Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Thema: Gender und Schule

susu, Thursday, 27.03.2003, 16:43 (vor 8350 Tagen) @ Stefan G.

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Stefan G. am 27. März 2003 08:24:37:

Hi Stefan

Da kann ich vielleicht auch einen kleinen Punkt beitragen. Mir ist im Zusammenhang mit PISA einiges aufgefallen. Was ich im Internet so gefunden habe an Material zu diesem Thema, war sehr interessant. Prinzipiell scheint es so zu sein, daß unser Schulsystem Mädchen in hohem Maße bevorzugt, weil der Unterricht stark auf Lernstrategien ausgerichtet ist, die in der Regel eher von Mädchen benutzt werden. So arbeiten Mädchen vornehmlich mit Wiederholungs- und Kontrollstrategien, d.h. sie schauen sich Inhalte mehrfach an und prüfen dann, ob sie alles verstanden haben. Jungs benutzen in stärkerem Maße "Elaborationsstrategien". So wie ich das verstanden habe, geht es dabei um eine Form von "integrativem Denken", indem man versucht, neues Wissen in bereits vorhandene Gesamtwissensstrukturen zu integrieren.

Wobei das dann manchmal zu grausigen Gedanken, wie der Abschaffung der Koedukation führt. Das Ergebnis wäre (wenn sich der Untericht an diesen Erkenntnissen orientieren würde) eine Benachteiligung der Jungen, die Wiederholungsstrategien bevorzugen und der Mädchen, die Elaborationsstrategien anwenden. Das Konzept, das als Zielvorstellung längst in der Pädagogik vorhanden ist, in der Praxis aber zu wenig Anwendung findet (besonders in Weiterführenden Schulen) ist es, individuelles Lernen zu ermöglichen, d.h. allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben die Themen mit ihren Möglichkeiten zu erfassen, indem verschiedene Zugänge aufgezeigt werden.

Aber ich bin kein Experte. Meine persönliche Beobachtung, die ich an der Uni gemacht habe, ist, daß Jungs und Männer wesentlich experimentierfreudiger sind - ich kann das allerdings nur für ein technisches Studium beurteilen! - Frauen hingegen sich im allgemeinen gerne in vorgegebenen Schienen bewegen (dies sehr sorgfältig), aber nur selten davon abweichen.

Kann ich nicht bestätigen. Die Frauen mit denen ich im Praktikum oder in Arbeitsgruppen zusammengearbeitet habe bewegten sich in derselben Spanne zwischen Book-learnern und und unorganisierten "Erst mal zusammenbauen, einschalten und wenn´s nicht geht gucken, was der Schaltplan sagt"-Menschen wie die Männer auch.

In der Praxis sieht das so aus, daß Studentinnen alles, was sie in der Vorlesung beigebracht bekommen, sehr gewissenhaft lernen und in den Prüfungen besser abschneiden als die Studenten. Allerdings schauen sie nur in begrenztem Maße über den Tellerrand hinaus und alles was über den vorgegebenen Rahmen hinausgeht, ist für sie nicht mehr interessant. Das hat die absurde Folge, daß ich schon Frauen im neunten Semester erlebt habe, die bis in jede Einzelheit erklären konnten, warum ein bestimmter Suchalgorithmus kubische Komplexität besitzt, die allerdings nicht in der Lage waren, unter Unix einen Druckbefehl abzusetzen oder die verzweifelt versucht haben, ein Windows-Executable unter Unix zum laufen zu bringen. Insgesamt würde ich sagen, daß unser Bildungssystem sich nicht ausreichend mit der Art und Weise auseinandersetzt, wie Männer lernen.

Sagen wir besser, es setzt sich mit bestimmten Methoden nicht ausreichend auseinander, die von einer großen Zahl Kinder angewandt werden und deren überwiegende Mehrzahl sind Jungen. Wenn wir außer Acht lassen, daß auch Mädchen diese Strategien benutzen (sie vieleicht stärker benutzen würden, wenn sie anders erzogen worden wären, klassischerweise wird Mädchen aberzogen zu handeln, Jungen aberzogen zu intellektualisieren, das schlägt sich in den bevorzugten Lernstrategien nieder), dann kommen diese Mädchen eventuell unter die Räder, genau wie die Jungen, die Wiederholungsstrategien einsetzen.

Grüße
susu


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