Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen...

Ekki, Tuesday, 31.08.2004, 21:11 (vor 7828 Tagen) @ Maesi

Als Antwort auf: Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... von Maesi am 30. August 2004 17:52:38:

Hallo Maesi!

Hallo Ekki

Außerdem müsse die Politik dafür sorgen, dass junge Menschen ihre Lebensvorstellung auch erfüllen können. Dazu gehöre die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.[...]

Da kann ich durchaus zustimmen - um so mehr, als sich dann herausstellen würde, wieviele Frauen das Angebot begeistert annehmen würden.

Einspruch! Der Staat ist nach meinem Verstaendnis nicht dazu da, den Buergern die Erfuellung ihrer Lebensvorstellungen zu erfuellen; da koennte ja jeder kommen und seine Lebenswuensche anbringen. Wenn der Staat Betreuungsplaetze fuer Kinder zur Verfuegung stellen soll, dann gefaelligst zu kostendeckenden Preisen.[...]

Die Diskussion darüber, wie weit der Einfluß des Staates zu gehen hat, ist ein Faß ohne Boden. Ich selbst positioniere mich hier eindeutig:
Ich will den Einfluß des Staates an dieser Stelle haben, weil ich das - von mir als stickig erlebte - christliche Familienbild zurückdrängen will.

Ich weiss nicht genau, was Du an dieser Stelle als 'Christliches Familienbild' meinst. Die Praxis, dass Frauen den Hauptteil der Kinderbetreuung uebernehmen?

Ich gebe zu, daß ich hier etwas inpräzise gewesen bzw. der öffentlichen Meinungsmache aufgesessen bin.

Es ist sicher richtig, daß ein Lebensmodell, bei dem die Frauen den Hauptteil der Kinderbetreuung übernehmen, nicht an ein bestimmtes religiöses oder sonstiges weltanschauliches Bekenntnis gebunden ist. Insofern habe ich unpräzise formuliert.

Tatsache ist aber auch, daß im öffentlichen Diskurs die überwältigende Mehrheit derjenigen, die diesen Lebensentwurf propagieren, (a) selbst nur zu gerne betonen, daß dies Teil ihres christlichen Weltbildes sei, und (b) denjenigen, die anders denken, vorwerfen, sie hätten ein sozialistisches Menschenbild, das in der DDR weitgehend verwirklicht worden sei und nichts Gutes gebracht habe.

Und hier schließt sich auf eigentümliche Weise der Kreis:

Die Antwort auf die Frage, ob die Frauen den Hauptteil der Kindererziehung übernehmen sollen, oder ob die Kinder in Kindergärten und Schulen ganztagsbetreut werden sollen, ist selbst wieder ein Menschenbild (oder zumindest ein Teil davon).

Ich verkenne nicht, daß es von der von mir skizzierten Zweiteilung - hier die Vertreter des christlichen Menschenbildes, die es für am besten halten, wenn die Frauen den Hauptteil der Kindererziehung übernehmen, dort die Vertreter eines nichtchristlichen Weltbildes, die für Ganztagserziehung plädieren - Ausnahmen gibt.

Und ich habe ebenfalls zur Kenntnis genommen, daß nach den Erzählungen von Ossis auch die Realität der Kindererziehung in der DDR nicht von allen und nicht in jeder Hinsicht als Ideal empfunden wurde.

Grosso modo aber stimmt die besagte Zweiteilung und wird übrigens gerade von den Befürwortern einer Übernahme der Hauptverantwortung für die Kindererziehung durch die Mutter unermüdlich betont: Wo immer sich in der CDU/CSU Personen finden, die von der Ganztagsbetreuung, welche inzwischen auch in der Union etliche Anhänger hat, wenig bis gar nichts halten, wird man geradezu mit Kübeln von "Heile-Welt-im-trauen-Heim-mit-der-züchtigen-Hausfrau-den-braven-Kindern-und-dem-Vertrauen-auf-Gott-den-Herrn" überschüttet. Nirgends fehlt bei diesen Vertretern der Hinweis auf das christliche Menschenbild, das es zu schützen gelte.

Um einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen:

Meine Bezugnahme auf die DDR bedeutet nicht, daß ich jeden Aspekt des damaligen Erziehungssystems gutheißen würde. Die negativen Aspekte waren so vielfältig, daß sie die positiven wahrscheinlich negativ überkompensiert haben.

Gerade deshalb aber möchte ich die Idee einer Ganztagsbetreuung unter den Bedingungen eines demokratischen Staates weitergeführt bzw. wiederaufgenommen wissen.

