Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen...

Maesi, Friday, 03.09.2004, 01:42 (vor 7826 Tagen) @ Ekki

Als Antwort auf: Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... von Ekki am 31. August 2004 18:11:45:

Hallo Ekki

Tatsache ist aber auch, daß im öffentlichen Diskurs die überwältigende Mehrheit derjenigen, die diesen Lebensentwurf propagieren, (a) selbst nur zu gerne betonen, daß dies Teil ihres christlichen Weltbildes sei, und (b) denjenigen, die anders denken, vorwerfen, sie hätten ein sozialistisches Menschenbild, das in der DDR weitgehend verwirklicht worden sei und nichts Gutes gebracht habe.

Tatsache ist aber auch, dass jene, die ihr christliches Weltbild in aller Oeffentlichkeit betonen, eine kleine Minderheit darstellen; sich oeffentlich bekennende Christen (wie beispielsweise Nick) sind selten. Du siehst die ueberwaeltigende Mehrheit innerhalb einer kleinen Minderheit der Gesellschaft als Trendsetter, und genau das zweifle ich an.

Du warst bislang auch nicht in der Lage, den Deiner Meinung nach grossen Einfluss der Religion auf das oeffentliche Leben hierzulande nachzuweisen. Vielmehr ist gerade das Gegenteil festzustellen: wenn beispielsweise der Katholizismus in Gebieten mit starker katholischer Mehrheit eine derart grosse gesellschaftliche Rolle spielte, dann gaebe es dort kaum Abtreibungen, kaum Scheidungen dafuer aber viele Kinder, weil Verhuetungsmittel ja ebenfalls verpoent sind. Alle diese prognostizierten Wirkungen sind aber (zumindest in den Industrielaendern) nicht festzustellen; weshalb also ausgerechnet der auch heute noch ausgepraegte Hang zur Monogamie auf den Einfluss der christlichen Religion zurueckzufuehren sein soll, will mir nicht so recht in den Kopf.

Die Antwort auf die Frage, ob die Frauen den Hauptteil der Kindererziehung übernehmen sollen, oder ob die Kinder in Kindergärten und Schulen ganztagsbetreut werden sollen, ist selbst wieder ein Menschenbild (oder zumindest ein Teil davon).
Ich verkenne nicht, daß es von der von mir skizzierten Zweiteilung - hier die Vertreter des christlichen Menschenbildes, die es für am besten halten, wenn die Frauen den Hauptteil der Kindererziehung übernehmen, dort die Vertreter eines nichtchristlichen Weltbildes, die für Ganztagserziehung plädieren - Ausnahmen gibt.[snip]

Die Frage ist natuerlich, welchen Zweck Kindergaerten und Schulen erfuellen sollen. Zumindest bei Schulen ist es klar: sie dienen in erster Linie zur Vermittlung von Wissen - eine Aufgabe nota bene, die die Schule bei Jungen offenbar nicht mehr so gut erfuellt. Im uebrigen habe ich mich nie gegen Ganztagsbetreuung gestellt; ich fordere vielmehr, dass jene, die Ganztagsbetreuung einfordern, dafuer auch einen marktwirtschaftlich angemessenen Preis bezahlen - das hat ueberhaupt nichts mit Christentum zu tun sondern mit simpler Marktwirtschaft. Bitte lies mein Posting in dieser Hinsicht nochmals durch.

Gerade deshalb aber möchte ich die Idee einer Ganztagsbetreuung unter den Bedingungen eines demokratischen Staates weitergeführt bzw. wiederaufgenommen wissen.

Dagegen ist ueberhaupt nichts einzuwenden. Du musst aber auch zur Kenntnis nehmen, dass auf der politischen Agenda die Ganztagsbetreuung mindere Prioritaet besitzt. Das war nicht bloss unter der christlich-liberalen Regierung Kohl so sondern auch unter der jetzigen sozialdemokratisch-gruenen Regierung. Wesentlichen Anteil an der allgemeinen Unlust, eine flaechendeckende staatliche Ganztagsbetreuung zu installieren, sind die dadurch anfallenden horrenden Kosten, die niemand uebernehmen will - dieselben Gruende also, die auch eine marktwirtschaftliche Loesung verhindern.

