Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Bundeswehr rüstet sich für Wegfall der Wehrpflicht

Maesi, Sunday, 14.12.2003, 12:57 (vor 8089 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Bundeswehr rüstet sich für Wegfall der Wehrpflicht von Garfield am 09. Dezember 2003 16:14:58:

Hallo Garfield

Ich bin mir nicht so sicher, ob eine Berufsarmee wirklich teurer wäre als die jetzige Wehrpflichtarmee. Erstmal würde bei einer Berufsarmee der ganze Verwaltungsapparat entfallen, der jetzt nur oder überwiegend für Wehrpflichtige zuständig ist. Und man bräuchte auch keine Berufssoldaten mehr zur Ausbildung der Wehrpflichtigen einsetzen.
Dazu kämen noch Einspar-Effekte außerhalb der Bundeswehr: Die Polizei bräuchte sich z.B. nicht mehr um fahnenflüchtige Wehrpflichtige kümmern. Das bringt zwar direkt keinen Spar-Effekt, würde aber dafür sorgen, daß die Polizei mehr Zeit hat, um sich um wirklich wichtige Dinge zu kümmern, was dann den Schaden durch Kriminalität etwas senken würde.

Naja, gewisse wehrpflichtspezifische Einsparungen gaebe es wahrscheinlich schon. Aber dem stuenden eben hoehere Ausgaben in anderen Bereichen entgegen. Meine Ueberlegungen stuetzen sich auf Abklaerungen der Schweizer Regierung, die schon einen Wechsel zu einer Berufsarmee hin untersuchen liess. Das Ergebnis war, dass keine Einsparungen durch einen blossen Systemwechsel zu verzeichnen waeren, sondern dass im Gegenteil die Kosten tendenziell eher steigen wuerden. Die Schweizer Sozialdemokraten diskutierten zwar ein alternatives Modell, welches tatsaechlich billiger waere; die dabei festzustellenden Kosteneinsparungen sind jedoch ausschliesslich auf eine parallel vorzunehmende massive Abruestung zurueckzufuehren. Die Verquickung von Systemwechsel und Abruestung ist sehr beliebt und politisch durchaus clever, wenn jedoch die aus der Abruestung resultierenden Kosteneinsparungen zugunsten des Systemwechsels verbucht werden, dann ist das lediglich ein buchhalterischer Trick, ein Etikettenschwindel; denselben Effekt koennte man naemlich auch durch blosse Abruestung erzielen, wobei die temporaeren Zusatzkosten durch die Umstellung von der Miliz- zur Berufsarmee entfielen.

Es ist offensichtlich, dass eine Milizarmee wesentlich billiger ist als eine Berufsarmee bei einer vergleichbaren Zahl von aktiven Wehrmaennern. Deshalb setze ich voraus, dass eine Berufsarmee einen erheblich geringeren Truppenbestand aufweist als eine Milizarmee. Das bedeutet aber auch, dass der Kampfwert des einzelnen Soldaten stark gesteigert werden muss, um eine vergleichbare Kampfkraft zu erzielen, ansonsten haetten wir den von mir oben erwaehnten Abruestungseffekt. Die dazu notwendige Kampfwertsteigerung des einzelnen Soldaten muesste zum groessten Teil ueber eine hoehere Mechanisierung sowie modernere Waffen erkauft werden.

Die von Dir erhofften Einsparungen im Verwaltungsbereich kann ich leider nicht nachvollziehen. Auch eine Berufsarmee braucht selbstverstaendlich eine Verwaltung; die Leute wollen schliesslich verpflegt und entloehnt werden, die Infrastruktur muss verwaltet und gewartet, Material und Munition bestellt und in der Armee verteilt werden. Einsparungen gaebe es am ehesten, weil wesentlich weniger Leute gemustert und unterhalten werden muessten. Andererseits wuerden die Verwaltungskosten bedingt durch spezielleres Material und kompliziertere Infrastruktur wiederum erhoeht.

In dieser Beziehung empfehle ich Dir, Parkinsons Buch ueber die Mechanismen in Verwaltungen zu lesen. Dort siehst Du am Beispiel der britischen Marine schwarz auf weiss: egal, wie sich der Mannschaftsbestand der kaempfenden Truppe in der Royal Navy infolge von zwei Weltkriegen massiv erhoeht und nach Friedensschluss jeweils wieder vermindert hat, die Verwaltungsbestaende sind immer gestiegen oder wenigstens gleich geblieben; das Resultat ist, dass in der modernen Royal Navy ein viel hoeherer Anteil des Personals in der Verwaltung taetig ist als noch vor 100 Jahren. Die Tendenz der Verwaltungen, sich meist auszudehnen und sehr selten zu schrumpfen, ist eines der Parkinsonschen Gesetze.

