Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Schule und Jungen

Garfield, Wednesday, 16.02.2005, 14:41 (vor 7658 Tagen) @ Mikael

Als Antwort auf: Re: Schule und Jungen von Mikael am 15. Februar 2005 21:19:22:

Hallo Mikael!

Du hast ja durchaus recht, aber die Diskriminierung von Jungen erfolgt nicht nur unbewußt, und sie haben auch nicht selbst daran schuld.

Natürlich kann man es sich einfach machen und sagen, daß die Jungen, weil sie im Durchschnitt eben weniger anpassungsbereit und oft auch weniger fleißig sind als die Mädchen, selbst dran schuld sind, wenn ihnen das Nachteile einbringt.

Nun ist es aber keineswegs so, daß nur die Jungen Defizite in der Schule haben. Auch Mädchen haben ganz spezifische Defizite. Vielen Mädchen fällt es beispielsweise schwer, im Mathematik-Unterricht Aufgabenstellungen in konkrete Formeln umzusetzen. Viele Mädchen neigen auch dazu, schwierige Aufgaben möglichst an andere (üblicherweise an Jungen) weiter zu delegieren. Das ist beispielsweise bei Experimenten im Physik- oder Chemie-Unterricht fatal. Wenn sich die Mädchen da bequem im Hintergrund halten und die Jungen alles machen lassen, lernen sie natürlich auch weniger.

Diese Probleme wurden schon vor Jahrzehnten erkannt. Man sagte dann aber nicht, daß die Mädchen halt selbst dran schuld sind, sondern man gab den Jungen daran die Schuld. Man behauptete beispielsweise, daß die Jungen die Mädchen im Unterricht unterbuttern und in den Hintergrund drängen würden.

Man tat also nichts weiter als die üblichen Geschlechter-Klischees auch auf die Schulkinder anzuwenden. Laut diesen Klischees konnten die Mädchen an ihren schulischen Probleme natürlich gar nicht selbst schuld sein, sondern sie konnten nur unschuldige Opfer der bösen Jungen sein.

Also tat man alles, um den Unterricht mädchengerechter zu gestalten. Ihre speziellen Fähigkeiten und Bedürfnisse wurden und werden zunehmend gefördert, während die speziellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Jungen nach wie vor kaum jemanden interessieren und oft sogar negativ dargestellt werden.

Dazu kommen noch gewisse andere Faktoren, die mit der Geschlechterproblematik erst einmal nichts zu tun haben. An manchen Schulen haben die Lehrer heute weniger Zeit für einzelne Schüler, und manche Lehrer sind auch schlicht und einfach faul. Also versuchen sie, beispielsweise die Zeiten zum Kontrollieren von Klassenarbeiten dadurch zu verringern, daß sie von den Schülern verlangen, Aufgaben immer exakt nach einem vorgegebenen Schema abzuarbeiten. Meine Frau hatte in ihrer Schulzeit in den 1990er Jahren mal einen Mathe-Lehrer, der bei Klassenarbeiten bei jeder Aufgabe einen ganz bestimmten Rechenweg verlangte. Und der mußte dann in einer genau festgelegten Art aufgeschrieben werden. Wer sich daran nicht hielt, bekam grundsätzlich Punktabzug, ganz egal, ob das Ergebnis richtig war. Wenn in der Klasse ein mathematisches Genie gewesen wäre, das sich ständig geniale neue Rechenwege ausgedacht hätte, dann hätte dieses Genie also regelmäßig eine 6 in den Klassenarbeiten bekommen und wäre dann am Jahresende mit einer 6 in Mathematik sitzen geblieben. Eine Lehrerin schrieb mir mal in einem Forum, daß so etwas in unserem Bundesland eigentlich gar nicht erlaubt ist. Trotzdem wird das gemacht, entweder aus Bequemlichkeit oder aus Zeitdruck.

Mädchen kommt so etwas sehr entgegen. Ihnen ist es häufig lieber, Aufgaben nach einem vorgegebenen, festen Schema zu lösen. Jungen langweilt so etwas aber. Sie fühlen sich damit oft unterfordert, und so können dann ihre Leistungen sogar in Fächern sinken, in denen sie den Mädchen normalerweise überlegen wären.

