Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Frage an susu

Garfield, Thursday, 05.02.2004, 13:50 (vor 8037 Tagen) @ Tran

Als Antwort auf: Re: Frage an susu von Tran am 04. Februar 2004 11:29:05:

Hallo Tran!

"Wo sollte man zum Beispiel Leute einorden die eigentlich in die Rubrik "Mann" gehörten, würden sie sich nicht plötzlich schminken und Strumpfhosen tragen?"

Wieso sollten Männer, die sich schminken oder Strumpfhosen tragen, keine Männer mehr sein? Noch vor wenigen Jahrhunderten sah man das ganz anders. Da war es nämlich auch für Männer üblich, sich zu schminken und so etwas wie Strumpfhosen zu tragen. Da sich nur reiche Männer so etwas leisten konnten, galt das sogar als Zeichen für Wohlstand.

Wenn ich mir die Geschichte so ansehe, habe ich sehr das Gefühl, daß das von der Gesellschaft vorgegebenen Männerbild erst in den letzten ca. 150 Jahren so eingeengt wurde. Also etwa genau seitdem sich die Frauenbewegung nach und nach gesellschaftlich etabliert hat.

Als ich vor einiger Zeit beispielsweise ein Buch über die deutsch-englischen Beziehungen las, war ich sehr überrascht, dort zu lesen, daß ein deutscher General so um 1900 herum auf einer offiziellen Feier in Anwesenheit des Kaisers und anderer Würdenträger des Deutschen Reiches ganz selbstverständlich im Ballettkleidchen erscheinen und eine kleine Ballett-Einlage zum Besten geben konnte. Das tat dieser General häufig auf Feiern. Und zwar ohne daß er sich damit gesellschaftlich diskreditiert hätte. Man betrachtete das einfach als eine Marotte von ihm.

Nun stell dir das mal in der heutigen Zeit vor: Auf einer offiziellen Feier in Anwesenheit des Bundespräsidenten und anderer hochrangiger Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland kommt plötzlich ein Bundeswehr-General im Ballettkleidchen herein und tanzt den Schwanensee... Wie würde das wohl aufgenommen werden? Ich sehe die Schlagzeilen in "BILD" und anderen Käseblättern schon deutlich vor mir... Der arme Kerl könnte sich doch nirgends mehr blicken lassen, und man würde ihn wahrscheinlich auch schnell von seinem Posten wegkomplimentieren.

Ich gebe Susu insofern Recht, als viele Normen, die uns heute von der Gesellschaft vorgegeben werden, tatsächlich keineswegs natürlich sind. Und ich habe das Gefühl, daß die Frauenbewegung oder einfach nur ganz allgemein das, was immer gern als Emanzipation der Frau bezeichnet wird, daran großen Anteil hat. Noch vor 50 Jahren galt es für verheiratete Frauen als normal, nicht mehr zu arbeiten und sich ganz auf Kinder und Haushalt zu konzentrieren. So galt in den Augen der Frauen jeder Mann als "männlich", der es schaffte, die Familie allein zu ernähren.

Als dann aber immer mehr Frauen selbst auch in der Ehe berufstätig waren, wuchsen ihre Ansprüche an die Männer. Bis heute ist es so, daß die meisten Frauen einen Mann nur dauerhaft als Partner akzeptieren, wenn sein Einkommen über ihrem liegt, oder zumindest nicht sehr weit darunter. Da Frauen aber tatsächlich gar nicht unterbezahlt sind, wird es für sie natürlich schwieriger, Partner zu finden, die deutlich mehr verdienen als sie. Gerade wenn die Einkommen stagnieren oder sogar sinken. Also verlagern sie ihre Ansprüche und damit das, was sie unter "männlich" verstehen, auf andere Bereiche. Wenn ein Mann schon nicht viel mehr oder sogar weniger verdient als sie, dann muß er eben in anderer Hinsicht ein "echter Kerl" sein. Irgendwelche "schwuchtelhaften" Anwandlungen sind dann natürlich absolut tabu. Und die Männer passen sich dem dann an.

Noch im 19. Jahrhundert war es üblich, daß sich Männer, die sehr gut befreundet waren, beispielsweise in Briefen mit "Mein Liebster" anredeten. Heute würde das wohl kaum noch ein Mann tun, aus Angst, dann als Schwuchtel angesehen zu werden.

Ich denke, daß es auch zur Emanzipation des Mannes gehört, sich von solchen gesellschaftlichen Fesseln zu befreien, sofern sie denn als einengend empfunden werden.

Ich kann sowohl Susu als auch dich gut verstehen. Genau wie du finde ich es auch manchmal befremdlich, wenn Männer sich wie Frauen kleiden und schminken. Ich habe einen Arbeitskollegen, der das seit einigen Monaten konsequent durchzieht.

Aber letztendlich ist es doch so, daß wir einfach nur dazu erzogen wurden, das als befremdlich zu empfinden. Ich selbst habe nicht das Bedürfnis danach, in Frauenkleidern herum zu laufen. Aber ich finde es in Ordnung, wenn ein anderer Mann das tut. Frauen ziehen heute schließlich auch Männerkleidung an - wieso soll es also Männern weiterhin verboten bleiben, Frauenkleidung zu tragen?

Und was nun Frauen angeht: Da sind die Geschmäcker ja auch verschieden. Mit einer Radikalfeministin könnte ich auch nicht zusammen leben. Aber ein Heimchen am Herd würde ich auch nicht so toll finden. Bei mir war es eh schon immer so, daß ich keinen festgelegten Traumfrauen-Typ hatte.

Ich denke, daß wir alle einfach toleranter werden müssen. Die Menschen, die mit den gesellschaftlichen Normen keine Probleme haben, sollten es akzeptieren lernen, daß andere Menschen diese Normen eben auch mal sprengen, jedenfalls sofern sie niemandem damit schaden. Und die Menschen, die aus diesen Normen ausbrechen, sollten auch akzeptieren, daß andere Menschen das zuweilen nicht so toll finden, und sie sollten verstehen, daß nicht alle anderen Menschen nur gezwungenermaßen an den üblichen Normen festhalten, sondern daß viele Menschen damit wirklich gar kein Problem haben. Da ist also von beiden Seiten Toleranz und Akzeptanz gefragt.

Freundliche Grüße
von Garfield


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