Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Neue Geschichten von "Waldi"

Nick, Monday, 15.12.2003, 15:26 (vor 8088 Tagen) @ Maesi

Als Antwort auf: Re: „Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende“ von Maesi am 08. Dezember 2003 19:05:28:

Hallo Maesi,

du schreibst: "Nick hat durchaus Recht, wenn er die 'Geistlosigkeit' nahezu grenzenlos erscheinender Freiheit anprangert; auch wenn ich seine Fixierung auf das (christlich) Religioese nicht so recht nachvollziehen kann. Freiheit im liberalen Sinne ist immer untrennbar verknuepft mit Verantwortung; den grossen Geistern der Aufklaerung war das eigentlich voellig selbstverstaendlich. So gesehen, ist jene Freiheit, alles zu tun, wozu man Lust hat und was nicht verboten ist, ohne aber die Verantwortung dafuer zu uebernehmen, eine Pervertierung des liberalen Gedankens.

Der "liberale Gedanke" als solcher hat eben keine immanente Möglichkeit, sich vor seiner eigenen Pervertierung zu schützen, denn er findet seine Rechtfertigung und seine Legitimität nicht in sich selbst. Ich will zeigen, daß er letztlich transzendent begründet ist - und sich ohne diese Wurzel selbst zerstören muß. Als "Fixierung auf das Religiöse" mag ich das nicht bezeichnen wollen, da ich es begründe. Meine zentrale Prämisse ist natürlich schon, daß der Mensch Geschöpf ist, mithin sein Maß nicht selbst "erfinden" kann, sondern es vorfindet. Mein Freiheitsbegriff ergibt sich dann daraus mit Notwendigkeit: das dem Menschen gegebene Maß ist für ihn der einzig mögliche Raum seiner Freiheit, den er also mit eigenem Sinn und Inhalt füllen soll; er kann es aber nur innerhalb dieser Grenzen tun. Wenn er sie zu überschreiten sucht, wird er sofort "geistlos" (und zwar im Wortsinne) und scheitert deshalb notwendig an seiner bodenlosen Beschränktheit. In meiner Sicht ist diese Aussage nichts weiter, als die Konstatierung eines schlichten, hochevidenten, empirischen Tatbestandes. Ich verweise u.a. auf die in diesem Forum in Rede stehenden Probleme, als triviale Anschauungsbelege. Unten komme ich wieder darauf zurück.

Ich sehe im Grunde nicht, daß wir sehr weit auseinander lägen, Mäsi. Auch mein Freiheitsbegriff ist nämlich zutiefst liberal - allerdings eben innerhalb dieser beschriebenen menschlichen Proportionen. Es ist für mich schlichte Empirie, daß der Mensch ohne "Religio" (= "Rückbindung" an höhere, außer seiner selbst zu findende Vor- und Maßgabe) völlig degeneriert. Warum sollte er z.B. Verantwortung für andere übernehmen, wenn sein durchschnittlicher Ego-Verstand erwiesenermaßen gerade mal (wenn überhaupt) zum Verfolgen seines Eigenvorteils ausreicht? Also zu genau dem, wozu auch ein Regenwurmverstand genügt? Und warum sollte er dann nicht ernten, was er sät: eine Existenzform als Wurm in irgend einem autoritären Schindersystem. Der Mensch trägt nämlich durchaus und immer die Verantwortung für sein Tun, ob er das nun will, oder nicht. Ersichtlich geschehen dauernd Dinge, die er nicht will, die er aber dennoch verursacht hat und verantwortet. Warum macht die Conclusio dann eigentlich solche Schwierigkeiten? Das ist für mich ein echtes Rätsel.

Wären alle Menschen "große Geister der Aufklärung", nun, dann läge das Problem vielleicht etwas anders. Aber erstens ist dies, wie wir wissen, überhaupt nicht der Fall, und zweitens würde das Problem dadurch nur quantitativ verschoben, qualitativ aber weiter bestehen, denn elementare Einsicht jeder wahren Vernunft ist, daß sie selbst prinzipiell begrenzt ist. Den großen Geistern der Aufklärung war eine höhere Vernunft deshalb eben auch eine völlige Selbstverständlichkeit. Wir wissen es heute mit letzter Sicherheit - und dennoch haben es alle "vergessen". Warum? Ist das nicht v.a. ein schlagender Beweis für ganz ausgemachte menschliche Beschränktheit?

