Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: @ Garfield (und wen´s interessiert): Historisches

Garfield, Tuesday, 22.07.2003, 17:24 (vor 8233 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: @ Garfield (und wen´s interessiert): Historisches von Lars am 18. Juli 2003 14:59:41:

Hallo Lars!

Ich war eine Weile nicht hier und hab deinen Beitrag deshalb jetzt erst gelesen.

Deinen Ausführungen zur Geschichte stimme ich voll zu. Es hat immer eine gewisse Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gegeben, was sich ja z.B. auch im unterschiedlichen Körperbau widerspiegelt. Jedoch war diese Arbeitsteilung in früheren Zeiten nicht so stark abgegrenzt wie dann seit Ende des 19. Jahrhunderts. In Zeiten, als die Mehrheit der Bevölkerung noch in der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt erarbeitete, kam es immer wieder vor, daß - z.B. bei der Ernte - jede Hand auf dem Feld gebraucht wurde, also auch Frauen und Kinder mit ran mußten. Sie bekamen dann üblicherweise die leichteren Arbeiten zugewiesen, aber sie leisteten dort auch ihren Beitrag. Außerdem mußten Männer und Frauen einander immer auch einigermaßen ersetzen können. Wenn eine Frau beispielsweise bei der Geburt eines Kindes starb, mußte der Mann sich - sofern er keine neue Frau fand - auch um Kinder und Haushalt kümmern.

Hausfrauen hat es in früheren Zeiten nur in der Oberschicht gegeben, und dort arbeiteten sie natürlich nicht selbst, sondern koordinierten ein Heer von Dienstboten. Somit waren sie also eigentlich gar keine Hausfrauen (und sie wurden ja auch nicht so bezeichnet), sondern eher Verwalterinnen.

Erst als mit der Entwicklung des Kapitalismus und dem Aufstieg des Bürgertums die Mittelschicht zunahm und als auch die Einkommen von Facharbeitern stiegen, gab es auf einmal echte Hausfrauen, wie du ja auch schon geschrieben hast.

Die Frage ist nun, ob diese Frauen wirklich benachteiligt waren. Und ob sie sich wirklich nur gezwungenermaßen in die Hausfrauen-Rolle fügten.

Frauenrechtlerinnen sahen das vor 100 Jahren häufig gar nicht so. Ganz im Gegenteil wurde diese Entwicklung auch von Frauenrechtlerinnen begrüßt. Sie fanden es positiv, daß immer mehr Frauen vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit wurden und sich ganz auf Haushalt und Kinder konzentrieren konnten.

Und wieso sollte das ein Nachteil sein? Immerhin hat dieser "Nachteil" die Frauenbewegung überhaupt erst ermöglicht. Wenn man sich Fotos von Demonstrationen von Frauenrechtlerinnen im 19. Jahrhundert ansieht, dann sieht man da jedenfalls keine abgearbeiteten Arbeiter-Frauen oder arme Bäuerinnen, sondern gut gekleidete Damen aus der Mittelschicht. Denn nur die hatten überhaupt Zeit, um sich dort zu engagieren.

Es gibt da heute zwei große Denkfehler:

Der erste besteht darin, daß Erwerbsarbeit - jedenfalls, sofern sie von Männern erledigt wird - als reinstes Vergnügen betrachtet wird. So als hätte jeder Mann sein Hobby zum Beruf gemacht und als könne man sich gar nichts Schöneres vorstellen, als jeden Tag zur selben Zeit zur Arbeit zu gehen und dort 8 Stunden oder noch mehr zu verbringen.

Wenn das aber so vergnüglich ist, dann frage ich mich schon mal, wieso eigentlich mehr als die Hälfte der Frauen bei Umfragen immer wieder angibt, am liebsten Hausfrau mit maximal noch einem Halbtagsjob sein zu wollen.

