Re: Frauen sparen anders
Als Antwort auf: Frauen sparen anders von Andreas am 13. September 2004 23:30:17:
Hallo Andreas
Frauen shoppen ohne Ende und hatten als Mädchen statt Mathe-Unterricht die Masern. Klischees über die in Finanzdingen angeblich ahnungslosen Frauen halten sich hartnäckig. Dabei sind sie heute zunehmend diejenigen, die zu Hause die Geldangelegenheiten regeln.
Dass Frauen mehr shoppen (wenn auch nur in den seltensten Faellen 'ohne Ende'), ist statistisch nachpruefbar. In Finanzdingen waren Frauen noch nie ahnungslos: meine Mutter war schon vor 35 Jahren der Quaestor in der Familie; ich habe ihr als kleiner Junge oft genug bei der Fuehrung des Haushaltsbuchs zugeschaut.
Und die Familienmanagerinnen sind oft die besseren Strategen, beobachten Experten. Auch bei der privaten Altersvorsorge haben Frauen nach einer Umfrage für die Zeitschrift "Brigitte" (Ausgabe 15. September) aufgeholt.
Beliebig interpretierbare Aussagen. Man beachte die Redewendungen 'Frauen sind oft die besseren...' bzw. 'Frauen muessen nicht die schlechteren ... sein'; in beinahe jeder pseudowissenschaftlichen Frauen-Untersuchung feministischer Machart kommen diese erkenntnisfreien Floskeln vor.
Ehemann und Staat haben als Anker fürs Alter für viele ausgedient: Fast jede zweite Frau verlässt sich nicht mehr allein auf die gesetzliche Rente und hat zusätzlich vorgesorgt, ergab die repräsentative Studie des Emnid-Instituts im Auftrag der Zeitschrift.
Wunder ueber Wunder! Selbst n-tv hat erkannt, dass in die Brueche gegangene Ehen als Frauenversorgungsinstitutionen ausfallen und auch durch Unterhaltszahlungen vom Ex-Mann nicht vollstaendig wettgemacht werden koennen (dieser verflixte Selbstbehalt beim Unterhaltsverpflichteten aber auch...). Fuer n-tv scheint es eine Zumutung zu sein, dass Frauen sich nun nicht mehr auf die Vorteile einer Ehe verlassen koennen und selber fuer ihre Altersvorsorge sorgen muessen. Tja, die Emanzipation hat leider seine Tuecken: der emanzipierte Mensch hat nicht nur mehr Freiheiten, er ist gleichzeitig auch selbst fuer sein Ueberleben und Wohlergehen verantwortlich.
Demnach investieren heute drei Mal so viele Frauen in ihre Zukunft wie noch vor zwölf Jahren. In 42 Prozent der Familien verwalten sie inzwischen auch das gemeinsame Geld - und nur noch elf Prozent verlassen sich in finanziellen Dingen ganz auf ihren Mann oder Partner.
Es ist einfach eine Frage der Arbeitsteilung. Da der weitaus groesste Teil der Familienkonsumentscheidungen durch Frauen getroffen wird, sind es sie, die de facto ueber die Verwendung des Einkommens bestimmen. In einer funktionierenden Familie spielt es eigentlich keine wesentliche Rolle, wer ueber die Verwendung bestimmt, da das Einkommen ohnehin allen Familienmitglieder gleichermassen zugute kommt.
Gleichzeitig steigt aber die Unsicherheit. Mehr als jede dritte Frau weiß laut Studie nicht genau, wie viel sie im Alter zur Verfügung haben wird. "Nachdem ich einen halben Tag mit meinem Anlageberater gesprochen hatte, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Tag habe ich alles rückgängig gemacht", sagt die Hamburger Hebamme Wibke Albers. Auch bei der selbstständigen Friseurmeisterin Jenny Lindgens blieb nach der Anlageentscheidung ein "mulmiges Gefühl und die Angst, über den Tisch gezogen worden zu sein".
Die Verunsicherung ueber die Altersvorsorge ist IMHO keineswegs geschlechtsspezifisch. Wir sehen hier ein weiteres Charakteristikum feministisch gefaerbter Rhetorik: 'x % aller Frauen...' gehoert zum Standardvokabular des Feminismus; ob ebenfalls 'x % aller Maenner...' betroffen sind, interessieren die sexistisch argumentierenden 'Experten' normalerweise nicht. Es wird also ein Unterschied postuliert ohne nachzupruefen, ob wirklich einer besteht - gelegentlich wird sogar bewusst ein Unterschied behauptet wider besseren Wissens.
"Dass Frauen vorsichtiger agieren, liegt an der geschichtlichen Erfahrung", erläutert Buchautorin und Psychotherapeutin Ulla Sebastian. "Noch bis vor wenigen Jahrzehnten durften Frauen nicht arbeiten und ihr eigenes Geld verwalten.
Auch hier sehen wir wieder eine Standardmethode des Feminismus: es wird ein Mythos ausgebreitet, der so nicht stimmt. Der Satz 'noch bis vor wenigen Jahrzehnten durften Frauen nicht arbeiten und ihr eigenes Geld verwalten' ist nachweislich fschla. Ledige Frauen durften selbstverstaendlich schon immer arbeiten und ihr eigenes Geld verwalten. Allerdings ist das Erwerbsleben, so wie wir es heute kennen, ein kulturgeschichtlich junges Phaenomen (kaum 200 Jahre alt); womit sich das 'schon immer' stark relativiert. In der vorindustriellen Zeit waren Erwerbstaetige sehr selten, die weitaus meisten Menschen lebten vielmehr in wirtschaftlich orientierten Gruppen (meist Grossfamilien, gelegentlich mit Gesinde) von der Landwirtschaft oder in Staedten von Handwerk und Handel; Geld spielte dabei eine viel geringere Rolle als heute.
