Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Gewalt ist nicht (nur) männlich

Arne Hoffmann, Saturday, 20.09.2003, 17:26 (vor 8174 Tagen)

Howdy :-)

Die Hannibals, Anita Heiligers und Dieter Ottens in der Geschlechterdebatte erhalten von Wissenschaftlern aufgrund neuester Erkenntnisse immer mehr Gegenwind.

Einen hübschen Beitrag dazu findet man unter http://idw-online.de/public/pmid-66838/zeige_pm.html. Hier nur einige Passagen daraus:

"Gewalt ist männlich" - diese, typischerweise durch Medien vermittelte Aussage ist falsch. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler, die sich im Rahmen einer Tagung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) mit dem Themenfeld "Geschlecht - Gewalt - Gesellschaft" auseinandersetzen.

(...)
Ausgangspunkt der Überlegungen war die zunehmende Aufmerksamkeit, die seit einigen Jahren in der massenmedialen Berichterstattung und in den Sozialwissenschaften dem Aufsehen erregenden Thema Frauengewalt - speziell mit Blick auf Vorfälle häuslicher Gewalt - gilt. Da allein die Problematisierung einer systematisch auftretenden Form von "männlicher" Gewaltausübung durch Frauen den üblichen Wahrnehmungen von Gewalt als ausschließlich männliches Phänomen widerspricht, standen neben der Beschäftigung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen auch Fragen grundsätzlicher Art im Zentrum des Interesses. Hierzu gehört beispielsweise die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der "traditionellen" Aufteilung in männliche Täter und weibliche Opfer oder die Frage, ob Emanzipation weibliche Verbrecher schafft. Ist die weibliche Delinquenz mitverantwortlich für den vielfach beklagten Anstieg der (Jugend)Kriminalität oder ist Gewalt nach wie vor ausschließlich männlich besetzt?
(...)
Prof. Dr. Ulrike Popp, Klagenfurt, verwies darauf, dass sich die vorherrschende Definition von Gewalt fast ausschließlich auf strafrechtlich relevante Delikte oder physische Gewalt mit Verletzungs- oder Tötungsfolgen beziehe. Jedoch belegten Untersuchungen zu den Ausdrucksformen weiblicher Aggression, dass eine Erweiterung des Gewaltbegriffes um Kategorien wie Mobbing, Stalking, psychische und verbale Gewalt das Verhältnis von männlicher zu weiblicher Täterschaft deutlich zu "Ungunsten" der Frauen verschieben würde. Dagegen werde in den Medien und in weiten Teilen der Wissenschaft ständig darauf verwiesen, Gewalt sei ein Männermonopol, was zu einer erheblichen Verzerrung der gesellschaftlichen Realität beitrage. In den USA habe sich zum Beispiel gezeigt, dass im Bereich der häuslichen Gewalt Männer wie Frauen in ähnlichem Umfang gewalttätig würden - allerdings mit unterschiedlichen Mitteln. Studien der Universität Potsdam zeigen, dass Männer bei sexueller Gewalt häufiger in Erscheinung treten und mit Gewalt eher die Frauen verletzen, bei physischer Partnergewalt Frauen dagegen ein breiteres Spektrum von Gewalt anwenden, berichtete Prof. Dr. Barbara Krahé. (...)<<<

Laut dieser Website sollte ein Tagungsband schon im August im Buchhandel erscheinen, laut Amazon dauert das noch bis Dezember. Gestern durfte ich anlässlich eines Interviews einen Einblick in die Inhaltangabe dieses Tagungsbandes nehmen; sie liest sich sehr vielversprechend.

Insbesondere macht es mich ausgesprochen zufrieden, dass sich mehr und mehr WissenschaftlerINNEN dem Problem der Frauengewalt stellen. Autoren wie Anthony Clare ("Männer haben keine Zukunft") diffamieren diese Debatte immer noch als eine männliche Strategie, um der eigenen Gewaltbereitschaft nicht ins Auge sehen zu müssen. (Bekanntlich sind ja sämtliche Männer den ganzen Tag über hauptsächlich mit Prügeleien beschäftigt.) Allerdings ging die Forschung über weibliche Täter von Anfang an auch stark von Frauen wie etwa Susanne Steinmetz und Erin Pizzey aus. Dass sich jetzt auch in Deutschland zunehmend Wissenschaftlererinnen finden, die die Scheuklappen der feministischen Ideologie ablegen, halte ich für ein sehr gutes Zeichen. :-)

Die Frage, welche gesamtgesellschaftlichen BEDÜRFNISSE damit erfüllt werden, dass entgegen den vorliegenden Erkenntnissen Männer in die Täter- und Frauen in die Opferrolle gepresst werden, erscheint auch mir einer vertieften wissenschaftlichen Untersuchung wert. (IMHO naheliegende und durch die existierende Forschung gestützte Thesen: "Viele Männer wollen nicht als Opfer erscheinen, um nicht an Stärke, Status und erotischer Atraktivität zu verlieren und als Weicheier/Jammerlappen gebrandmarkt zu werden" sowie "Viele Frauen wollen die Privilegien nicht aufgeben, denen ihnen ihr alleiniger Opferstatus verschafft. Ein weibliches Opfer erfährt beim männlichen Gegenüber keinen Verlust an erotischer Attraktivität, sondern kommt stattdessen in den Genuss umfassender Hilfe und Mitgefühls.")

Herzlicher Gruß (falls Joachim diesen Text wieder übernimmt auch ans EMMA-Forum :-)

Arne


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