Meine Motive hierfür:

1.) Ich halte es für gut und richtig, wenn Eheleute auch nach der Zeugung von Kindern ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten im Leben außerhalb der Familie entfalten und entwickeln.

2.) Ich halte es für gut und richtig, wenn Kindern möglichst früh der frische Wind des Umgangs mit Gleichaltrigen und anderen Erwachsenen (als den Eltern und Verwandten) um die Nase weht. Das stärkt sie psychisch und physisch und macht sie lebenstüchtig.

3.) Ich halte überhaupt nichts davon, wenn Frauen durch ein Lebensmodell, bei dem sie größtenteils zu Hause bleiben, u.a. auch von anderen Männern ferngehalten werden. Ich flirte gerne mit Frauen, ob verheiratet oder nicht (wie weit "flirten" geht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich) und möchte dies nicht missen.

Tatsache ist aber auch, dass jene Menschen, die dem Ideal der lebenslangen Partnerschaft anhaengen, andere nicht damit missionieren; es ist deren Privatsache. Dir und anderen bleibt es unbenommen einem anderen Ideal anzuhaengen wie z.B. der Promiskuitaet. Eine wesentliche gesetzliche Einschraenkung besteht darin, dass ein Mensch nicht mit mehreren Frauen bzw. Maennern gleichzeitig verheiratet sein darf; daneben darfst Du jedoch aus gesetzlicher Sicht soviele Liebhaberinnen und Liebhaber haben, wie Du willst. Wo ist also das Problem?
Gruss
Maesi

Na, das war jetzt aber etwas arg treuherzig - um es mal humorig auszudrücken. Die Erziehung zur Monogamie bereits im Rahmen des Religionsunterrichtes wird von niemandem bestritten, am allerwenigsten von den Religionspädagogen selber. In meinen Augen ist das sehr wohl Missionierung, und zwar in einem Alter, in dem die Angehörigen der Zielgruppe dieser Missionierung - Kinder und Jugendliche nämlich - am empfänglichsten für Prägungen sind.

In der Tat ist es so, daß ich so viele Liebhaber(innen) haben kann, wie ich will.

Und es ist ebenfalls richtigt, daß es jedem/r unbenommen bleibt, sich über die ihm in der Kindheit und Jungend vermittelten Richtlinien hinwegzusetzen.

Denn es würde ja auch umgekehrt ein Schuh draus:

In einer Welt, in der bewußt zur Freizügigkeit erzogen würde, würden sich mit Sicherheit auch Menschen finden, denen das nicht passsen würde und die dem ihr monogames Ideal entgegensetzen würden.

Aber eben da liegt der Unterschied, und damit auch das Problem, nach dem Du gefragt hattest:

Man braucht meines Erachtens kein Prophet zu sein, um zu dem Schluß zu kommen, daß es in einer Welt, in der nicht bewußt zur Monogamie erzogen würde, in der Tat auch recht wenig Monogamie gäbe - ist doch der Geschlechtstrieb eine Urgewalt.

Und dann hätten Menschen wie ich weniger Frustrationserlebnisse und mehr Befriedigung.

Tja, und so altruistisch bin ich nun mal nicht, daß ich mir nicht die Situation wünschen würde, in der es mir am besten geht.

Nebenbei gesagt:

So altruistisch sind auch die Verfechter der Monogamie nicht.

Nur haben sie mit ihrer Weltanschauung eben das Monopol auf die Erziehung der nachwachsenden Generationen und können es sich deshalb leisten, mir gönnerhaft zu erklären, ich könne mir schließlich so viele Liebhaber(innen) nehmen wie ich wolle. Sie wissen: In einer Gesellschaft, in der die nachwachsenden Generationen in ihrem Sinne erzogen werden, haben Andersdenkende wenig Chancen auf ein Leben nach ihren (der Andersdenkenden) Vorstellungen.

Als ich noch zur Uni ging (80er Jahre), beklagte einmal eine - bezeichnenderweise aus Polen stammende - Kommilitonin, Mädchen würden sich heute vielfach damit konfroniert sehen, daß sie ihren Freund nicht halten könnten, wenn sie zum Sex vor der Ehe nicht bereit seien.

Zwar war diese Tendenz nach meiner Beobachtung damals schon wieder rapide auf dem Rückzug, aber die oben zitierte Aussage zeigt doch, daß Anderes möglich ist.

Und bitte sehr:

Die betroffenen Mädchen konnten ja bei ihrer Weigerung bleiben und sich nach einem anderen umsehen, der ihre Ansichten teilte.

Mir wird ja auch kein Haar gekrümmt - ich kann halt nur meine Emotionen nicht so ausleben, wie ich möchte.

Und eben da liegt das Problem.

Gruß

Ekki


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