Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: Wie heißt das Buch? (n/t)

Garfield, Tuesday, 15.06.2004, 19:31 (vor 7906 Tagen) @ Jens

Als Antwort auf: Re: Wie heißt das Buch? (n/t) von Jens am 15. Juni 2004 15:45:22:

Hallo Jens!

Doch, ich glaube schon, daß es dieses Buch gegeben hat. Es hat schon immer Radikalfeministinnen und auch Radikalmaskulisten gegeben. Schon aus der Antike sind Texte überliefert, in denen das jeweils andere Geschlecht sehr negativ dargestellt wird.

Früher hatte sowas aber auf die Mehrheit der Bevölkerung kaum Wirkung. Denn die meisten Menschen konnten ja gar nicht lesen. Und diejenigen, die lesen konnten, waren häufig intelligent genug, um sich eine realistische Meinung über solchen Unsinn bilden zu können.

Wenn es Dorothea Leporin darum gegangen wäre, Männer zu verunglimpfen und wenn sie sich nur deshalb dieses Buch ausgedacht hätte, dann hätte sie auch insgesamt die Gründe für die sehr geringe Zahl weiblicher Studenten zu ihrer Zeit vor allem bei den Männern gesucht. Sie hätte es also genauso dargestellt, wie heutige Feministinnen es tun: Daß die bösen Männer die Frauen bewußt unterdrücken und deshalb auch von Bildung abhalten wollten.

Das hat sie aber nicht getan, sondern sie hat in ihrem Buch ganz verschiedene Gründe dafür genannt. Sie hat beispielsweise auch erwähnt, daß viele Frauen sich mehr für Kleidung und Kosmetik als für die Wissenschaft interessierten und auch, daß viele Frauen neidisch auf gebildete Frauen waren und deshalb alles taten, um diese Frauen in der Gesellschaft zu diskreditieren, beispielsweise indem sie ihnen unterstellten, daß sie schlechte Mütter wären und keinen Familiensinn hätten.

Generell muß man dabei auch sehen, daß in der damaligen Zeit auch nur wenige Männer studierten. Menschen aus dem einfachen Volk konnten sich das zum einen nicht leisten, und zum anderen fehlten ihnen dafür auch die Grundlagen. Sie konnte ja häufig noch nicht einmal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben, aber an den Universitäten wurde damals häufig noch Latein gesprochen und geschrieben. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde es noch als Skandal angesehen, daß ein Professor an einer deutschen Universität es wagte, Vorlesungen in deutscher Sprache zu halten.

Kinder sehr reicher Eltern studierten allerdings auch nicht an Universitäten. Die bekamen Unterricht durch Privatlehrer. So stammten die Studenten vor allem aus der Mittelschicht.

Lange Zeit war ein Studium keine zwingende Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere. In Paris hat man zwar schon im Mittelalter ein Gesetz eingeführt, nach dem Ärzte dort ein Universitätsstudium nachweisen mußten, aber das setzte sich nur sehr langsam allgemein durch. Zu Dorothea Erxlebens Zeiten jedenfalls konnte auch ein Autodidakt noch als vollwertiger Wissenschaftler anerkannt werden. So verstand sie ihre Aufforderung an die Frauen ihrer Zeit, sich mehr um ihre Bildung zu kümmern, auch gar nicht zwangsläufig so, daß die Frauen nun die Universitäten stürmen sollten. Ihr war schon bewußt, daß viele Menschen (sowohl Männer als auch Frauen) sich das gar nicht leisten konnten. Sie verstand darunter viel mehr, daß Frauen sich allgemein besser bilden sollten, also durchaus auch durch Selbststudium. Leider wurde ihr Aufruf aber von den Frauen ihrer Zeit weitgehend ignoriert. Und deshalb dauerte es dann auch noch fast zwei Jahrhunderte, bis Frauen an Universitäten keine Ausnahme mehr waren.

Freundliche Grüße
von Garfield


gesamter Thread:

 

powered by my little forum