Auch der Zivildienst würde entfallen, und damit auch der dazu nötige Verwaltungsapparat. Dann fielen zwar billige Arbeitskräfte weg, aber wenn man stattdessen Personal einstellt, zahlt das immerhin Lohnsteuern - und das ist die Haupteinnahmequelle des Staates.

Saemtliche Aenderungen im Zivildienst haben mit der Armee ueberhaupt nichts zu tun und tangieren das Verteidigungsbudget nicht.

Den staatlichen Mehreinnahmen durch Lohnsteuern stuenden wesentlich hoehere Ausgaben fuer deren Gehaelter entgegen; oder zahlt ihr in Deutschland bereits gegen 100% Einkommenssteuern wie in Schweden, sodass ein grosser Teil der erhoehten Ausgaben an den Staat fallen? Ob die Loehne durch staatliche Steuermittel oder durch Beitraege an Sozialversicherungswerke bezahlt werden, ist dabei fuer den Buerger ziemlich unerheblich; er zahlt immer. Tatsache ist, dass die Zivis nur zum kleineren Teil durch Festangestellte ersetzt werden koennten, wenn die jetzigen Kosten nicht ueberschritten werden duerften. Ich bezweifle, dass das ohne eine gewisse Reduktion der derzeit durch die Zivis geleisteten Dienste zu machen ist. Im Klartext: weniger Service fuer gleich viel Geld, das bedeutet letzten Endes eine Verteuerung.

Außerdem könnte man die Möglichkeit des freiwilligen sozialen Jahres nutzen, um diesen Mangel an billigen Arbeitskräften wieder auszugleichen. Viele Jugendliche, die jetzt ohne Ausbildung oder Job in der Luft hängen, würden das nutzen, wenn man ihnen dazu noch zusätzliche Anreize bieten würde. Das macht sich im Lebenslauf immerhin besser als das Wort "arbeitssuchend", und man kann so auch die Chancen auf eine Lehrstelle verbessern. Jetzt gibt es ja auch nicht nur im Pflegebereich Zivildienstleistende, sondern auch z.B. in der Forstwirtschaft usw.

Vergiss es, Garfield. Das freiwillige soziale Jahr gibt es bereits heute fuer junge Frauen; das absolvieren nur sehr wenige. Ich sehe nicht ein, dass das bei den jungen Maennern anders sein sollte.

Natürlich müßte man in einer Berufsarmee auch immer wieder neue Soldaten rekrutieren und testen. Und natürlich müßte man sie auch ausbilden. Da sie dann aber weitaus länger bei der Truppen bleiben, wäre die Zahl der Rekruten immer weitaus niedriger als heute.

Zweifellos gaebe es einen hoeheren Professionalisierungsgrad der Truppe, bedingt durch dauernde Anwendung des Gelernten. Andererseits gilt fuer eine Armee dasselbe wie in der Privatwirtschaft - ohne Weiterbildung laeuft da nix. Und gerade heutzutage ist permanente Weiterbildung lebenswichtig. Wenn ein neues Waffensystem eingefuehrt wird, dann muessen die Leute halt daran ausgebildet und geuebt werden. In einer hochspezialisierten Berufsarmee wuerden die Ausbildungskosten wohl kaum sinken; es muessten zwar weniger Menschen ausgebildet werden, dafuer waeren die spezielleren Ausbildungen bedingt durch moderne Waffen wesentlich teurer.

Obendrein würde sich ihre Ausbildung auch wirklich auszahlen. Was nützt denn die 9monatige Ausbildung eines Grundwehrdienstleistenden? In 9 Monaten lernt man nicht sonderlich viel, und wenn man dann ein paar Jahre aus der Armee raus ist, hat man eh alles wieder vergessen.

Ein Reservist kostet die Armee nahezu nichts und ist somit irrelevant aus Kostensicht. Solange der Milizsoldat im aktiven Dienst ist, ist er normalerweise auch up-to-date punkto Ausbildung. Deine Einschaetzung, dass man in 9 Monaten nicht sonderlich viel lernt, kann ich im uebrigen nicht teilen.

Aber vor allem kann man Wehrpflichtige noch nicht so einfach auf Auslandseinsätze schicken, und häufig verfügen sie auch gar nicht über die dafür erforderliche Ausbildung. Auslandseinsätze werden aber weiterhin wichtig bleiben, und die Bundeswehr ist dabei schon längst am Limit angelangt.

