Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen...
Als Antwort auf: Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... von Maesi am 24. August 2004 20:08:37:
Hallo Maesi,
Außerdem müsse die Politik dafür sorgen, dass junge Menschen ihre Lebensvorstellung auch erfüllen können. Dazu gehöre die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "70 Prozent der Mütter, die zu Hause sind, wären lieber erwerbstätig", weiß Schmidt. Notwendig seien bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder aber auch mehr Anreize für Väter, sich an Elternzeit, Familien- und Hausarbeit zu beteiligen.
Da kann ich durchaus zustimmen - um so mehr, als sich dann herausstellen würde, wieviele Frauen das Angebot begeistert annehmen würden.
Einspruch! Der Staat ist nach meinem Verstaendnis nicht dazu da, den Buergern die Erfuellung ihrer Lebensvorstellungen zu erfuellen; da koennte ja jeder kommen und seine Lebenswuensche anbringen. Wenn der Staat Betreuungsplaetze fuer Kinder zur Verfuegung stellen soll, dann gefaelligst zu kostendeckenden Preisen. Wir haben schon viel zu viele Subventionen, und die Kosten fuer subventionierte Betreuungsplaetze waeren gigantisch. Das Problem ist doch, dass kaum ein Mensch einen marktwirtschaftlich angemessenen Preis fuer Kinderbetreuung zu bezahlen bereit ist; waere es so, gaebe es auch ein entsprechendes Angebot von gewinnorientierten Unternehmen.
Die Diskussion darüber, wie weit der Einfluß des Staates zu gehen hat, ist ein Faß ohne Boden. Ich selbst positioniere mich hier eindeutig:
Ich will den Einfluß des Staates an dieser Stelle haben, weil ich das - von mir als stickig erlebte - christliche Familienbild zurückdrängen will.
Kennt jemand noch die Anfang der 90er Jahre erschienene, leider (im Gegensatz zur Buchtrilogie von Ester Vilar) seit langem nicht mehr neu aufgelegte Buchtrilogie von Joachim Bürger "Mann, bist du gut" / "Mann, leb' dich aus" / "Mann hat es eben"? Darin stellt der Autor die meiner Meinung nach sehr einleuchtende These auf, daß die heutigen Ehen nicht zum Wenigsten deshalb so wenig haltbar sind, weil es noch nie einer Generation zugemutet worden sei, so lange mit einem Partner zusammenzuleben: Blendende Lebenserwartung, keine Kriege, keine Seuchen.
Interessante These. Dem kann man entgegenhalten, dass die sprunghafte Steigerung der Lebenserwartung im 19. und 20. Jhd. hauptsaechlich der drastischen Senkung der Kindersterblichkeit durch die massiv verbesserten hygienischen Verhaeltnisse zu verdanken ist; dass Menschen 70 oder 80 Jahre alt wurden, war im 18. Jhd zwar nicht die Regel aber auch keineswegs ungewoehnlich, was dann aber auch bedeutete, dass jemand, der heiratete, mit einer entsprechend langen Ehezeit rechnen musste. Dazu kommt, dass die Scheidungszahlen nach Einfuehrung des neuen Scheidungsrechts 1977 sprunghaft anstiegen - ein klarer Hinweis dafuer, dass die vorherigen massiven gesetzlichen Hindernisse, die einer Scheidung entgegenstanden, ehestabilisierend wirkten und weit wichtiger waren, als die von Buerger genannten Gruende. Ich bleibe deshalb bei meiner These, dass die Haltbarkeit der Ehen frueher einerseits auf die schlechten wirtschaftlichen Verhaeltnisse zurueckzufuehren sind, die eine Scheidung meist schlichtweg verunmoeglichten, und andererseits ein massiver gesellschaftlicher Druck existierte, der Scheidungen poenalisierte. Es mag noch weitere Gruende geben, die beiden sind IMHO jedoch eindeutig die wichtigsten.
Ich sehe keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Deinen Ausführungen und denjenigen von Bürger, ja, noch nicht einmal eine andere Gewichtung.
