Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Die Zeiten haben sich geändert, wenn Du ernsthaft diskutieren möchtest...

Ekki, Tuesday, 01.06.2010, 18:57 (vor 5700 Tagen) @ Garfield

Hallo Garfield!

Schön, mal wieder von Dir zu hören bzw. zu lesen.

Hallo Ekki!

Es kam und kommt mir nicht in den Sinn, auf Real- und Hauptschüler
herabzublicken...

Das ist vernünftig und löblich, nur leider sehen immer mehr Menschen -
darunter leider auch die Masse der Personal- und Firmenchefs - das ganz
anders.

Die ordnen die Bewerber nach ihrem Schulabschluß sehr wohl hierarchisch
ein, und die Tendenz geht dahin, daß Hauptschüler in immer mehr Branchen
keine Chance haben.

Wenn das nur auf Dünkel und Hochmut beruhen würde, dann ließe sich dagegen
ja noch etwas unternehmen. Viel schlimmer ist aber, daß es dafür auch
handfeste Gründe gibt, die man nicht so einfach vom Tisch fegen kann.

Es gab mal eine Studie zur Qualität der Lehrer an deutschen Schulen. Das
Ergebnis war erschreckend. Man stellte fest, daß viele Lehrer selbst in
ihrer Schulzeit eher mittelmäßige Schulnoten hatten. Ganz offensichtlich
haben sie sich nur für den Lehrerberuf entschieden, weil sie sich anderswo
schlechte Chancen ausrechneten.

Ich würde die Kausalität da etwas anders sehen:

Wir kriegen jetzt mit den ersten "Bildungs-Enkeln" der 68-er Revolution zu tun, will sagen: mit der ersten Generation von Schulabsolventen, deren Lehrer selbst, als sie noch Schüler waren, von der Neid- und Anti-Leistungsprinzip-Ideologie vergiftet wurden.

Daraus ergibt sich ein weiterer Rückschluß:

Auch und gerade nach 68 wurde auf den Lehramtsfakultäten sehr wohl gesiebt - nur eben mit umgekehrten Vorzeichen: Wer da nicht politisch korrekt war, hatte, keine Chance.

Lies diesbezüglich mal die Memoiren von Helmuth Thielicke "Zu Gast auf einem schönen Stern" (ist über www.zvab.com bestimmt noch antiquarisch zu bekommen).

Als Linguist konnte ich unmittelbar beobachten, wie sich das auswirkte:

In meinen Schulbüchern (Gymnasialzeit 1972 bis 1981) habe ich gerade noch die Bücher alter Schule mitgekriegt, wo das Sprachenlernen auf Vokabelpauken und der Erklärung grammatischer Strukturen basierte.

Da mußte man schon in der Unterstufe lernen, auf erwachsene Weise über strukturelle Zusammenhänge nachzudenken.

Inzwischen stellen sämtliche Bücher nur noch auf "Spaß am Lernen" ab - anstatt schon Kinder auf erwachsene Weise nachdenken zu lassen, betreibt man jetzt die Infantilisierung. Bunte Bildchen, alberne Geschichtchen und um Himmels Willen keine grammatischen Erläuterungen, schließlich lernt der Mensch ja "intuitiv" am besten - gelle?

1991/92 hatte ich als Deutschlektor in Polen das wenig beneidenswerte "Vergnügen", zusammen mit einer Geschlitzten vom DAAD aus Westdeutschland zu unterrichten, die genau auf dem Trip war ...

Es wurde festgestellt, daß bei der
Ausbildung der Lehrkräfte praktisch jede(r) durchgeschoben wird, unfähige
Kandidaten werden kaum ausgesiebt. An den Hauptschulen hat sich so in den
letzten Jahrzehnten besonders viel Inkompetenz angesammelt, während die
Situation an den Gymnasien noch vergleichsweise gut ist. Das dort nötige
größere Fachwissen schreckt die Inkompetenten offenbar (noch) ab.