Ein Berufssoldat benoetigt dazu natuerlich auch eine Ausbildung. Sofern die Auslandseinsaetze in einem vergleichbaren Ausmass verbleiben, gibt es hier kaum Einsparungen.

Und was die technische Ausrüstung angeht: Die Kosten dafür hat man so oder so. Ob nun ein Wehrpflichtiger oder ein Berufssoldat einen Panzer fährt: Der Panzer sollte in jedem Fall einigermaßen modern ausgerüstet sein. Die teuersten Waffensysteme (z.B. Kampfflugzeuge oder Kriegsschiffe) werden ohnehin schon jetzt ganz oder überwiegend von Berufssoldaten bedient.

Nein, Garfield. Die Kosten hat man nicht einfach so oder so. Bedingt durch den verminderten Mannschaftsbestand muesste der Mechanisierungsgrad, die Kampfkraft sowie die Mobilitaet der Truppen wesentlich erhoeht werden, damit dieselben Aufgaben erfuellt werden koennten. Das laeuft darauf hinaus, dass vielleicht nicht mehr, aber zweifellos moderneres Material in hoeherer zeitlicher Kadenz angeschafft werden muesste. Die Transportkapazitaeten fuer mobile Einsatztruppen waeren zu erhoehen, es muessten wesentlich mehr intelligente Waffen (insbesondere auch fuer die Infanterie) beschafft werden. Die Wartung eines breiteren Spektrums von speziellen Waffen waere kostenintensiver. Und genau in den hohen Beschaffungs-/Wartungskosten fuer modernes Material sehe ich (neben der hoeheren Entloehnung der Soldaten) den Hauptpunkt, wo jegliche Kosteneinsparungen einer zahlenmaessig kleineren Berufsarmee gleich wieder weggefressen wuerden.

Selbst wenn eine Berufsarmee durch höhere Personalkosten tatsächlich insgesamt mehr Kosten bringen würde: Man muß dabei auch das Verhältnis von Aufwand und Nutzen sehen. Wenn ich die Wahl habe, viel zu investieren und damit im Durchschnitt nur mittelmäßige Resultate zu erzielen oder aber sehr viel zu investieren und dafür sehr gute Resultate zu erreichen, dann entscheide ich mich für Letzteres.

Objektiv gesehen stimmt das. Aber bei vielen Leuten wird die Hoffnung geweckt ein Systemwechsel braechte substantiell tiefere Verteidigungsausgaben, die dann selbstverstaendlich in soziale Belange fliessen koennten. Wenn die Verteidigungskosten nach der Umstellung auf eine Berufsarmee auch nur aehnlich hoch blieben, waeren die Hoffnungen enttaeuscht, und es wuerden eine ganze Menge Fragen gestellt. Es muss jede Regierung selbst wissen, inwieweit sie es sich leisten kann Versprechungen abzugeben oder unerfuellbare Hoffnungen zu wecken. Punkto Wechsel von einer Miliz- in eine Berufsarmee werden ganz eindeutig Hoffnungen geweckt, ohne dass vorgaengig serioese Abklaerungen erfolgt sind; und das ist unehrlich.

Im uebrigen haette Deutschland bei wesentlich tieferen Verteidigungsausgaben durchaus ein Problem mit der NATO; sie haben dieses Problem ja jetzt schon. Die Deutschen muessen sich bewusst sein: wenn man in einem militaerischen Buendnis ist, dann kann man nicht mehr nach Belieben schalten oder walten sondern muss auf die Buendnispartner Ruecksicht nehmen; man ist Teil eines groesseren Ganzen und muss die auferlegten Pflichten erfuellen; ansonsten funktioniert das Buendnis nicht lange.

Ich denke, es hat schon seinen Sinn, daß auch manche hohen Militärs eine Berufsarmee befürworten. Und daß mittlerweile viele europäische Armeen Berufsarmeen sind.

In der Schweiz befuerworten ebenfalls viele Offiziere eine Berufsarmee. Aus Sicht der Offiziere sind Berufssoldaten wesentlich einfacher zu fuehren; man braucht weniger Ruecksicht auf Befindlichkeiten Einzelner zu nehmen. Es kann eine hoehere Homogenitaet der Truppe erreicht werden; Missliebige koennen einfacher abgeschoben oder sogar entlassen werden. Der einzelne Soldat kann je nach Bedarf auch ueber einen laengeren Zeitraum hin ausgebildet werden; das Gelernte kann immer wieder geuebt werden und geht waehrend der wesentlich laengeren Dienstzeit des Berufssoldaten nicht verloren.

Gruss

Maesi


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