Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen?
In anderen Ländern, vor allem in Russland, ist das es ein geradezu endemisches Problem, das massenhaftes Ausmaß besitzt und bis zu sehr vielen Tötungen, zahlreichen Selbstmorden und schweren dauerhaften Körperverletzungen von Wehrpflichtigen geht.
Das Phänomen gibt es jedoch auch bei uns im humanen Deutschland, wie wir an den immer wieder bekannt werdenden Misshandlungs-Skandalen bei der Bundeswehr sehen. Zwar wird bei uns durch Politik und Gesetze versucht, vorzubeugen: Jedes Jahr wird ein so genannter Bericht des Wehrbeauftragten veröffentlicht, in dem Verstöße gegen das Prinzip der inneren Führung öffentlich gemacht werden. Dieser Bericht enthält jedes Jahr unzählige Geschichten von Entwürdigungen und Gewalttaten von Seiten der BerufsoffizierInnen gegen Wehrpflichtige. Schlimm genug, doch:
Jeder, der als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war, weiß, dass Schikanen und Misshandlungen von Seiten der Ausbilder(innen) an der Tagesordnung sind, jedoch so gut wie nie gemeldet werden, also auch niemals in einem offiziellen Bericht auftauchen, weil die Opfer ganz einfach Angst davor haben, Meldung zu erstatten, da mann als Wehrpflichtiger in einem ständigen Klima der Unterdrückung durch die BerufsoffizierInnen lebt.
Man hat als Wehrpflichtiger das bedrängende Empfinden, in eine Art rechtsfreien Raum hineingeworfen zu sein, vor allem in der Grundausbildung, wo mann als Wehrpflichtiger rund um die Uhr das Gefühl vermittelt bekommt, dass sie mit einem machen können, was sie wollen.
Das wahre Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen bei der Bundeswehr ist in der Öffentlichkeit bei weitem nicht bekannt, trotz Bericht des Wehrbeauftragten, Prinzipien der Inneren Führung, Kontrolle durch die Öffentlichkeit und die Parlamente usw.
Die Ursache für das Phänomen der Misshandlungen von Wehrpflichtigen liegt zu tief, als dass sie durch administrative und legislative Maßnahmen beseitigt werden könnte.
Denn die Institution Wehrpflicht als solche bewirkt, dass es immer wieder zu solchen Ereignissen kommen muss. Die Menschenrechtsverletzung ist in der Institution Wehrpflicht von vornherein strukturell angelegt.
Die Wehrpflicht erzeugt eine unausweichliche sozialpsychologische Dynamik bei den Beteiligten, welche fatal ist. In der täglichen Praxis einer Wehrpflicht-Armee begegnen sich freiwillige, befehlsberechtigte Berufsoffiziere/Berufsoffizierinnen auf der einen Seite und gezogene, ausgehobene, zwangsverpflichtete 18- oder 19-jährige jugendliche "Männer", im Grunde genommen sind es noch Jungen, die unter Androhung von Gefängnisstrafe zum Dienst gezwungen werden und den Befehlen, die die OffizierInnen geben, unbedingt gehorchen müssen, wenn sie nicht bestraft und diszipliniert werden wollen.
In dieser unterschiedlichen Ausgangsposition der Machtverteilung liegt die immanente Dynamik begründet, die den Beteiligten von vornherein einen unausweichlichen Täter- und Opfer-Status zuweist.
Die OffizierInnen lernen im Laufe der Jahre, dass sie Mächtige sind, die eine umfassende Macht über Körper und Seelen der Wehrpflichtigen besitzen. Ihre Macht können sie Tag und Nacht, rund um die Uhr, praktizieren. Die institutionalisierte Möglichkeit der ständigen, ununterbrochenen Machtausübung erzeugt bei den BerufsoffizierInnen eine entsprechende seelische Disposition, der sie sich, selbst wenn sie es vielleicht anfangs wollen, auf die Dauer nicht entziehen können. Es ist ein Bewußtsein von kaum eingeschränkter Macht, das im Verlauf der Zeit in ihnen entsteht, entstehen muss. Dieses Bewußtsein kaum eingeschränkter macht verführt zum Missbrauch, das ist ein ganz normaler menschlicher Zug. Darüber hinaus entsteht bei den OffizierInnen der sogenannte Corps-Geist, eine Art "Komplizenschaft", deren "Ehre" darin besteht, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt".
Beim Wehrpflichtigen erzeugt das tägliche (und nächtliche) Erleben des demütigenden Zwanges zum Gehorsam ein Gefühl des Ausgeliefertseins auf Gedeih und Verderb. Der Wehrpflichtige empfindet sich als Unterworfener. Er entwickelt das Bewusstsein, dass die wenigen Rechte, die ihm verblieben sind, z.B. das Recht, sich bei "höherer Stelle" beschweren zu dürfen, nur "auf dem Papier" stehen, aber in der Praxis nicht gelten. Er sieht sich als Einzelner einer verschworenen Gemeinschaft von unterdrückenden OffizierInnen ausgeliefert, die sich gegenseitig decken.
Wir wissen, dass an den Soesfelder Misshandlungen ca. 20 OffizierInnen als TäterInnen beteiligt waren, dass noch viel mehr Wehrpflichtige die Opfer waren, dass also sehr viele Menschen an den Praktiken beteiligt waren, sei es als TäterInnen oder als Opfer. Dass es aber kein einziges Opfer wagte, Meldung zu erstatten, obwohl die Misshandlungen sich über Monate hinweg erstreckten.
Heraus kam alles nur durch einen Zufall, durch ein nebensächliches Plaudern bei einem harmlosen Kaffeetrinken.
Gruß
Wolfgang
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Wolfgang,
23.11.2004, 12:27
- Re: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen? -
Garfield,
23.11.2004, 15:55
- Re: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen? -
Wolfgang,
23.11.2004, 17:55
- Re: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen? -
Garfield,
23.11.2004, 18:35
- Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
Wolfgang,
23.11.2004, 18:41
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
Paul,
23.11.2004, 19:30
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Magnus, 23.11.2004, 19:34
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Magnus, 23.11.2004, 19:31
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Sven74, 23.11.2004, 19:58
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Sven75, 23.11.2004, 20:38
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Garfield, 24.11.2004, 13:52
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Odin, 24.11.2004, 14:01
- normale menschliche Reaktion - Bruno, 24.11.2004, 14:49
- Frauen zu Frauen machen - pit b., 24.11.2004, 17:45
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
gole,
24.11.2004, 23:02
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - pit b., 25.11.2004, 01:49
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Magnus, 25.11.2004, 08:09
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Garfield,
25.11.2004, 11:24
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
Norbert,
25.11.2004, 12:29
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Andreas, 25.11.2004, 12:45
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? -
Norbert,
25.11.2004, 12:29
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Friedwilli, 25.11.2004, 19:33
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Martin, 24.11.2004, 23:10
- Re: Macht die Wehrpflicht Männer hart, auch gegen das Emanzentum? - Joseph S, 25.11.2004, 23:28
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Paul,
23.11.2004, 19:30
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Wolfgang,
23.11.2004, 18:41
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Garfield,
23.11.2004, 18:35
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Wolfgang,
23.11.2004, 17:55
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Bruno,
24.11.2004, 13:58
- Re: Warum kommt es immer wieder zu Misshandlungen von Wehrpflichtigen? - Friedwilli, 24.11.2004, 20:47
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Garfield,
23.11.2004, 15:55