Meine Motive hierfür:
1.) Ich halte es für gut und richtig, wenn Eheleute auch nach der Zeugung von Kindern ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten im Leben außerhalb der Familie entfalten und entwickeln.

Ist IMHO deren Privatsache.

2.) Ich halte es für gut und richtig, wenn Kindern möglichst früh der frische Wind des Umgangs mit Gleichaltrigen und anderen Erwachsenen (als den Eltern und Verwandten) um die Nase weht. Das stärkt sie psychisch und physisch und macht sie lebenstüchtig.

Zustimmung. Allerdings kann die heute weithin feststellbare Ueberbehuetung von Kindern durch ihre Muetter nicht dem Christentum angelastet werden. In frueheren Zeiten, als das Christentum noch dominanter war, hatten Muetter infolge groesserer Kinderzahl und wesentlich schwererer Hausarbeit schlichtweg keine Zeit, fuer ihre Kinder andauernd die Glucke zu spielen. Das Phaenomen 'Ueberbehuetung' ist vergleichsweise jung und eher voellig unreligioes eine Wohlstandserscheinung unserer Zeit.

3.) Ich halte überhaupt nichts davon, wenn Frauen durch ein Lebensmodell, bei dem sie größtenteils zu Hause bleiben, u.a. auch von anderen Männern ferngehalten werden. Ich flirte gerne mit Frauen, ob verheiratet oder nicht (wie weit "flirten" geht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich) und möchte dies nicht missen.

Ob Frauen wegen Kinderbetreuung zuhause bleiben, ist ebenfalls deren Privatsache. Dir bleibt es unbenommen, mit Frauen (auch verheirateten) zu flirten. Wo ist also das Problem?

Tatsache ist aber auch, dass jene Menschen, die dem Ideal der lebenslangen Partnerschaft anhaengen, andere nicht damit missionieren; es ist deren Privatsache. Dir und anderen bleibt es unbenommen einem anderen Ideal anzuhaengen wie z.B. der Promiskuitaet. Eine wesentliche gesetzliche Einschraenkung besteht darin, dass ein Mensch nicht mit mehreren Frauen bzw. Maennern gleichzeitig verheiratet sein darf; daneben darfst Du jedoch aus gesetzlicher Sicht soviele Liebhaberinnen und Liebhaber haben, wie Du willst. Wo ist also das Problem?

Na, das war jetzt aber etwas arg treuherzig - um es mal humorig auszudrücken. Die Erziehung zur Monogamie bereits im Rahmen des Religionsunterrichtes wird von niemandem bestritten, am allerwenigsten von den Religionspädagogen selber.

Tja, hier hast Du wieder dasselbe Problem, wie von mir oben schon beschrieben. Weshalb soll der Religionsunterricht ausgerechnet im Rahmen der Monogamie so erfolgreich sein und bei Verhuetungsmitteln, Abtreibungen, 'Wilder Ehe', Verpflichtung zu regelmaessigen Kirchenbesuchen u.v.m. versagen? IMHO schilderst Du hier ein 'christliches Schreckgespenst' das ausser Dir nur noch wenige zu erschrecken vermag.

In meinen Augen ist das sehr wohl Missionierung, und zwar in einem Alter, in dem die Angehörigen der Zielgruppe dieser Missionierung - Kinder und Jugendliche nämlich - am empfänglichsten für Prägungen sind.

Du hast die Bezugsgruppe geaendert. Ausgangspunkt war meine Behauptung, dass die Mehrzahl der Jugendlichen lebenslanges Zusammenleben als Ideal sehen, in der Praxis sich jedoch ueberhaupt nicht daran halten; auf genau diese Jugendlichen bezog sich auch meine Antwort, dass sie andere nicht mit ihren Idealen zu missionieren versuchen.

In der Tat ist es so, daß ich so viele Liebhaber(innen) haben kann, wie ich will.
Und es ist ebenfalls richtigt, daß es jedem/r unbenommen bleibt, sich über die ihm in der Kindheit und Jungend vermittelten Richtlinien hinwegzusetzen.

Wo ist also das Problem?

Denn es würde ja auch umgekehrt ein Schuh draus:
In einer Welt, in der bewußt zur Freizügigkeit erzogen würde, würden sich mit Sicherheit auch Menschen finden, denen das nicht passsen würde und die dem ihr monogames Ideal entgegensetzen würden.