Der tiefere Zusammenhang ergibt sich für mich jedoch aus der Möglichkeit der menschlichen Würde, die Folge seiner Freiheit ist, soweit (und nur(!) soweit) letztere in seinem Gewissen gründet. Der Mensch weiß, was recht und unrecht ist. Er erwartet ja z.B. auch durchaus, daß recht an ihm geschehen möge. Er begreift, daß er also auch recht an anderen handeln soll. Aber er tut es nicht, wo er "seinen Vorteil" sucht. Diese Paradoxie z.B. löst sich nur transzendent auf. Sie "handelt" nämlich von "Dingen", die man nicht kaufen und nicht eintauschen kann: Liebe, Treue, Zuverlässigkeit, Freundschaft, absichtslose Zuneigung... sind keine Waren! All das kann man nirgendwo kaufen, gegen nichts eintauschen, das gibt es nur als freiwilliges Geschenk. Der Mensch hat Würde, weil er fähig ist, solches zu schenken. Er erhält es ausschließlich dann, wenn es ihm einer schenkt. Und jeder weiß, daß es Betrug ist, wenn ein solches Geschenk "berechnend" ist. Weißt du, von was ich hier rede?

Diese Würde ist zum Beispiel nicht von der individuellen Intelligenz abhängig: mithin nicht vom persönlichen Grad der Vernunftbegabung, soweit die Ausbildung des Verstandes damit gemeint ist. Gewissen ist unlösbar gebunden an Wahrheit. Wahrheit kann der Mensch nicht "schaffen" (das nennt man dann ganz zutreffend "Lüge"), sondern nur vorfinden, erkennen, erforschen etc. Kurz: seine Würde kann der Mensch sich definitiv nicht selbst geben, sondern sie ergibt sich aus seiner Stellung zur Wahrheit - aus seiner Übereinstimmung mit seinem "Maß" eben - und ist, wo sie erscheint, unmittelbar evident. Ebenso wie ihr Fehlen.

Die ganze wunderbare, große Natur hat ihre Würde - die sie sich eben auch nicht selbst gegeben hat. Der Mensch schon garnicht! Freilebende Wildtiere zum Beispiel haben alle eine für jeden unmittelbar erkannbare, große Würde. Wer sich mal längere Zeit in der Wildnis aufhält, der weiß das.

Menschliche Würde ist somit Wurzel und rechter Gebrauch der menschlichen Freiheit. Nichts sonst! Und da der Mensch sich selbst wunderbarerweise als Person, als "Ich", erkennen kann, kann er (prinzipiell) auch den transzendenten Ursprung erfahren, der Quelle dieser Würde ist. Das ist das außerordentlich Spezifische am Menschen, dieses implizit über ihn hinausweisende Ich-Bewußtsein - das Wunderbarste am Leben überhaupt. Der "liberale Gedanke" in der Politik ergibt sich nun zwingend aus der Anerkennung dieser menschlichen Personalität: letztere hat sie nämlich vor allem anderen zu respektieren und zu schützen. Der "libertinäre Gedanke" hingegen negiert die Verantwortung, die für die personale Würde konstitutiv ist. Weil Libertinage also die Würde (die eigene und die des Anderen) zerstört, ist sie letztlich die glatte Negation der Liberalität, ihre Pervertierung eben, und hat in der Politik als "Feind der menschlichen Freiheit" zu gelten! Niemand kann sich auf seine "Freiheit" berufen, wenn er dadurch die Grundlagen der Freiheit zerstört. Gewissenlosigkeit und Egokult besitzen weder Würde, noch ein "Recht auf Freiheit"!

Gegen diesen Gedanken kann man nur polemisieren (und tut es vielfach) - aber nicht argumentieren. Menschliche Anmaßung, selber quasi "Gott zu sein", ist der unmittelbare Eintritt ins Reich der Unfreiheit. Ich nenne das "Waldi-Freiheit". Sie endet immer am Ende der jeweiligen Hundeleine und kennzeichnet die würdeloseste aller menschlichen Seinsformen. Sie wird gleichwohl von den meisten Zeitgenossen willig gewählt. Sie ist nachgerade großmäuliger Jedermann-Standard geworden. Würde verleihen kann sich der Mensch nicht - aber nehmen kann er sie sich. Wegwerfen kann er sie. Dem Wesen nach ist das die Arroganz des Sklaven. Nötig wäre das aber nicht.

