Re: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen?
Als Antwort auf: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen? von Wolfgang am 23. November 2004 10:27:44:
Hallo Wolfgang!
Ich glaube, ein wesentlicher Grund für diese Mißhandlungen ist das geringe Alter der Wehrpflichtigen und ihre somit auch geringe Lebenserfahrung. Das bekam ich schon zu spüren, als ich zum Grundwehrdienst eingezogen wurde. Da landete ich erst einmal mit ca. 50 Leidensgefährten in einem großen Raum, wo ein Feldwebel uns erklärte, wie es nun weiter geht. Der Mann war in Auftreten und Stimme ein typischer Spieß, und wir jungen Rekruten - die meisten waren wie ich jünger als 20 - saßen alle eingeschüchtert vor ihm. Dann ging die Tür auf und ein paar Reservisten im Alter um die 35 kamen herein. Einer von ihnen sah den Spieß an, sagte grinsend sowas wie "Tag, Meister", und dann setzten sie sich locker in die letzte Reihe. Die wußten nämlich schon, wie der Hase läuft und wie sie mit diesem Feldwebel umzugehen hatten. Der sagte auch wohlweislich nichts dazu.
Die jungen Rekruten aber lassen sich noch leicht einschüchtern und sind somit ideale Opfer für Luftikusse, die anderweitig nichts zu melden haben und das dann auf Kosten ihrer Untergebenen ausgleichen wollen.
In der NVA war das noch viel schlimmer. Da gab es die sogenannte "E-Bewegung". "E" oder "EK" stand für "Entlassungskandidat". Ich glaube, diese Abkürzung stammte noch aus der Wehrmacht, wo diejenigen mit dem Eisernen Kreuz ja auch meist die dienstälteren waren.
In der DDR war der Grundwehrdienst ja 18 Monate lang. Die Wehrpflichtigen durchliefen also 3 Diensthalbjahre. Am Ende jedes Halbjahres wurden Wehrpflichtige entlassen, und zu Beginn des nächsten Halbjahres wurden neue eingezogen.
In der NVA gab es für die Unterkünfte der Soldaten kein spezielles Personal zum Reinigen der Räume. Das mußten die Soldaten selbst tun. In der Praxis lief das so ab:
Sämtliche anfallenden Reinigungsarbeiten wurden von den "Glatten" erledigt. Das waren die Wehrpflichtigen im ersten Diensthalbjahr. Man nannte sie "Glatte", weil die dienstälteren Wehrpflichtigen ihre Schulterklappen knickten. Die Soldaten im ersten Diensthalbjahr durften das nicht tun (sonst hätte es Ärger mit den dienstälteren gegeben) und so waren ihre Schulterklappen eben glatt.
Die Wehrpflichtigen im zweiten Diensthalbjahr nannten sich "Vizes". Sie hatten dafür zu sorgen, daß die "Glatten" auch brav ihren Pflichten nachkamen. Das waren nicht nur die anfallenden Reinigungsarbeiten, sondern die "Glatten" mußten den Dienstälteren oft auch Essen aus der Küche mitbringen.
Die Wehrpflichtigen im dritten Diensthalbjahr nannten sich "E's" oder "EKs". Sie taten außerhalb des Dienstes überhaupt nichts. Nur wenn die "Glatten" nicht spurten, bestraften sie die "Vizes" dafür, die dann wiederum die "Glatten" zu bestrafen hatten.
Das Ganze resultierte wahrscheinlich auch daraus, daß viele Wehrpflichtige ihre Berufsausbildung gerade erst abgeschlossen hatten. Und da lief es ja auch häufig so, daß die Azubis alle Drecksarbeiten erledigen mußten. Der Spruch "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" kommt ja nicht von ungefähr. So waren sie es zum einen gewohnt, sich unterzuordnen und verspürten andererseits aber auch stärker das Bedürfnis, auch andere mal so richtig zu trietzen, sobald sie in der Position dafür waren.
Das Ganze war natürlich nicht offiziell legitimiert. Ganz im Gegenteil: Die Offiziere sprachen sich häufig dagegen aus und offiziell durfte es so etwas nicht geben. Tatsächlich war vielen Vorgesetzten - vor allem natürlich den Hauptfeldwebeln - aber sehr wohl bewußt, daß dieses System wesentlich zur Disziplinierung der Wehrpflichtigen beitrug. Deshalb sprach man sich offiziell zwar dagegen aus, duldete es aber stillschweigend.
Die Leidtragenden waren dann die Wehrpflichtigen des ersten Diensthalbjahres, die nicht nur unter Schikanen der Vorgesetzten, sondern auch unter den Schikanen ihrer dienstälteren "Kameraden" zu leiden hatten. Da in jedem Diensthalbjahr etwa gleich viele Rekruten gezogen wurden, waren die Wehrpflichtigen des ersten Diensthalbjahres auch zahlenmäßig den dienstälteren Soldaten üblicherweise immer unterlegen. Das allein sorgte schon dafür, daß ein frisch eingezogener Wehrpflichtiger normalerweise keine Chance hatte, diesem System zu entgehen.
Wie schlimm das Ganze wurde, hing von der Einheit und auch von den Offizieren und Unteroffizieren ab. In Mot-Schützen-Kompanien war es oft am schlimmsten, weil es dort mehr Wehrpflichtige und Unteroffiziere mit niedriger Intelligenz gab. Da hat es dann zuweilen auch Selbstmorde gegeben. In Spezialeinheiten, wo man bevorzugt Wehrpflichtige und Unteroffiziere mit guten Schulnoten einsetzte, war es weniger schlimm.
Es gab da aber auch Unterschiede zwischen den Kasernen. Manche Kommandeure förderten solche Repressalien gegen Wehrpflichtige des ersten Diensthalbjahres, zumindest indem sie keine echten Strafen dagegen verhängten. Das spornte dann entsprechend veranlagte Unteroffiziere erst so richtig an. Andere Kommandeure wandten sich dagegen, und dann uferte das auch nicht so sehr aus.
Wie das jetzt in der Bundeswehr aussieht, weiß ich nicht. Ich war nur noch 3 Wochen in der Bundeswehr, und da das die letzten 3 Wochen vor meiner Entlassung waren, habe ich mir da auch ein ruhiges Leben gemacht. Von irgendeinem Offizier hätten wir uns da nicht mehr schikanieren lassen. Einmal ging ich mit zwei anderen Soldaten in der Kaserne an einem Leutnant vorbei. Wir ignorierten ihn, und der sprach uns tatsächlich an und wollte, daß wir ihn als Vorgesetzten grüßen. Einer meiner Kameraden ging dann auf ihn zu und fragte: "Was willst du von uns?" Der Leutnant war einen guten Kopf kleiner als er und guckte erstmal nur groß. Dann fragte er nach unserer Einheit. Wir sagten sie ihm, er sagte, er würde sich bei unserem Kompaniechef beschweren, wir lachten, gingen weiter und damit war die Sache erledigt. Wir haben nichts mehr von dem Knilch gehört. Und wenn unser Kompaniechef tatsächlich etwas dazu gesagt hätte, dann wäre es uns auch egal gewesen.
Wenn man aber frisch eingezogen wurde, noch den ganzen Wehrdienst vor sich und keine Erfahrung mit solchen Dingen hat, dann sieht man das nicht so locker und ist so das ideale Opfer für solche Machtspielchen.
Freundliche Grüße
von Garfield
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Wolfgang,
23.11.2004, 12:27
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- Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
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23.11.2004, 19:30
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