Zweifellos

Aber eben da liegt der Unterschied, und damit auch das Problem, nach dem Du gefragt hattest:
Man braucht meines Erachtens kein Prophet zu sein, um zu dem Schluß zu kommen, daß es in einer Welt, in der nicht bewußt zur Monogamie erzogen würde, in der Tat auch recht wenig Monogamie gäbe - ist doch der Geschlechtstrieb eine Urgewalt.

Die Einehe ist nicht einfach im luftleeren Raum entstanden, ebensowenig ist sie das Werk irgendwelcher 'christlicher Dunkelmaenner'. Eher umgekehrt ist es: die christliche Religion wurde durch die weitverbreitete Monogamie gepraegt - Monogamie ist ja keineswegs auf die christlichen Gebiete beschraenkt. Selbst in islamischen Gebieten ist die Einehe die Norm, obwohl Maennern gemaess Koran mehrere Ehefrauen erlaubt sind. Die Gruende zu erlaeutern, weshalb Monogamie so weit verbreitet ist, wuerde den Rahmen dieses Threads wohl bei weitem sprengen; Eifersucht spielt eine starke Rolle aber auch wirtschaftliche Gegebenheiten sind IMHO sehr wichtig...

Und dann hätten Menschen wie ich weniger Frustrationserlebnisse und mehr Befriedigung.

Offensichtlich hat die weitverbreitete Monogamie auf Dein Leben einen erheblichen Einfluss - wenn auch im negativen Sinne.

So altruistisch sind auch die Verfechter der Monogamie nicht.
Nur haben sie mit ihrer Weltanschauung eben das Monopol auf die Erziehung der nachwachsenden Generationen und können es sich deshalb leisten, mir gönnerhaft zu erklären, ich könne mir schließlich so viele Liebhaber(innen) nehmen wie ich wolle.

Quatsch. Wenn jemand ueberhaupt eine Art Monopol auf Erziehung hat, dann sind es die Eltern - und Elternschaft ist nun wirklich nicht an eine Weltanschauung gebunden. Eltern ueben ihren erzieherischen Einfluss aber nicht so sehr ueber direkte Anweisungen sondern v.a. durch ihre Vorbildfunktion aus; Kinder ahmen komplexes Sozialverhalten ihrer Bezugspersonen nach und geben sie selbst wiederum an nachfolgende Generationen weiter. Das ist einer der Gruende weshalb sich die Monogamie so hartnaeckig ueber Jahrhunderte gehalten hat.

Durch die in Deutschland 1977 eingefuehrten neuen Scheidungsgesetze wurden Scheidungen erheblich erleichtert, was auch zu stark ansteigenden Scheidungszahlen gefuehrt hat. Genau aus diesem Grund ist das Ideal der Monogamie heute nur noch eine leere Huelle: das Ideal wird zwar von Jugendlichen in der Theorie angestrebt, in der Praxis jedoch anders gehandelt, weil die Jugendlichen durch die weitverbreitete Scheidungspraxis dahingehend gepraegt wurden, die Ehe als etwas sehr Instabiles und Provisorisches zu akzeptieren. Andererseits wurde 1977 das neue Scheidungsrecht eingefuehrt, weil das alte auf dem Schuldprinzip gruendende Recht offenbar als nicht mehr gesellschaftsgerecht angesehen wurde; ein typisches Beispiel dafuer, wie Gesellschaft und Gesetzgebung sich wechselseitig beeinflussen.

[...]Die betroffenen Mädchen konnten ja bei ihrer Weigerung bleiben und sich nach einem anderen umsehen, der ihre Ansichten teilte.

Das ist die uebliche Vorgehensweise - nicht bloss in Bezug auf Ansichten zur Monogamie/Polygamie.

Mir wird ja auch kein Haar gekrümmt - ich kann halt nur meine Emotionen nicht so ausleben, wie ich möchte.
Und eben da liegt das Problem.

Naja, Du musst halt suchen, bis Du jemanden findest, der Deine Ansichten teilt. Sollten Menschen mit solchen Ansichten wie den Deinen selten sein, dann hast Du eben Pech gehabt...

Gruss

Maesi


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