Diese Art der "Freiheit", die man sich heute so "nimmt", ist von Anfang an eine komplette Illusion. Sie zerstört sich schon im Ansatz zwingend selbst und endet notwendig im Terror und im Wahnsinn. Ich denke nicht, daß Faschismus und Kommunismus schon das letzte Wort darüber waren, was dem Menschen als "Schöpfer seiner selbst" so alles möglich ist. Ich denke eher, das waren Fingerübungen zum Warmwerden.

Bei allen (von mir voll anerkannten) historischen Verdiensten der Aufklärung - ihr totales Scheitern als politische Utopie ist längst erwiesene Tatsache. "Die entscheidende Frage ist (nämlich), ob die grosse Masse der Menschen mit der liberalen Auffassung von der verantwortungsvollen Freiheit ueberhaupt umgehen kann", sagst du. Entscheidend[/u] - in der Tat! Dann entscheidet es also über die Antwort auf die Grundfrage. Auschwitz hätte zum Beispiel nie sein dürfen! Es war aber, und zwar in einem der vorzüglichsten Kulturvölker. Und es ist klar absehbar, daß weit Schlimmeres jeden Moment möglich ist, sobald nur die Schappizufuhr einmal stockt. Oder sei es nur, meinetwegen, daß wir keine geistige Widerstandskraft mehr gegen irgendwelche suizidalen Gotteskrieger aus der Wüste aufbringen können... was auch immer.

Ein (inzwischen endlich auch medial) aktuell gewordenes Beispiel für hilfloseste Unvernunft "im Namen der Freiheit" und der "Autonomie des Individums": der narzißtische Pöbel hierzulande bekommt nicht mal mehr das Allereinfachste, nämlich seine simple biologische Reproduktion, "vernünftig" auf die Reihe. Die Katastrophe ist schon seit gut 20 Jahren klar absehbar. Irgendwelche Konsequenzen hat gleichwohl kein Verantwortlicher daraus gezogen. Lieschen Müller und Fridolin Schulze sowieso nicht. Selbst jetzt noch will sich niemand die unabweisbaren Szenarien wirklich klarmachen, die unerbittlich eintreten werden. Für mich ist's ein weiteres Anschauungsstück in menschlicher "Begabung zur Vernunft", wie stupende nun allseits die Beruhigungspillen rumgereicht werden: "Wird schon nicht so schlimm werden"... "wir kriegen das in den Griff"...

Kriegen wir nicht! Es wird viel, viel schlimmer werden, als es sich die schwärzeste Phantasie auszumalen vermag! Die Kinder, die in den letzten gut 30 Jahren nicht geboren wurden, existieren nicht! Gegenwärtige Debatten über krisenhaft werdende Sozialsysteme sind belangloses Vorgeplänkel, das am Kern des Dramas vorbeigeht und im Grunde dramatische Ahnungslosigkeit über die Schrecken offenbart, die da in Wahrheit anrollen. Was soll ich viel dazu sagen? Dauert ja nicht mehr so lange... wartet eben ab, bis ihr älter werdet, dann seht ihr es schon selber: mit uns altert nämlich unsere gesamte Welt, historisch einmalig, "als Block" gewissermaßen, ohne die geringste Möglichkeit gegenzusteuern, und zwar in genau der Geschwindigkeit, in der wir alle selber altern: das heißt, man kann in Echtzeit dabei zugucken, wie eine Kultur des Hochmuts untergeht. Das gab es so noch nie - und man kann definitiv nichts mehr daran ändern. Die wenigen Jungen indes, die dann dieses transkontinentale Siechenheim des ultimativen Trübsinns finanziell und ideell tragen müßten, die sind vielfach psychisch total zerrüttete Krüppel aus zerstörten "Teilfamilien", schlimmere Hedonisten und Egomanen ohnehin, als es ihre gierigen Altvorderen schon gewesen sind, die sie dazu ja "erzogen" haben - und die ihnen außer Trillionen Euro-Schulden vor allem ihre Gewissenlosigkeit "vermacht" haben: was wird die einmal davon abhalten, das "vergehende" Leben genauso "abzutreiben", wie heutzutage das "werdende" entsorgt wird? Die Euthanasie-Gesetze in einigen europäischen Ländern sind erste Bewegungen hin auf diese "brave new world". Und so weiter... und so fort...

