Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen...

Ekki, Thursday, 19.08.2004, 21:30 (vor 7840 Tagen) @ Jeremin

Als Antwort auf: Frau Schmidt würde sich NIE scheiden lassen... von Jeremin am 19. August 2004 16:53:24:

Hat jemand Lust, Frau Schmidt´s Standpunkt zu Scheidung und Ehe kennenzulernen?

Habe Lust und gebe im Folgenden detailliert meinen Senf dazu.

"Es gibt in einer Ehe Zeiten großer Nähe, aber auch Zeiten größter Distanz", beschreibt Schmidt ihre persönlichen Erfahrungen. Die Menschen würden heute immer höhere Ansprüche an eine Ehe stelle. Wenn die erste Verliebtheit nachlässt, fehlt ihnen die Geduld, die Liebe wachsen zu lassen. So gehen immer mehr Ehen in die Brüche. "Für die Betroffenen ist eine Scheidung eine emotionale und oft auch eine materielle Katastrophe", sagt Schmidt. Das gelte insbesondere für die Kinder, "weil viele Erwachsene es nicht schaffen, sich auf anständige Weise zu trennen".

Wie wär's denn mal mit Folgendem (von mir schon häufig in mehreren Foren thematisiert): Wenn's kein Monogamiegebot mehr gibt, dann ist auch das Zusammenleben mit ein und derselben Person über viele Jahre auf einmal wieder erträglich, weil man die Abwechslung, die auf ausnahmslos jedem Gebiet des Lebens notwendig ist, kriegt.

Die Politik kann das Scheitern einer Ehe nicht verhindern. Und der Gesetzgeber hat auch nicht die Aufgabe, Menschen, die auseinander gehen wollen, gegen ihren Willen zusammenzuhalten, verteidigt Schmidt das deutsche Scheidungsrecht, das Mitte der siebziger Jahre - "Gott sei Dank", wie sie sagt - vom Schuldprinzip auf das Zerrüttungsprinzip umgestellt wurde.

Und die Tatsache, daß just nach dieser Gott-sei-Dank-Umstellung die Scheidungen sprunghaft anstiegen? Künstlerpech - was?

"Ich möchte, dass Männer und Frauen freiwillig und gern in einer Beziehung zusammenleben, und zwar gleichberechtigt", sagt die Ministerin. Die Politik könne allenfalls die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.

"Gleichberechtigung ist eine schöne Sache - schade, daß es sie nur für Frauen gibt."

"Die Gleichberechtigung konnte man einführen, an der Gleichverpflichtung müßte man scheitern". (Ester Vilar)

Eben! Und solange das so ist, sollte man sich eine Eheschließung gründlichst überlegen.

Dazu gehöre, dass junge Menschen vor allem in der Familie besser auf eine Partnerschaft vorbereitet werden. Aber auch die Schulen müssten einen Beitrag leisten. Das Thema Ehe und Partnerschaft müsste im Unterricht ernster genommen werden, und zwar an allen Schularten, fordert Schmidt.

Wäre mal interessant, im Detail zu hören, welche Unterrichtsinhalte Frau Schmidt vermittelt sehen möchte.

Außerdem müsse die Politik dafür sorgen, dass junge Menschen ihre Lebensvorstellung auch erfüllen können. Dazu gehöre die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "70 Prozent der Mütter, die zu Hause sind, wären lieber erwerbstätig", weiß Schmidt. Notwendig seien bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder aber auch mehr Anreize für Väter, sich an Elternzeit, Familien- und Hausarbeit zu beteiligen.

Da kann ich durchaus zustimmen - um so mehr, als sich dann herausstellen würde, wieviele Frauen das Angebot begeistert annehmen würden.

Aber was soll's - wir steuern eh' auf einen Zustand zu (falls wir nicht schon mitten drin sind), den wir früher für ein Ostblock-Spezifikum hielten: Beide Partner müssen aus wirtschaftlichen Gründen erwerbstätig sein. Ehrlich gesagt, so schlecht hat's den Menschen im Ostblock nicht getan. Ich schreibe die Tatsache, daß dort die Frauen viel weniger versponnen sind als im Westen, unter anderem diesem Umstand zu.

