Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Wirklichkeit und Fiktion befruchten sich immer gegenseitig

Paul, Saturday, 18.09.2004, 00:23 (vor 7811 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Henne oder Ei - das Geschlechterbild in den Medien von Ekki am 17. September 2004 19:50:49:

Hi Ekki,

zu Deiner Fragestelltung "Ist die Katastrophe, in die die Geschlechterbeziehungen in den vergangenen vier Jahrzehnten gestürzt sind, auf die Darstellung des Geschlechterbildes in den Medien zurückzuführen, oder haben diese nur abgebildet, was sich in der Gesellschaft tat?":

Beides trifft zu. Sowohl die Medien, als auch die gesellschaftliche Realität konsumieren, verabeiten und produzieren letzendlich Information. Die Medien nehmen gesellschaftliche Strömungen auf und verarbeiten sie, das Ergebnis fliesst in das Endprodukt ein - sei es nun eine Zeitung, ein Film oder was auch immer. Die Gesellschaft wiederum nimmt das Medienbild wahr, verarbeitet es und wird dadurch in seiner Entwicklung beeinflusst. Man kann auch davon ausgehen, daß es Situationen gibt, in denen dieser Mechanismus aufgrund einer "Feedback-Schleife" aus einem bisherigen Gleichgewicht herauskippt und sich ein persistenter Trend entwickelt. Deswegen halte ich auch sämtliche Arten von Verschwörungstheorien für unsinnig, sofern mit diesen das Entstehen jahrzehntelanger Trends in Medien oder Gesellschaft erklärt werden soll. An so etwas zu glauben, ist ähnlich unsinnig, wie anzunehmen, ein jahre- oder jahrzehntelanger Trend am Aktienmarkt (hier gibt es nämlich auch diesen Rückkopplungseffekt) wäre das Ergebnis irgendeiner Art von "Manipulation".

Nun zur konkreten Entwicklung: Es sicher richtig, daß speziell in den Spielfilmen und Serien in westlichen Staaten wie BRD oder USA - die Auswirkungen des Feminismus unübersehbar sind. Das ist meistens auch ziemlich ärgerlich, weil es eben immer die gleichen Stereotypen sind, die zu einer Vorhersehbarkeit von Handlungsstängen führt. Allerdings teile ich Deine Meinung nicht, daß das "intellektuelle" Niveau der Serien und Spielfilme tatsächlich abgenommen hat. Ein paar Gedanken dazu:

Du schreibst "Sowohl die Guten als auch die Bösen waren auf hohem Niveau gut bzw. böse. Insbesondere die Kommissare waren nüchtern bis knochentrocken und unbestechlich. Keinesfalls waren sie „gebrochene Existenzen“, „Weicheier“, „große Kinder“ u.Ä. Ja, häufig rauchten sie nicht einmal. Und auch ihre Gegner waren, wie gesagt, gewiefte Verbrecher, so dass das Rätselraten bis zum Schluß spannend blieb."

Tja, das finde ich eben nicht. Denn was Du als "auf hohem Niveau gut bzw. böse" bezeichnest, empfinde ich als hölzern geschnitzte, unglaubwürdige und realitätsferne Charaktere. Es ist klar, daß ein Spielfilm oder eine Serie nicht unbedingt einen Anspruch auf realitätstreue haben muß, solange sie unterhält. Aber ich kann mich mit diesen Personen auch nicht identifzieren, sie haben ja kaum etwas von lebenden, _echten_ Menschen an sich. Ich will damit damit ältere Filme und Serien nicht generell abwerten. Man muß sehen, daß sich das Medium Film und Fernsehen immer weiterentwickelt hat (obwohl man derzeit manchmal den Eindruck hat, es würde sich eher wieder zurückentwickeln :-)), und da eben irgendwann alle Basisgeschichten schon einmal erzählt worden waren, mussten immer neue Mittel und Wege gesucht werden, um das Interesse des Zuschauers zu wecken. Eines dieser Mittel ist die Entwicklung immer stärker ausdifferenzierter Charaktere. Solche Entwicklungen sind übrigens auch in allen anderen Medien zu beobachten. Wieviel Musikrichtungen gab es wohl um 1950? Vielleicht ein Dutzend. Wieviele gibt es heute? Hunderte. Das ganze ist das Ergebnis einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, und die Medien spiegeln dies natürlich wieder.

Ich bin generell immer ziemlich kritisch, wenn mir jemand die Vergangenheit als erstrebenswertes Ideal verkaufen will. Bei näherem Betrachten ist sie das nämlich nicht. Es ist richtig, daß heutzutage viel Schrott produziert wird. Aber das war früher auch der Fall! Nur sehen wir das aus heutiger Perspektive nicht, da es ein Art von "Survivorship bias" gibt: Schlechte Filme werden vergessen, an gute erinnert man sich. Dies verzerrt unser Bild von der Vergangenheit und lässt sie bei unreflektierter Betrachtung als bessere Alternative zur Gegenwart erscheinen. Meiner Meinung nach ist dies einer der größten Fehler, die man machen kann.

Und zum Schluss noch eines - Du schreibst: "Und das, was heute an Krimis aus den USA kommt? Gott bewahre – „Magnum“ und Co.!". Also sorry, aber MAGNUM ist jetzt ungefähr 20 Jahre halt. Wenn "heute" für Dich dasselbe ist wie "vor 20 Jahren", dann solltest Du dich fragen, ob Du nicht schon zu lange in der Vergangenheit lebst :-)
Magnum ist m.E übrigens ziemlich gut. Die karikaturhafte Überzeichnung der Charaktere ist dort übrigens durchaus gewollt. Ich erinnere mich, daß dies bei der erstmaligen Ausstrahlung hierzulande auch von fast niemandem begriffen wurde, da "Humor" und "Krimi" für den Durchschnittsdeutschen eben durch die jahrelange Herbert Reinecker-Indoktrination zwei unvereinbare Begriffe waren.
Schau Dir übrigens mal - wenn Du auf dem aktuellen Stand sein willst - "CSI" und "24" an, beides ziemlich gute US-Serien, wobei speziell letztere mehr als gut ist - sie ist eigentlich schon als brilliant zu bezeichnen. Und von feministischen Stereotypen wird man dort auch größtenteils verschont. Bei "24" könnte man sogar durchaus zu dem Schluß kommen, daß die Frauen moralisch gesehen deutlich schlechter weggekommen als die Männer. Aber wie wir wissen, ist es ja nur eine Serie ;-)

Gruss,
Paul


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