004, 01:44 (vor 8020 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: @Emmalein von Emmalein am 18. Februar 2004 10:04:39:

<blockquote><p align="justify[/link]>Hi, Ekki,
[quote]hat sich denn für die Polen die Lage gegenüber dem Sozialismus insgesamt eher verbessert oder verschlechtert? Wie denken die darüber? Das würde mich mal interessieren?
</blockquote></p>[/quote]

<p align="justify[/link]Wie gesagt, einigen geht es besser, aber leider vielen anderen mindestens ebenso schlecht wie unter dem Sozialismus. Das hat bei nicht wenigen zum Phänomen der "Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens" geführt, will sagen, sie haben vergessen, wieviel negative Seiten der Sozialismus hatte und sehnen sich nach ihm zurück. Aber das Phänomen ist uns ja bei manchen ehemaligen DDR-Bürgern als "Ostalgie" bestens vertraut.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Und ist der Katholizismus in Polen tatsächlich so stark, wie sein Ruf? (Leider für mich eher eine Tatsache, die ein Land unattraktiver macht, zu viel Einfluss der Religion auf das Staatswesen schadet in meinen Augen mehr als er nützt).</blockquote></p>

<p align="justify[/link]So, wie der Sozialismus in Polen im Vergleich zu anderen Staaten immer ein Augenzwinker-Sozialismus war (es kursierte das Bonmot: "Polen ist wie ein Radieschen - außen rot und innen weiß"), so ist auch der Katholizismus weithin ein Augenzwinker-Katholizismus, der an das Zitat von Franz-Josef Strauß erinnert: "Man muß die Prinzipien so hochhängen, daß man jederzeit darunter durchschlüpfen kann." Zwar gibt es echt fanatische Katholiken, aber im Grunde genommen ist deren Haltung der polnischen Mentalität, die zutiefst von einem "Leben und leben lassen" geprägt ist, fremd.</p>
<p align="justify[/link]Das soll nun nicht heißen, daß es mit der Kirche gar keine Probleme gäbe. Insbesondere bei Sexualerziehung, Empfängnisverhütung und Abtreibung sieht es da ziemlich übel aus.</p>
<p align="justify[/link]Kurz und gut: Eine etwas ambivalente Situation, aber man kann die Hoffnung haben, daß die polnische "Leben-und-leben-lassen"-Mentalität, die allen Unterdrückungsversuchen widerstanden hat, letzten Endes auch die Kirche in die Schranken weisen wird - unterstützt vom westeuropäischen Einfluß, der sich nach dem EU-Beitritt massiv verstärken wird, wovor ja die 150%-igen Katholiken erklärtermaßen auch am meisten Angst haben.</p>

An dieser Stelle noch ein interessantes Stück Landeskunde.[/i][/u]