Was natürlich nicht heißen soll, daß ich mir den Ostblock zurückwünschen würde - Gott bewahre! Aber es haben eben im Leben sehr viele Dinge zwei Seiten.

Männer und Frauen hätten sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Ehe. Vor allem die Frauen haben immer höhere Ansprüche an ihre Männer, wünschen sich mehr Unterstützung im Haushalt.

Na, das ist ja mal ein Erlebnis, daß eine linke Politikerin die gestiegene Anspruchshaltung der Frauen als Grund für die Krise der Institution Familie ausmacht!

Aber nebenbei gefragt, Frau Schmidt:

Dürfen Männer eigentlich auch Ansprüche an Frauen haben?!

Als Mütter fühlen sie sich oft von den Vätern allein gelassen.

Und die Väter - erfahren die die Unterstüztung, die sie bräuchten?

Die jungen Väter fühlen sich in gleichem Maße unverstanden ...

Es geht doch nichts über feine semantische Unterschiede. Frauen "haben höhere Ansprüche", Männer "fühlen sich unverstanden". Immerhin - so, wie Frau Schmidt imstande war, zuzugeben, daß die gestiegene Anspruchshaltung der Frauen ein Problem ist, so ist sie auch bereit, zu sehen, daß die Männer unter Leidensdruck stehen. Das ist durchaus nicht Standard bei linken Politikerinnen! Mit ganz viel gutem Willen könnte man die besagten semantischen Unterschiede sogar als Ausweis der Männerfreundlichkeit auslegen: Wer "Ansprüche stellt", wirkt fordernd, wer sich dagegen "unverstanden fühlt", erregt Mitgefühl.

... und "klotzen im Beruf ran", weil sie plötzlich allein verantwortlich für den materiellen Unterhalt sind.

Noch so ein Lichtblick im linken Gehirn! Da wird doch tatsächlich die Leistung der Männer für die Familie sowie die Schwere der Verantwortung, die sie tragen, anerkannt.

Studien belegen, dass die Zufriedenheit mit der Ehe nach der Geburt des ersten Kindes dramatisch abnimmt.

Wann endlich traut sich einmal jemand, in der Öffentlichkeit zu sagen:

"Männer wollen auch nach der Geburt ihres ersten Kindes an ihrer Frau eine leidenschaftliche Sexpartnerin haben und haben deshalb ein grundsätzliches und massives Problem damit, wenn die Frau zur Mutter-Glucke mutiert und von da an zwischen den Beinen tot ist - es sei denn, sie will weitere Kinder"?

"Beziehungen werden heute als eine Art Konsum angesehen, der größtmöglichen emotionalen Gewinn bringen soll", beschreibt Schmidt das Problem.

Ja und - ist das nicht ein legitimer Anspruch? Ich sehe es so herum: Wenn zwei Menschen sich auf ein so waghalsiges Experiment wie die Ehe einlassen, dann kann das eigentlich nur dann gutgehen, wenn jeder der Partner seine Emotionen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe ausleben kann.

Wenn mir bei irgendetwas das Messer in der Hose aufgeht, dann ist es jenes Bild der Ehe, derzufolge die Partner "in-selbstloser-Aufopferung-ihre-eigenen-Wünsche-zurückstellen-ihr-Kreuz-auf-sich-nehmen-höhere-Werte-leben-nicht-den-Vergnügungen-hinterherjagen-blablabla-sollen" *würg-kotz*

Frühere Generationen hätten nicht so hohe Ansprüche gehabt.

Nana, Frau Schmidt, das Fremdgehen hat uns etliche der größten Romane der Weltliteratur beschert ("Anna Karenina", "Effi Briest"). Und warum zählen diese Werke zur Weltliteratur? Weil dort auf höchstem künstlerischen Niveau die Rede vom realen Menschen war.

Viele Menschen hätten sich eine Ehe gar nicht leisten können. Mitte des 18. Jahrhunderts war in Berlin zum Beispiel nur die Hälfte der Bevölkerung verheiratet, viele Menschen lebten schon damals in unvollständigen Familien.