Dazu kommt noch die unbewußte Bevorzugung der Mädchen, die mindestens genauso fatal wirkt. Jemand hat hier schon diese Untersuchung aus Israel erwähnt. Für alle, die nicht wissen, worum es dabei ging:

In Israel werden wichtige Prüfungsarbeiten grundsätzlich doppelt bewertet: Zum ersten Mal durch die Fachlehrer, und zum zweiten Mal anonym durch Prüfer in irgendeiner zentralen Behörde. Dabei stellte sich nun heraus, daß die Prüfungsarbeiten von Mädchen bei dieser anonymen Prüfung im Durchschnitt schlechter bewertet wurden als durch die Fachlehrer. Bei den Arbeiten der Jungen gab es dagegen keinen Unterschied. Da bei der anonymen Prüfung die Namen der Schüler nicht bekannt sind, die Prüfer also gar nicht wissen, ob eine Arbeit von einem Jungen oder von einem Mädchen stammt, ist es nicht möglich, daß sie Mädchen bewußt oder unbewußt schlechter bewerten. Da die Arbeiten der Jungen von den Fachlehrern in etwa genauso bewertet werden wie bei der anonymen Prüfung, kann es auch nicht sein, daß die Fachlehrer die Jungen bewußt oder unbewußt schlechter bewerten.

Also gibt es dafür nur eine Erklärung: Die Fachlehrer bewerten die Arbeiten der Mädchen zu gut. Nun hat man zunächst vermutet, daß vielleicht nur männliche Lehrer dazu neigen, Mädchen, die ihnen sympathisch sind, bessere Zensuren zu geben. Als man das aber genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß auch weibliche Lehrer die Arbeiten von Mädchen im Durchschnitt zu gut bewerteten.

Zum Teil geschieht das vermutlich unbewußt. Seit eh und je neigen Menschen dazu, Frauen und Mädchen grundsätzlich mehr Hilfe und Unterstützung zuteil werden zu lassen als Männern und Jungen.

Teilweise geschieht das wahrscheinlich aber auch bewußt. Vielen Menschen ist ja heute völlig klar, wie fürchterlich Frauen immer noch überall diskriminiert werden, und dann glauben sie tatsächlich, das stets und ständig ausgleichen zu müssen.

Wie dem auch sei: Daß Mädchen in der Schule grundsätzlich bevozugt behandelt werden, habe ich in meiner Schulzeit auch schon erlebt. Da kam es vor, daß ein Lehrer einem Mädchen trotz extremen Wissenslücken bei einer mündlichen Leistungskontrolle statt der verdienten 4 eine 2 gegeben hat. Einen Jungen hätte er nicht so viel besser bewertet. Aber der wäre wohl auch nicht so herzzerreißend in Tränen ausgebrochen... Es gab auch immer wieder Mädchen, die von Mathe und Physik zwar überhaupt keine Ahnung hatten, aber trotzdem in diesen Fächern immer auf 2 oder sogar auf 1 standen. Das erreichten sie beispielsweise durch Abschreiben von Jungen, die in diesen Fächern gut waren. Die Lehrer sahen dann meist großzügig darüber hinweg.

Es ist vollkommen klar und logisch, daß Jungen unter solchen Bedingungen zunehmend ins Hintertreffen geraten. Sie haben gar keine andere Chance und sie sind nicht selbst daran schuld. Jungen sind nun einmal, wie sie sind, genau wie auch Mädchen so sind, wie sie eben sind. Es gibt nur zwei korrekte Möglichkeiten, damit umzugehen:

Entweder ignoriert man diese geschlechtsspezifischen Unterschiede und zieht den Unterricht knallhart durch, ohne für eines der Geschlechter ständig Extrawürste zu braten oder aber man geht bei Jungen wie bei Mädchen auf ihre speziellen Talente und Bedürfnisse ein.

Jetzt läuft das aber so, daß nur auf Mädchen Rücksichten genommen werden, während die Jungen zusehen können, wie sie klar kommen. Das ist so nicht korrekt.

Freundliche Grüße
von Garfield


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