Was ist geschehen? Man hatte 1968 "die Liebe befreit", vor allem von ihrer tiefen, seelischen Bedeutung für Kindererziehung, Partnerschaft, Ehe, Treue, Verläßlichkeit etc. - all die altmodischen "lästigen Dinge", die die Freiheit unnötig einschränken - und den ultimativen Primat des "Ich" postuliert. Im selben Jahr hatte übrigens Papst Paul VI., den viele wohl heute noch unbesehen als "einen der größten Deppen des 20. Jahrhunderts" bezeichnen werden, seine Enzyklika "Humanae Vitae" veröffentlicht. Da steht u.a. drin, daß die Zeugung menschlichen Lebens auch göttliche Dimensionen enthält, in die der Mensch deshalb nicht folgenlos eingreifen darf. Es gibt nach wie vor genug Leute, für die der "Kampf" (ausgerechnet!) gegen "Pille-Paule" Hauptinhalt ihrer öffentlichen Existenz zu sein scheint. Faszinierend! Es muß halt jeder selber zusehen, wie er sich auf der Höhe der Zeit hält... :-))

Nun endet also die Neuerfindung dessen, was mal Liebe hieß, im definitiven Fiasko - diese Gender-Debatten hier sind für mich nur ein kleiner Teilaspekt und Ausdruck dieser Grundproblematik - und "die Sache" hat folgerichtig längst einen schönen, neuen, technizistischen Namen bekommen: Beziehung! Warum erstarrt eigentlich nicht schlagartig zum Eisblock, wer dieses Wort nur liest? Aber es ist ja längst in aller Munde - und stört offenbar keinen mehr, da es die "Sache" wohl ganz korrekt benennt: ein streng auf's eigene Ego bezogenes Geflecht "nutzbringender Beziehungen". Aber ist der Grund für Liebe oder für Solidarität z.B. wirklich "immer nur ein bestimmter Zweck"? Reicht das wirklich aus für ein Leben als Mensch? Oder entwürdigt uns nicht dieses Nutzendenken, an das wir uns alle gewöhnt haben? Ist es nicht genau das, was wir im Kern am Feminismus kritisieren? So sind aber nicht nur "die Femis" - so sind wir alle (geworden). Streng genommen ist es eigentlicher Inhalt unseres Lebenstils: eine durch und durch sinnlose Existenz, ohne Liebe, ohne Wert, ohne Würde, die an sich selbst zugrunde geht, weil sie aus Selbstsucht nicht über sich selbst hinauskommt.

Ich habe meine Ansichten noch nie davon abhängig gemacht, was "alle" denken, sondern habe immer auf meine natürliche Vernunft vertraut und bin gut damit gefahren. Damit war ich zwar meistens in der Minderheit (was mir egal ist), aber ich meine unbeirrt, daß es außerordentlich vernünftige Gründe gibt, auf Gott zu vertrauen. Hingegen ist es offenbar und erwiesenermaßen mehr als lebensmüde, sich auf den Menschen und seine Fähigkeit zur "kollektiven Vernunft" zu verlassen. So sehe ich das nun mal. Was sollte daran "Fixierung" sein? Was bötest du als dritte Alternative an, Maesi?

Nur für "Waldi" erscheint das alles furchtbar attraktiv, da ja seine gesamte Existenz, incl. seines Schappi, inzwischen von der "Vernunft" anderer Leute abhängt. Und wie nennt er das? Genau: Freiheit! Deswegen endet Waldi auch einmal so, wie es bei einem Taschenhündchen kommen muß: verlassen und kläglich winselnd an einer Hundeleine vor dem Supermarkt, aus dem Frauchen eines Tages eben nicht mehr zurückkommt.

Wer könnte ihn denn davor bewahren, Maesi? Das menschliche "Kollektiv" etwa, mit seiner bestechenden Begabung zur "Vernunft"? Mit seiner weisen Voraussicht und seinem Mitgefühl für fremdes Leiden? Oder der nächste "Große Bruder"? Ist letzterer aber nicht doch die logische Folge des Vorangehenden: des kollektivierten, gottlosen, arroganten Pöbels? Denn es ist kaum zu glauben, das lehrt die Geschichte, welchen ausgemachten Quatsch gerade diejenigen willig zu glauben in der Lage sind, die immer glauben, sie würden ohne Glauben leben.

Für mich hat das alles sehr viel mit der Problematik zu tun, über die wir hier diskutieren. Die Sache geht eben tiefer.

Herzlichen Gruß an dich
vom Nick


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