Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: Frage an susu

susu, Sunday, 01.02.2004, 20:33 (vor 8040 Tagen) @ Der Eman(n)ze

Als Antwort auf: Frage an susu von Der Eman(n)ze am 01. Februar 2004 16:14:28:

Hallo Eman(n)ze

Spott und Hohn gegenüber (unzulässig vereinfachenden) Biologismen mögen berechtigt sein. Jedoch gewinne ich aufgrund Deiner pauschal ablehnenden Haltung gegenüber evolutionsbiologischen Erklärungsmodellen den Eindruck, daß Du Dir hier Dein persönliches Feindbild geschaffen hast.

Ich habe ja schon erklärt, daß ich die Soziobiologie für eine Wissenschaft halte, die durchaus den Ansprüchen an Wissenschaft genüge tun kann, daß mir in diesem Bereich aber keine Studie bekannt ist, die tatsächlich einen Verhaltensunterschied zwischen Männern und Frauen eindeutig auf biologische Ursachen zurückführen kann. Ich bin ja Naturwissenschaftleri (in Ausbildung) und mit einem Primatologen gut befreundet, so daß ich da auch Einblicke in Methodik und Kriterien für die Auswertung habe. Ich kann auch begründen, warum jede (!) biologische Feststellung eines Geschlechtsdimorphismus Problematisch ist, und zwar, weil es keine eindeutige Definition von Geschlecht in der Biologie gibt. Wichtiger noch: I.d.R. sind Genkomplexe auf verschiedenen Chromosomen für die Bildung von Eigenschaften zuständig. Damit kann sich die Wirkung von Geschlechtschromosomen auf verschiedene Personen stark unterschiedlich auswirken (Chromosom Nr.5 wirkt z.B. stark auf Hormonproduktion ein, etc.). Dazu kommt, daß in seltenen Fällen auch Crossing-over zwischen X und Y Chromosomen passiert, d.h. ein X-Chromosom kann Y-Gene enthalten und umgekehrt. Die Auswirkungen sind also von verschiedenen Voraussetzungen abhängig, Geschlecht damit nur schwerlich definierbar (je genauer Geschlecht definiert wird, desto größer die Zahl der Personen, die der Definition nach nicht als Mann oder Frau bezeichnet werden können [Außnahme wäre hier eine einseitige Definition eines der beiden Begriffe und der Ausformulierung der Gegendefinition als allen anderen, dabei wird letzterer Begriff aber extrem unscharf]).

In einer früheren Diskussion betontest Du, daß Du nicht dem Nur-Umwelt-Dogma anhängst. Diese Äußerung scheint meiner Ansicht nach nicht im Einklang zu stehen mit all Deinen Beiträgen.

Ich stehe auf dem Standpunkt, daß es biologische Erklärungen für bestimmte Verhalten gibt, daß es aber keine biologische Geschlechtsdefinition geben kann, die sich mit unserem Alltagsbegriff deckt. Das ist in anderen Wissenschaften nicht anders, Alkohol in der Chemie bezeichnet eine Ganze Gruppe von Stoffen, von denen nur einer in der Umgangssprachen gemeint ist usw.

Ich finde, Biologismen (=Rechtfertigung gesellschaftlicher Normen mit biologischen Unterschieden) und evolutionsbiologische Erklärungsmodelle sollten nicht in einen Topf geworfen werden.

Stimmt, immer vorausgesetzt es werden exakte Grenzen gezogen. Und zu oft mangelt es an der Differenzierung zwischen Geschlecht als Fachbegriff eines Teilbereichs der Biologie und dem Umgangssprachlichen Geschlecht.

Dein Motiv mag sein, daß Du die Modewelle des Boulevardbiologismus (->"Warum Frauen nicht bla und Männer bla") als abstoßend empfindest - zu recht, wenn man an seriösen Erklärungsmodellen interessiert ist. Aber ich finde, Du solltest auch mal das andere Extrem betrachten: Das Nur-Umwelt-Dogma und seine Etabliertheit. In einigen feministischen Theorien wird seit jahrzehnten an diesem Dogma festgehalten. Die realpolitischen Folgen sind asymmetrische (nicht geschlechtsneutrale) Frauenquoten und GirlsDay, mit dem unterm Strich wieder Zwang auf das Individuum ausgeübt wird - diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen: Frauen und Mädchen haben den technischen Bereich "cool" zu finden, das ist total angesagt, über "Männer&Technik" lästernde PowerGirls sind in.