Mir jedenfalls will es nicht einleuchten, wieso es so ein gesegneter Zustand sein soll, nach der Heirat (a) die Aussicht auf ein viele Jahrzehnte währendes Zusammenleben zu haben, (b) durch jede Menge geschriebener und ungeschriebener Gesetze am außerehelichen Vergnügen gehindert zu werden und (c) sich einer Theorie und Praxis der Scheidungsgesetzgebung gegenüberzusehen, die es einem wenig geraten erscheinen läßt, die Ehe-Karrieren eines Gerhard Schröder oder Joschka Fischer (die zumindest teilweise noch von der Gesetzgebung vor der Reform des Scheidungsrechts profitierten!) nachzuahmen.
Trotzdem erachten auch heute noch die jungen Leute eine lebenslange Partnerschaft als Ideal (wie Umfragen belegen); auch wenn es in der Praxis je laenger je mehr nur noch als theoretisches Ideal erscheint.
Die Tatsache, daß die Mehrheit der Menschen einer bestimmten Illusion anhängt, ist noch lange kein Grund, dies für wünschenswert zu halten - zumal jeder weiß, wieviel Doppelbödigkeit gerade diese Illusion zeitigt.
Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, daß bei einer Umsetzung des von mir skizzierten Ehemodells - kein Monogamie-Gebot, leichte und gerechte Scheidung - genau besehen beide Geschlechter profitieren würden.
Was abgeschafft werden koennte, ist die Scheidung als Akt der Justiz (Richterspruch). Fuer mich ist Scheidung aus staatlicher Sicht lediglich eine verwaltungstechnische Angelegenheit, so wie es die Eheschliessung ja auch ist (Zivilstandsamt). Ansonsten stehen schon heute einer Scheidung de jure kaum grosse Hindernisse im Weg. Der Teufel steckt jedoch im Detail: die gueterrechtlichen und unterhaltsrechtlichen Auseinandersetzungen. Es geht also um die Kohle, und da verstehen die meisten Menschen keinerlei Spass. Selbst wenn es ueberhaupt keine Ehe mehr gaebe, die guter- und unterhaltsrechtlichen Auseinandersetzungen aus Partnerschaften wuerden bleiben.
Was das betrifft, so berufe ich mich aus- und nachdrücklich auf die untergegangene DDR. Zwar bin ich selbst "gelernter Wessi", aber alles, was man darüber von "gelernten Ossis" gehört hat - und das war sowohl privat als auch öffentlich eine ganze Menge! - zeigt übereinstimmend, daß Theorie und Praxis der Familienrechts- und Scheidungsgesetzgebung in der DDR nur von denjenigen verworfen werden, die sich explizit auf ein christliches Menschenbild berufen, und dazu gehöre ich nun mal nicht.
Andererseits muß man natürlich fairerweise dazusagen, daß die Vorbedingung für das DDR-Recht eine "Wirtschaft" war, in der nur die Günstlinge des Regimes zu Wohlstand kommen konnten. Bei allen anderen gab es schlicht keine Grundlage für unterhaltsrechtliche Auseinandersetzungen.
Dennoch: Auch in einer Marktwirtschaft wäre es möglich, den Frauen ihre diesbezüglichen Privilegien zu entziehen. Wenn es politisch schwer durchsetzbar sein sollte, ist das ein Grund mehr, darum zu kämpfen. Fortschritt ist noch nie vom Himmel gefallen.
Vielen Dank für die fundierte Antwort!
Gruß
Ekki
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- Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... -
Jeremin,
19.08.2004, 19:53
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Tran,
19.08.2004, 20:32
- Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... - Eugen Prinz, 19.08.2004, 21:04
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Ekki,
19.08.2004, 21:30
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Tran,
19.08.2004, 22:15
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Ekki,
20.08.2004, 11:24
- Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... - Tran, 20.08.2004, 19:07
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Ekki,
20.08.2004, 11:24
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Simon,
21.08.2004, 21:58
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Ekki,
24.08.2004, 15:44
- Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... - Simon, 27.08.2004, 18:53
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Ekki,
24.08.2004, 15:44
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Maesi,
24.08.2004, 23:08
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Ekki,
25.08.2004, 19:39
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Maesi,
30.08.2004, 20:52
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Ekki,
31.08.2004, 21:11
- Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... - Selbstkorrektur! - Ekki, 31.08.2004, 21:22
- Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... - Maesi, 03.09.2004, 01:42
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Ekki,
31.08.2004, 21:11
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Maesi,
30.08.2004, 20:52
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Ekki,
25.08.2004, 19:39
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Tran,
19.08.2004, 22:15
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