<p align="justify[/link]Erinnerst Du Dich noch an den Regierungssprecher von General Jaruzelski, Jerzy Urban[/i][/u]? Gleich nach der Wende hat er eine Zeitung mit dem Namen „NIE“ (zu Deutsch „NEIN“) ins Leben gerufen, die Enthüllungsjournalismus in extrem provokativer Form betreibt (bewusste Verwendung der Obszön-Sprache und vulgärer Zeichnungen) und in erster Linie massivstens antikirchlich agitiert. Zwar stöße die oben beschriebene provokative Art viele ab, aber selbst die Gegner dieser Zeitung geben zu, dass sie sich größte Verdienste um die Aufdeckung von Skandalen in allen politischen Lagern und gesellschaftlichen Gruppen erworben hat. Ich selbst war von Anfang an begeisterter Leser dieser Zeitung und halte sie, was investigativen Journalismus betrifft, für ebenso wichtig wie den SPIEGEL.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Wie ist denn so die Kaufkraft im polnischen Inland? Ist das Leben da teurer oder billiger als in D, oder hält sich das die Waage? Dann wären 500 Euro verdammt wenig!</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Es ist[/i][/u] verdammt wenig. Wer davon leben muß, ist nicht zu beneiden. Hätten die Polen nicht ihren Familienzusammenhalt – es würden noch viel mehr Menschen im äußersten Elend leben. Ich selbst verdiene brutto 2100 €, netto 1663 €, zahle als Entsandter Steuern in Polen und Sozialabgaben in Deutschland und lebe wie Gott in Frankreich. Ich kann Taxi fahren so viel ich will, auch lange Telefonate ins In- und Ausland kann ich locker verkraften.</p>
<p align="justify[/link]Zu einem umfassenden Vergleich der Lebenshaltungskosten fehlen mir die Detailinformationen. Nur so viel sei noch gesagt, dass ich für eine Kollegin bei jedem Aufenthalt in Berlin, wohin ich es nicht weit habe, Kosmetika von Douglas mitbringe. Douglas gibt es zwar in Polen auch, die Preise sind aber höher als in Deutschland.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Die Vertriebenen, die ich kenne, sind auch nicht in den Vertriebenen-Verbänden organisiert. Und die wollen auch nicht mehr zurück nach Polen, die haben sich hier eingerichtet. Trotzdem finde ich es rein rechtlich ungerecht, dass Polen bei uns in Deutschland Land kaufen können, aber Deutsche in Polen nicht. (Benesch-Dekrete).</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Hier verwechselst Du etwas. Die Benesch-Dekrete legalisierten die Vertreibung der Deutschen, und zwar der Deutschen aus Tschechien (Polen hat damit gar nichts zu tun, Benesch war ein tschechischer Politiker, und die Benesch-Dekrete haben in Polen keine Rechtskraft)[/i]. Den Vertriebenen geht es im Zusammenhang mit den Benesch-Dekreten darum, dass die tscheschische Regierung öffentlich eingestehen soll, dass die Benesch-Dekrete von allem Anfang an Unrecht gewesen seien. Die Frage, wer sich heute unter welchen Bedingungen in Tschechien niederlassen darf, wird von den Benesch-Dekreten nicht geregelt – logisch, die wurden ja unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges erlassen, als niemand sich die heutige Situation vorstellen konnte.[/i][/u]</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Wenn die schon in die EU wollen, dann keine Sonderrechte für die Polen!</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Was die Sonderrechte betrifft: So, wie die Polen[/i][/u] sich lange Übergangsfristen beim Landerwerb[/i][/u] ausbedungen haben, so haben die Deutschen[/i][/u] sich lange Übergangsfristen bei der Freizügigkeit der Arbeitskräfte[/i][/u] ausbedungen. Ich halte beide Befürchtungen[/i][/u] – die Angst der Polen vor Regermanisierung ebenso wie die Angst der Deutschen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen durch polnische Billigkräfte – für reichlich übertrieben[/i][/u] und sage voraus, dass die Aufregung sich beiderseits der Oder ganz schnell legen wird, wenn Polen erst einmal in der EU ist und Deutsche wie Polen sehen, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird. Dennoch hat es mich erschreckt, in welchem Maße selbst solche Politiker in Deutschland und Polen, die sich sonst mit viel Verständnis für den jeweils anderen für gutnachbarschaftliche Beziehungen einsetzen, in dieser Frage völlig ausflippten.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Tut mir leid, aber da fehlt mir das Verständnis. Egal, wie schlimm das ist, was sie von den Deutschen erlitten haben. Das ist inzwischen 60 Jahre her, und ich sehe es nicht mehr ein, dafür verantwortlich gemacht zu werden, was vor 60 Jahren war. Ich habe zwar eine Verantwortung in dem Sinne, dass die Sachen damals nicht vergessen werden dürfen und sich auf keinen Fall wiederholen sollen, aber ich habe manchmal ehrlich gesagt genug von der Moralkeule, die uns Deutschen überall entgegengeschmettert wird.</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Hast Du mein Posting genau gelesen? Ich habe doch intensiv geschildert, wie positiv die Polen aller Generationen heute den Deutschen entgegenkommen.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>(Ich weiss, das darf man nicht sagen, dann wird man niedergeknüppelt wie der Walser, aber ich denke nun einmal so.)</blockquote></p>

Gewalt als „Diskussionsmittel“ ist natürlich niemals und nirgendwo[/i][/u] zu rechtfertigen.