Auf der anderen Seite gibt´s dann auch den Differenzfeminismus, wo Frauen den Iran als positives Beispiel nennen, weil dort Frauen "ihrem Geschlecht treu" sein können. Das Clean-Slate-Dogma ist im Grunde auch nicht die Grundlage von Girls-Day etc., denn hier wird ja gerade davon ausgegangen, daß Mädchen einen Druck brauchen, um in den technischen, oder den Naturwissenschaftlichen Bereich zu gehen. Ich halte das wiederum für sinnlos, allerdings gehe ich hier doch von eher sozialen Ursachen aus. Wenn ich mir das Umfeld meiner Komilitoninnen ansehe, dann kommen die meist aus Familien, in denen ein Elternteil schon in diesem Bereich arbeitet. Physiker kommen aus allen möglichen Elternhäusern. Und wenn ich an meine Schulzeit denke und die Nachhilfeschülerinnen, die ich hatte. Den Satz "Ich kann das nicht, weil ich ein Mädchen bin" habe ich verdammt oft gehört. In der Regel hieß das: Ich habe das nicht einmal versucht. Und eine von denen studiert jetzt Mathematik... Es mag möglich sein, daß es biologische Ursachen gibt, aber ich halte es für falsch, sie den Leuten ständig entgegen zu rufen. Denn in Sachen Begabung gehen die Individuellen Unterschiede weit über alle potentiellen Geschlechtsunterschiede hinaus.

Niemand ist evolviert um Quantenphysik zu verstehen (eigentlich sind Menschen sogar evolviert um sie nicht zu verstehen).

Meinem Empfinden nach sind beide Extreme der Normierung - Biologismus und Nur-Umwelt-Dogma - gleichermaßen in unserer Gesellschaft vertreten. Realpolitisch umgesetzt haben sie trotz Gegensätzlichkeit ganz ähnliche Folgen: Es wird am Individuum herumgedoktort, um irgendeine Statistik so zu "optimieren", daß das jeweilige Dogma rein statistisch erfüllt wird.
Beide Dogmen - das Nur-Umwelt-Dogma und der geschlechtsnormierende Biologismus - haben ein Problem: Es läßt sich weder das eine noch das andere Dogma wissenschaftlich bestätigen.

Für bestimmte Fragestellungen schon. Durch den vergleich mit indignen Gesellschaften kann bei bestimmten Eigenschaften klar festgestelt werden, daß die Biologie keine, oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Bei entsprechender Genauigkeit der Fragestellung und der Definitionen wäre es auch möglich verhaltensbiologische Ursachen zu bestätigen.

Ich empfinde dies jedoch gar nicht als schlimm. Es gibt Wege zur Gleichberechtigung (im Sinne von Chancengleichheit und Gleichwertigkeit), die nicht auf eines dieser beiden Dogmen angewiesen sind. Es muß gelingen, das Individuum vor geschlechtsnormierenden Rollenzuweisungen zu bewahren, andererseits dem Individuum die Wahlfreiheit für die persönlich am erfüllensten empfundene Rolle lassen. (letzteres fehlt z.B. den "Frauen durch Quoten in technische Berufe pressen"-Aktionen!)
Gewiß, dieser Weg kann eine Gratwanderung sein. Aber leider sind die einfacheren Wege nicht immer die besseren.

Das stimmt. Und ich erkläre noch einmal, daß es darum gehen muß, Individuen Wahlmöglichkeiten zu bieten. Das bedeutet auch, Wahlmöglichkeiten aufzuzeigen, die Sicht auf Lebenswege offenzulegen.

Ich hoffe das war verständlich.

susu


gesamter Thread:

 

powered by my little forum