Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Frage an susu

Der Eman(n)ze, Sunday, 01.02.2004, 18:14 (vor 8040 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Laut lachen... von susu am 31. Januar 2004 22:40:34:

Hi susu!

Spott und Hohn gegenüber (unzulässig vereinfachenden) Biologismen mögen berechtigt sein. Jedoch gewinne ich aufgrund Deiner pauschal ablehnenden Haltung gegenüber evolutionsbiologischen Erklärungsmodellen den Eindruck, daß Du Dir hier Dein persönliches Feindbild geschaffen hast.

In einer früheren Diskussion betontest Du, daß Du nicht dem Nur-Umwelt-Dogma anhängst. Diese Äußerung scheint meiner Ansicht nach nicht im Einklang zu stehen mit all Deinen Beiträgen.

Ich finde, Biologismen (=Rechtfertigung gesellschaftlicher Normen mit biologischen Unterschieden) und evolutionsbiologische Erklärungsmodelle sollten nicht in einen Topf geworfen werden.

Dein Motiv mag sein, daß Du die Modewelle des Boulevardbiologismus (->"Warum Frauen nicht bla und Männer bla") als abstoßend empfindest - zu recht, wenn man an seriösen Erklärungsmodellen interessiert ist. Aber ich finde, Du solltest auch mal das andere Extrem betrachten: Das Nur-Umwelt-Dogma und seine Etabliertheit. In einigen feministischen Theorien wird seit jahrzehnten an diesem Dogma festgehalten. Die realpolitischen Folgen sind asymmetrische (nicht geschlechtsneutrale) Frauenquoten und GirlsDay, mit dem unterm Strich wieder Zwang auf das Individuum ausgeübt wird - diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen: Frauen und Mädchen haben den technischen Bereich "cool" zu finden, das ist total angesagt, über "Männer&Technik" lästernde PowerGirls sind in.

Meinem Empfinden nach sind beide Extreme der Normierung - Biologismus und Nur-Umwelt-Dogma - gleichermaßen in unserer Gesellschaft vertreten. Realpolitisch umgesetzt haben sie trotz Gegensätzlichkeit ganz ähnliche Folgen: Es wird am Individuum herumgedoktort, um irgendeine Statistik so zu "optimieren", daß das jeweilige Dogma rein statistisch erfüllt wird.

Beide Dogmen - das Nur-Umwelt-Dogma und der geschlechtsnormierende Biologismus - haben ein Problem: Es läßt sich weder das eine noch das andere Dogma wissenschaftlich bestätigen.

Ich empfinde dies jedoch gar nicht als schlimm. Es gibt Wege zur Gleichberechtigung (im Sinne von Chancengleichheit und Gleichwertigkeit), die nicht auf eines dieser beiden Dogmen angewiesen sind. Es muß gelingen, das Individuum vor geschlechtsnormierenden Rollenzuweisungen zu bewahren, andererseits dem Individuum die Wahlfreiheit für die persönlich am erfüllensten empfundene Rolle lassen. (letzteres fehlt z.B. den "Frauen durch Quoten in technische Berufe pressen"-Aktionen!)

Gewiß, dieser Weg kann eine Gratwanderung sein. Aber leider sind die einfacheren Wege nicht immer die besseren.

Ich würde mich über ein allgemeinverständliches Statement von Dir freuen. (andere können natürlich auch ihren Senf dazugeben)

Gruß
Der Eman(n)ze


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