<blockquote><p align="justify[/link]>Gottseidank ist mir das bei privatem Umgang mit den Menschen auch eher gar nicht passiert. Glück gehabt!</blockquote></p>

Wäre in Polen auch nicht zu befürchten. Schlimmstenfalls würde es verbal heftig werden.

<blockquote><p align="justify[/link]> > <Leider muß ich nach allem, was ich in Polen beobachtet habe, der Mehrheit der Deutschen, die als Touristen nach Polen kommen, bescheinigen, daß sie ... ähem ... Sensibilität und kultiviertes Auftreten ... noch ein 'ähem' ... etwas vermissen lassen. Als Berlusconis Staatssekretär Stefani vergangenen Sommer seine berühmt-berüchtigte Philippika gegen die Deutschen loslies, mußte ich im Stillen einräumen, daß allzu viele Deutsche im Ausland den von ihm gezeichneten Bild ("grölende, plebejische und arrogante Teutonen mit Bierbauch" - so oder ähnlich hatte er sich ausgedrückt) leider, leider entsprechen.</p>
[quote]Nun ja, manch ein Pole, der hier in Deutschland lebt, benimmt sich auch nicht gerade vorbildlich. Ganz zu schweigen von einigen Italienern. Gerade als Frau kann ich ein Lied von blöden italienischen Anmachsprüchen singen... Na ja, ich kann nichts dafür, dass ich blond und kurvenreich bin, ich verstehe ja auch, dass das der Reiz des Exotischen für diese Herren der Schöpfung ist, aber ein gewisser Anstand könnte bei solchen Anmachen doch auch gewahrt bleiben, oder?
In Italien selbst war ich überigens noch nicht, na ja, als ich klein war mit meiner Mama mal in Venedig, aber das ist ja eher Oberitalien.
Sensibilität anderen Kulturen gegenüber zu zeigen ist wohl immer ziemlich schwer, egal, um welches Volk es sich handelt. Aber man kann da doch nicht alle Leute in einen Topf werfen. Ich bin sicher, dass es auch hier nette und freundliche Italiener ohne die dummen "Anmachtouren" gibt. Nur die Anmachtouren fallen auf und nerven. Die anderen Männer verhalten sich zurückhaltender und fallen darum nicht auf, und nerven deswegen auch nicht. Ist vielleicht auch bei den Touristen so.
</blockquote></p>[/quote]

<p align="justify[/link]Stimmt, keine Nation könnte von sich behaupten, dass alle ihre Vertreter im Ausland immer ein optimales Bild abgeben.</p>

<blockquote><p align="justify[/link]>Na ja, Polen hat es mit positiven Klischees denke ich am schwersten. Ein Klischee von der polnischen Gastfreundschaft kannte ich beispielsweise gar nicht. Aber eines von den Polen, die deutsche Autos klauen, von den faulen Polen, vom schmutzigen Polen, vom grauen, sozialistischen Polen. Polen und Deutschland müssen gemeinsam noch viel aneinander arbeiten, damit sie ein positiveres Verhältnis zueinander bekommen. Und leider sehe ich in Polen keinen De Gaulle und in Deutschland keinen Adenauer. Schade eigentlich.</blockquote></p>

<p align="justify[/link]Volle Zustimmung. Leider zieht es mich so gar nicht ins politische Geschäft, so dass ich diese Lücke wohl nicht füllen werde …</p>

Es grüsst höchst freundlich
das Emmalein

Herzlichen Gruß zurück von

Ekki


gesamter Thread:

 

powered by my little forum