In der Familie war der Mann das Oberhaupt; er konnte in der Praxis aber genausowenig selbstherrlich ueber das von ihm verdiente Geld verfuegen, wie der Finanzminister in einem demokratischen Staat. Im buergerlichen Familienideal hatte er vielmehr gleichzeitig die Verantwortung dafuer, dass das Geld zum Wohle der Familie verwendet wurde; natuerlich wird man immer auch Beispiele finden, in denen das maennliche Familienoberhaupt diese Macht missbraucht hat. Ausserdem muss man bedenken, dass die weitaus meisten Familien von der Hand in den Mund lebten; d.h. der Mann als Familienoberhaupt konnte nur selten seine Machtstellung missbrauchen (selbst wenn er gewollt haette), da praktisch alle von ihm erarbeiteten finanziellen Ressourcen fuer das taegliche Leben draufgingen. Im Falle der buergerlichen Ehe wird also auf die Machtsituation des maennlichen Familienoberhaupts hingewiesen, ohne die realen Gegebenheiten in den Familien und den sozialgeschichtlichen Kontext (Verknuepfung des Rechts als Familienoberhaupt mit der gleichzeitigen Pflicht fuer die Familie zu sorgen) zu beachten; eine Methode, die man eigentlich nur als Geschichtsklitterung bezeichnen kann - die aber gerade in feministischen Geschichtsbetrachtungen die Regel darstellen.
"Frauen sind nicht nur an der Börse oft erfolgreicher als Männer, sie sind auch ausgezeichnete Kassenwarte ", sagt die Wiesbadener Finanz-Trainerin Monika Müller. "Sie halten das Geld zusammen, verzichten eher lieber aufs neue Kleid, als der Familienkasse Geld zu entziehen." Das sei oft auch der Grund für mangelnde Vorsorge, denn die persönlichen Ausgaben gehen meist zu Lasten des gemeinsamen Haushaltskontos. Expertinnen raten daher zu mehreren Konten.
Hier springt einem die Unlogik geradezu ins Auge. Einerseits 'verzichten Frauen eher lieber aufs neue Kleid, als der Familienkasse Geld zu entziehen', andererseits gehen 'die persoenlichen Ausgaben meist zu Lasten des gemeinsamen Haushaltskontos'. Wo ist der Unterschied zwischen der Familienkasse und dem gemeinsamen Haushaltskonto und figuriert das neue Kleid nicht unter den persoenlichen Ausgaben? *ratlos frag*
Wenn jemand schon wegen des Verzichts auf ein neues Kleid bei dieser Finanz-Trainerin bereits als ausgezeichneter Kassenwart dasteht, frage ich mich, wie gut ihr Finanztraining eigentlich ist. Und sind Maenner dann womoeglich nicht die noch viel ausgezeichneteren Kassenwarte, weil sie statistisch gesehen weniger Geld fuer Kleider ausgeben als Frauen? Diese Argumentation wirkt sehr konstruiert.
Ob Frauen oder Maenner tendenziell besser mit dem Geld umgehen koennen, ist mir eigentlich ziemlich wurscht. Wer's nicht kann, muss halt die dementsprechenden Konsequenzen erdulden. Das ist, was zaehlt.
Nach einer Untersuchung des Wiesbadener Finanzdienstleisters Delta Lloyd vom vergangenen Jahr hat noch immer mehr als ein Drittel der Frauen (36 Prozent) in Deutschland keine privaten Rücklagen für das Alter. Bei den Männern liege der Anteil mit 23 Prozent deutlich niedriger. Frauen sparten 50 bis 100 Euro monatlich, Männer doppelt so viel.
Leider sind diese Zahlen wenig aussagekraeftig. Maenner sind statistisch gesehen wesentlich oefter die Familienernaehrer, Frauen profitieren in solchen Faellen von seinen privaten Ruecklagen mit; Frauen arbeiten ausserdem weit oefter Teilzeit und koennen davon natuerlich auch nicht so viel zuruecklegen. Man muesste also nicht bloss Maenner und Frauen miteinander vergleichen sondern Maenner und Frauen in denselben Situationen (z.B. als Vollzeiterwerbstaetige). Geschlechtsspezifische Statistiken sind eben Glueckssache...
Welche Gesamtbeträge Männer und Frauen für später zurücklegen, ist unklar. "Leider gibt es keine Trennung von Anlageverträgen nach Geschlechtern", sagt Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) zur Begründung. Befragungen hätten jedoch ergeben, dass Frauen auch weniger sparen, weil sie den Gedanken an das Alter stärker verdrängten als Männer.
Dieser Abschnitt weist allerdings eher darauf hin, dass Frauen tendenziell eben doch nicht die besseren Kassenwarte sind.
Fazit: Die uebliche Schreibe! Frauen tun vermehrt das, was Maenner schon lange tun - naemlich Geld fuers Alter zuruecklegen. Angesichts der voranschreitenden Individualisierung, der notleidenden Sozialwerke und der Bruechigkeit der Ehen als Frauenversorgungsinstitution ist es einfach eine Frage der praktischen Vernunft, dass jeder selbst verstaerkt darauf achtet, dass sein Lebensabend finanziell gesichert ist; Frauen haben sich in dieser Beziehung schlichtweg den Maennern anzunaehern, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben oder als Sozialfaelle enden wollen. Ich frage mich ernsthaft, ob es sich bei dieser abstrusen Lobhudelei ueber die angeblich ueberlegenen Sparqualitaeten der Frauen nicht um eine besonders perfide Frauenverarsche handelt; wenn ich eine Frau waere, wuerde ich sowas jedenfalls als beleidigend empfinden...
Gruss
Maesi
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