Hier möchte ich 2 Einwände machen:

Um an Real- oder Hauptschule einen guten Abschluß zu machen, ist sehr wohl Fachwissen erforderlich, nur die Inhalte sind auf jedem der 3 Schultypen andere.

Und daß die Gymnasien auch auf den Hund gekommen sind, hört man allenthalben.

Kein Wunder:

Wenn nicht mehr abstraktes Denken, sondern substanzloses Gewäsch gefragt ist ...

Schon in meiner Gymnasialzeit thematisierte einer unserer Lehrer in der Mittelstufe, dass es eine bestimmte Sorte von Kollegen gebe, die die Kinder dazu erziehe, alles zu kritisieren, ohne vorher die für einen Diskurs notwendige Basis durch Aneignung von Faktenwissen gelegt zu haben.[/u]

Aber gerade das Faktenwissen ist ja unter linken Ideologen verpönter als irgendetwas anderes ...

Das kann in diesem Ausmaß nicht an den Schülern liegen. Es liegt an der
Inkompetenz von immer mehr Lehrern und an den abstrusen Experimenten in den
öffentlichen Schulen. Es liegt auch daran, daß offenbar viele Eltern heute
der Meinung sind, daß Erziehung nicht ihre Aufgabe, sondern Aufgabe der
Lehrer wäre, die dafür aber nicht die nötigen Kompetenzen haben. Es hängt
auch damit zusammen, daß Eltern heute viel mehr in die Erziehung hinein
geredet wird. Das Kind soll schließlich der König in der Familie sein, der
(nach Anregungen aus der Werbung) den Eltern diktiert, was sie alles zu
konsumieren haben.

Volle Zustimmung - schwersten Herzens.

Aber wie dem auch sei: So ist es nur logisch, daß immer mehr Firmen keine
Hauptschüler wollen und daß Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Hauptschulen
schicken wollen.

Die Gesamtschule, so wie sie jetzt propagiert wird, kann aber auch keine
Lösung sein. Es wird gern darauf verwiesen, daß das doch in der DDR auch
gut funktioniert hätte. Ja, das hat es, aber eben nur, weil da eben nicht
jeder auf Biegen und Brechen mit durchgeschoben wurde. Wer eine 5 in einem
wesentlichen Fach hatte, blieb sitzen. Wer zweimal nacheinander sitzen
blieb und in vielen Fächern miserabel war, kam auf eine Sonderschule für
lernschwache Kinder. Wer eine Behinderung hatte, die für normalen
Unterricht hinderlich war, kam von Anfang an auf eine entsprechende
Sonderschule, die für die jeweilige Behinderung speziell eingerichtet war.
Wer sich an der Sonderschule so gut entwickelte, daß er auch an einer
normalen Schule wieder mithalten konnte, kam wieder dorthin zurück. Wer
sich nicht so gut entwickelte, blieb an der Sonderschule.

Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die DDR-Erziehung aufgrund ihrer Einbindung in ein totalitäres System andere Nachteile hatte, die man sich auch nicht zurückwünschen sollte.

Man kann schließlich nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Nur so kann eine Gesamtschule funktionieren. Wenn man etwas Anderes
versucht, dann ist es besser, das dreigliedrige Schulsystem zu erhalten.

Eben.

Und da eine Gesamtschule nur dann funktioniert, wenn sie den oben von Dir beschriebenen Prinzipien folgt, das dreigliedrige Schulsystem aber - Durchlässigkeit vorausgesetzt - per se zu guten Ergebnissen führt, ist bei einem durchlässigen dreigliedrigen Schulsystem die Erfolgsquote höher als bei Gesamtschulen, die sich in einem demokratischen Staat immer sehr unterschiedlich darstellen dürften.

Herzliche Grüße von

Ekki


Freundliche Grüße
von Garfield

--
Ich will ficken, ohne zu zeugen oder zu zahlen.
Lustschreie sind mir wichtiger als Babygeplärr.


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