Das hat mich allerdings umgehauen. So was hab' ich ja noch nie gelesen! Single-Gesellschaft aus materieller Not? Das lädt zu weitreichendsten Spekulationen ein, und zwar sowohl darüber, ob (a) vielleicht auch schon früher nicht nur materielle Not der Grund für die geringe Zahl der Eheschließungen war, als auch, ob (b) vielleicht auch heute wieder materielle Not der Grund dafür ist, daß viele Menschen nicht heiraten.

Anders ausgedrückt:

Bevor die Hohepriester der Familienwerte wieder ihr übliches Gezeter anstimmen, daß "die-Menschen-in-dieser-unserer-bösen-Zeit-bindungsunwillig-und-hedonistisch-sind", sollte man mal davon ausgehen, daß die Versingelung mannigfaltige Ursachen hat, und diesen auf den Grund gehen.

"Mein Großvater war drei Mal verheiratet, wurde aber nie geschieden", berichtet Schmidt. Seine beiden ersten Frauen waren im Kindbett gestorben. Seine dritte Frau, Schmidts Großmutter, war zwei Mal verheiratet, ihr erster Mann war im Krieg gefallen. "Lange Ehen waren früher wegen der geringen Lebenserwartung kaum möglich", sagt Schmidt. "Heute könnten sie der Normalfall sein."

Kennt jemand noch die Anfang der 90er Jahre erschienene, leider (im Gegensatz zur Buchtrilogie von Ester Vilar) seit langem nicht mehr neu aufgelegte Buchtrilogie von Joachim Bürger "Mann, bist du gut" / "Mann, leb' dich aus" / "Mann hat es eben"? Darin stellt der Autor die meiner Meinung nach sehr einleuchtende These auf, daß die heutigen Ehen nicht zum Wenigsten deshalb so wenig haltbar sind, weil es noch nie einer Generation zugemutet worden sei, so lange mit einem Partner zusammenzuleben: Blendende Lebenserwartung, keine Kriege, keine Seuchen.

Mir jedenfalls will es nicht einleuchten, wieso es so ein gesegneter Zustand sein soll, nach der Heirat (a) die Aussicht auf ein viele Jahrzehnte währendes Zusammenleben zu haben, (b) durch jede Menge geschriebener und ungeschriebener Gesetze am außerehelichen Vergnügen gehindert zu werden und (c) sich einer Theorie und Praxis der Scheidungsgesetzgebung gegenüberzusehen, die es einem wenig geraten erscheinen läßt, die Ehe-Karrieren eines Gerhard Schröder oder Joschka Fischer (die zumindest teilweise noch von der Gesetzgebung vor der Reform des Scheidungsrechts profitierten!) nachzuahmen.

Nicht, daß ich Scheidung und häufige Wiederheirat für etwas Erstrebenswertes hielte. In jedem Fall aber sollte man die Scheidung weder übermäßig erschweren noch auf eine Weise ausgestalten, die für die eine oder andere Seite extrem nachteilhaft ist. Und ein rigide durchgesetztes Monogamie-Gebot ist in jedem Falle abschreckend.

Daß Frau Schmidt die möglichst lange Dauer einer Ehe als erstrebenswert ansieht, ist aus ihrer Interessenlage als Frau heraus verständlich.

Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, daß bei einer Umsetzung des von mir skizzierten Ehemodells - kein Monogamie-Gebot, leichte und gerechte Scheidung - genau besehen beide Geschlechter profitieren würden.

Insgesamt gesehen und trotz aller kritischen Anmerkungen:

Frau Schmidt hat meiner Meinung nach ein bemerkenswertes Maß an Einsichtsfähigkeit in die Situation der Männer bewiesen, und ihr Text taugt durchaus als Grundlage für einen fundierten gesellschaftlichen Diskurs zu der angesprochenen Problematik. Wünschenswert wäre, daß ein solcher Diskurs in den Medien in Gang kommt.

Gruß

Ekki



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