Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende
Als Antwort auf: Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende von Andreas am 21. November 2003 20:13:16:
Hallo Andreas
Was mich an dieser ganzen Geschichte so stört, ist der Umstand, daß in Deutschland wohl scheinbar jeglicher sozialer Zusammenhalt innerhalb der Familie zerbrochen ist. Als ich aufgewachsen bin, waren beide Elternteile berufstätig. Waren meine Eltern arbeiten, habe ich bei meinen Großeltern den Tag verbracht. Wenn ich hier in unserer Stadt mitansehe, wie die Kinder großgezogen werden, kommt mir das kalte Grausen. Da stehen schon die kleinen 7-jährigen morgens um kurz nach 6 Uhr an der Bushaltestelle, um zur Ganztagsschule zu fahren. Die kommen dann wie die Fabrikarbeiter erst abends um 19 Uhr wieder zurück. Wenn dann noch gefordert wird, der Staat soll sich mehr an der Kindererziehung beteiligen, dann erinnert mich das an Huxleys "Brave New World".
Die menschliche Solidaritaet war nie selbstlos sondern erfuellte immer einen Zweck. Wenn Menschen frueher Kinder hatten, diente das der Vorsorge fuer das eigene Alter; der Vorsorge fuer den Fall, dass man selber nicht mehr arbeitsfaehig war infolge Krankheit oder Invaliditaet. Allerdings hatte diese direkte Solidaritaet auch ihre Grenzen: so manch einer, der kraenkelte und schlecht versorgt wurde, bekam bald Besuch vom gnaedigen Gevatter Tod beispielsweise in Form einer Lunkenentzuendung.
In unserem Sozialstaat haben wir die Solidaritaet an Institutionen delegiert (Altersvorsorge, Arbeitslosenunterstuetzung, Krankenkassen etc.). Der Vorteil der institutionalisierten Unterstuetzung ist, dass jeder in den Genuss dieser Solidaritaet kommt; auch jene, die keine Angehoerigen/Nachkommen haben, die sich um sie kuemmern koennten. Der Versorgungsstandard ist zudem recht hoch und auf jeden Fall besser als in frueheren Zeiten der direkten Solidaritaet. Der Nachteil ist, dass die direkte Solidaritaet zwischen Menschen dadurch verkuemmert. Immer weniger Leute fuehlen sich zustaendig fuer ihre Mitmenschen; schliesslich haben wir ja Sozialwerke, die sich um sie kuemmern sollen.
Dieses Delegieren von Pflichten ist auch im Bereich Kinderbetreuung/-erziehung zu beobachten. Immer mehr Betreuungs- und Erziehungsarbeit wird an professionelle Betreuer bzw. die Schule delegiert.
Wo soll das denn enden? Sollen die Kinder bereits nach der Geburt den Behörden übergeben und in staatliche Kindererziehungsanstalten gesteckt werden?
Viele halten das jedoch offensichtlich fuer wuenschbar. Natuerlich will man die Kinder nicht voellig abschieben; sie bescheren einem ja ein gewisses Mass an emotionalem Glueck und dies kann nur im gegenseitigen persoenlichen Begegnen erfolgen. Aber die unangenehmen Pflichten scheinen immer weniger Leute uebernehmen zu wollen. Ob das fuer die Kinder und die Eltern aber auch fuer die Gesellschaft insgesamt gesund ist, bezweifle ich.
Wo bleiben dann eigentlich noch die Bezugspersonen, die ein Kind braucht, um gesund aufwachsen zu können? Wo sind denn die Großeltern? Viele von denen sind in Rente und haben keine Aufgabe mehr. Viele von denen würden sich doch sicherlich freuen, wenn sie sich um einen kleinen Wichtel kümmern können und die Kinder hätten so einen Ruhepol.
In der Tat haetten aeltere Menschen hier eine Moeglichkeit, ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Es ist ja so, dass Menschen das Gefuehl haben muessen, gebraucht zu werden; nicht wenige Rentner haben nach der Pensionierung diesbezueglich Probleme. Ich bin ueberzeugt, viele wuerden sehr gern solche Aufgaben uebernehmen. Allerdings hat das einige Pferdefuesse: die Kindseltern muessen sich mit ihren Eltern/Schwiegereltern absprechen; ev. leben sie weit voneinander entfernt, dann wird das sehr schwierig. Eine Kindertagesstaette oder Ganztagsschule im Wohnort ist halt schon sehr bequem. Desweiteren kann eine taegliche Betreuung der Kleinen auch fuer die Grosseltern irgendwann zur Belastung werden.
In dieser Beziehung waere es eigentlich wichtig, dass familienerhaltende Massnahmen beschlossen und durchgesetzt wuerden. Gerade das Gegenteil wird heute jedoch gemacht: jeglicher Zwang zur Kooperation zwischen den Menschen wird beseitigt, und dann wundert man sich, dass die Menschen nicht mehr kooperieren.
Nick hat durchaus Recht, wenn er die 'Geistlosigkeit' nahezu grenzenlos erscheinender Freiheit anprangert; auch wenn ich seine Fixierung auf das (christlich) Religioese nicht so recht nachvollziehen kann. Freiheit im liberalen Sinne ist immer untrennbar verknuepft mit Verantwortung; den grossen Geistern der Aufklaerung war das eigentlich voellig selbstverstaendlich. So gesehen, ist jene Freiheit, alles zu tun, wozu man Lust hat und was nicht verboten ist, ohne aber die Verantwortung dafuer zu uebernehmen, eine Pervertierung des liberalen Gedankens.
Die entscheidende Frage ist, ob die grosse Masse der Menschen mit der liberalen Auffassung von der verantwortungsvollen Freiheit ueberhaupt umgehen kann; ich weiss nicht, ob sie das kann. Sollte das nicht der Fall sein, werden wir uns frueher oder spaeter wieder in einem autoritaeren System wiederfinden.
Also echt, diese Gesellschaft ist dermaßen kaputt, das gibts gar nicht!
viele Grüße
Zukuenftige Generationen werden moeglicherweise den Kopf schuetteln ueber die Auswuechse unserer Gesellschaft in Form der Scheidungswaisen, so wie wir aus heutiger Sicht den Kopf schuetteln ueber die Scheiterhaufen des 16. - 18. Jhds., auf denen Ketzer und Hexen verbrannt wurden. Die heutige Massenproduktion von Halbwaisen (= Scheidungskinder mit nur einem Elternteil) ist jedenfalls eine gesellschaftliche Katastrophe.
Gruss
Maesi
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Frank,
20.11.2003, 22:13
- Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende -
Maesi,
21.11.2003, 21:21
- Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende - Nick, 21.11.2003, 21:50
- Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende -
Andreas,
21.11.2003, 22:13
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Nick,
21.11.2003, 22:38
- Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende - Manfred, 23.11.2003, 00:09
- Re: Kultur mit Gleichberechtigung der Frau ist am Ende - AJM, 22.11.2003, 17:33
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Maesi,
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Nick,
21.11.2003, 22:38
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Maesi,
21.11.2003, 21:21