Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: OT: Die Bürde des weißen Mannes

Lars, Sunday, 07.09.2003, 17:32 (vor 8186 Tagen) @ Anabasis

Als Antwort auf: OT: Die Bürde des weißen Mannes von Anabasis am 07. September 2003 10:34:18:

Mir stinkt schon, das die Knallköpfe auf dem Balkan bei sich alles in Trümmer schlagen. Da gehen die Albaner hin, verzocken Haus und Hof in irgendwelchen Schneeball-Investments. Anschließend legen sie ihr Land in Trümmer und betteln regelrecht um eine Intervention! Vom Kongo nicht zu reden (oder Liberia oder Ruanda oder Mali oder Algerien oder...).

[...]

Das muss man erst mal bringen: eins der zehn reichsten Länder der Welt sinkt in 50 Jahren auf dritte-Welt-Niveau (Argentinien).
Da ist doch Hopfen und Malz verloren. Gegen solche Löcher im Verstand kommt der IWF mit seinem kleinen Schaufelchen nicht an!
Was haben die Saudis gemacht mit den Öl-Milliarden? Räumen die Araber die Nobelpreise ab? Ist Mekka auch das Mekka der Krebsforschung? Steht in der arabischen Wüste der größte Linearbeschleuniger? Oder regiert dort eine korrupte klerikalfaschistische Bande? Und was leisten die arabischen Intellektuellen? Ingenieursstudenten fliegen wehrlose Fluggeiseln in Bürohochhäuser! Stranddiskos werden gesprengt, während sie voll besetzt sind.

Versteh mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, die diversen korrupt-parasitären Regierungen in Schutz zu nehmen. Ebensowenig darum irrationales Wirtschaftsverhalten und aufschwungshemmende Traditionen der dortigen Völker zu verteidigen (ich hab auch kein Problem damit, mich als "Kultur-Imperialist" zu bezeichnen, wenn damit die Verbreitung von Aufklärung, Wissenschaft und Liberlität - auch gegen den Widerstand dortiger traditioneller lokaler Eliten - gemeint sind); worum es mir geht, ist die ganz und gar Gläubiger-Interessen-geleitete Politik des IFW.

Reden wir von den Rettern der dritten Welt? Mugabe hatten wir. Wie wäre es mit Che und dem fidelen Castro? Oder Gaddafi?

Mit Lybien kenne ich mich nicht so aus, aber zu Kuba:
- einerseits: Castro regiert als Diktator, es gibt Menschenrechtsverletzungen (nur daß DIESER Diktator ausnahmsweise mal NICHT von den USA im Amt gehalten wird), der Kult, den die Linken um Castro betreiben, ist insofern naiv-verklärend; das Planwirtschaftssystem modert so vor sich hin...
- andererseits: Kuba ist so ziemlich das einzige Land in Lateinamerika, wo Kinder aus der Unterschicht eine halbwegs vernünftige Schulbildung erfahren, nicht mit bewaffneten Straßen-Gangs aufwachsen und Aussicht haben auf ein Minimum an ärztlicher Versorgung. Das sollte man fairer Weise auch anerkennen.

Allein die Vorstellung, man könnte den Potentaten dieser Welt mit gut Zureden und sanftem Zwang Kultur und Ökonomie beibringen, ist albern. Das haben die Amerikaner in Lateinamerika versucht und sind regelmäßig auf die Schnauze gefallen. Zum Schluss haben sie nur noch Diktatoren unterstützt nach den zwei Prinzipien: „Hauptsache Ruhe“ und „Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn“.

Den USA wäre es natürlich schon recht gewesen, wenn in Lateinamerika große Absatzmärkte für ihre Produkte entstanden wären (am besten noch durch Zölle abgeschirmt gegenüber den europäischen Konkurrenten *g*), aber Vorrang hatte natürlich immer die Stabilität des Dollars (die nicht durch geplatze Kredite und verlorene Investitionen in Lateinamerika gefährdet werden durfte). Eine solche rein national-ökonomische Herangehensweise erlaubt eine langfristig angelegte Enwicklungshilfe-Politik. Und wenn man sich dann noch anmaßt, im US-Investoreninteresse regelmäßig im Süden die Regierungen auszuwechseln (unter Inkaufnahme größerer Gewaltorgien), muß man sich nicht wundern, wenn man irgendwann südlich der mexikanischen Grenzen nur noch verhasst ist.

> Aber das entschuldigt doch nicht die Politik der internationalen Gläubiger-Konsortien!
Ich habe zwei Fragen an Dich:
- würdest Du Ländern der dritten Welt DEIN(!) Geld leihen (nach welchen Kriterien)?
- was würdest Du machen, wenn sie es verfressen haben und DEIN(!) Geld nicht mehr zurückzahlen?
Gruß Anabasis

Daß die Banken ihr Geld zurückhaben wollen, ist klar. Aber denen geht´s gut genug (allein da hinkt schon der Vergleich mit mir als Studenten, lol).

Das A und O ist es, daß die Regierungen der Industrieländer einen anderen Standpunkt einnehmen: Nicht den des Schuldeneintreibers, sondern den der Weltregierung (die der IWF vom der Machtfülle ja schon ist!). D. h. ihr Augenmerk sollte in den nächsten Jahrzehnten nicht auf die kurz- und mittelfristige Zahlungsfähigkeit der E-Länder gerichtet sein, sondern darauf, daß dort erstmal Binnenmärkte, interne Wirtschaftskreisläufe und Infrastrukturen enstehen (als Voraussetzungen für Industrialisierung). Auch Schutzzölle (wie Deutschland und die USA sie während ihrer Industrialisierung selber praktiziert haben! Und die EU teilweise noch heute!) sollte man den E-Ländern vorerst zugestehen. Der Schwerpunkt der Hilfe sollte von Krediten auf unmittelbar technische Hilfe verlagert werden. Unter DIESEN Bedingungen würde ich es sogar befürworten, wenn UNO/NATO-Truppen vor Ort die Verwendung der Lieferungen überwachen und die lokalen War-Lords kleinhalten.

Die Aussetzung der Zinstahlungen auf unbestimmte Zeit würde bei uns natürlich wirtschaftliche Probleme verursachen. Spätestens dann müßten wir uns fragen, wie es mal mit einer effektiven Besteuerung von Großunternehmen und Gewinnen aus kurzfristigen Aktienverkäufen wäre.

Gruß
Lars


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