Der zweite Denkfehler besteht darin, daß Hausarbeit durch Hausfrauen als unbezahlt angesehen wird. Wenn eine Frau wirklich Hausfrau ist, also kein eigenes Einkommen hat, lebt sie dann von Luft und Sonne? Nein, sie lebt vom Einkommen ihres Mannes. Dieser Teil des Einkommens - der ihr auch gesetzlich zusteht - ist also ihre Bezahlung. Vor einigen Wochen habe ich einen Ausschnitt aus einer Reportage aus den 50er Jahren gesehen (noch in schwarz/weiß). Da wurden Frauen danach gefragt, ob ihre Männer ihr Gehalt zu Hause abgeben. Alle antworteten mit "ja", eine sagte sogar in stolzem Tonfall: "Natürlich, er muß alles abgeben!"

Ein Nachteil besteht natürlich darin, daß Hausfrauen in der Welt außerhalb des Haushaltes keine Berufserfahrung sammeln können. Allerdings war das Ausbildungssystem in früheren Zeiten gar nicht so streng reglementiert wie heute in Deutschland. Und auch als es dann Facharbeiterausbildungen gab, war es üblich, daß unverheiratete Frauen erst einmal arbeiteten und dazu durchaus auch einen Beruf erlernten, bevor sie dann heirateten und Hausfrauen wurden.

Aber wenn sogar heute, wo Frauen überall Türen und Tore offen stehen und sie überall hinein gefördert werden, immer noch so viele Frauen wenig Interesse an einer beruflichen Karriere zeigen, dann kann man doch davon ausgehen, daß ihnen auch in früheren Zeiten die Hausfrauen-Rolle gar nicht so unangenehm war wie heute immer behauptet wird.

Und ist das so schwer nachzuvollziehen? Was ist denn angenehmer: Sein eigener Chef zu sein und frei entscheiden zu können, wann man was erledigt, oder den Zwängen des Berufslebens unterworfen zu sein, wo man vieles nicht frei entscheiden kann, sondern es von oben vorgegeben bekommt und obendrein womöglich noch gemobbt wird? Eine Tätigkeit zu haben, in der man kaum gekündigt werden kann, oder einen Job, bei dem man sich oftmals nicht einmal sicher sein kann, ob man ihn in einem Jahr nicht schon wieder los ist und dann womöglich wieder endlos Bewerbungen schreiben und zu Vorstellungsgesprächen gehen kann? Selbst die Haupt-Verantwortung für das Familien-Einkommen zu tragen, und das auch in schwierigen Zeiten, wenn man z.B. arbeitslos ist, oder diese Verantwortung einfach an den Partner weiter delegieren und das eigene kleine Einkommen aus einem Halbtagsjob als eigenes Taschengeld oder maximal als großzügigen Beitrag zum Familieneinkommen zu betrachten?

Viele Männer hätten auch gern mehr Zeit für ihre Familien - sie kriegen sie nur nicht. Und wenn ein Mann mal auf die Idee kommt, Hausmann zu sein, kann er z.B. enden, wie in diesem Bericht (von der Lycos-Seite, glaube ich) beschrieben:

"In dem kleinen verschlafenen Örtchen Bleialf in Rheinland-Pfalz ist nichts mehr wie es einmal war. Weil sich seine Frau von ihm trennen wollte,
erhängt ein junger Familienvater seine beiden Söhne und sich selbst.

Gegen 19.00 Uhr hatte die 24-jährige Silvia T. das Haus verlassen. Ihr Mann
Ewalt T. (30) blieb wie so häufig mit den beiden Söhnen Daniel (3)
und Jan (1) zu Hause. Als Silvia gegen ein Uhr Nachts nach Hause zurückkehrt, macht sie eine grausige Entdeckung. Als sie den Wagen in die
Garage fahren will, sieht sie drei menschliche Körper an der Decke hängen,
aufgeknüpft an einem Strick. Es ist ihre Familie.

Die junge Mutter verständigt sofort den Notarzt. Doch der kann bei seinem
Eintreffen nur noch den Tod feststellen. Silvia steht seit dem furchtbaren
Erlebnis unter Schock und wird psychologisch betreut.

Das Motiv für die unfassbare Tat ist noch unklar. Der gelernte Kfz-Schlosser Ewald T. hatte nach dem Umzug von Laudesfeld ins neue Haus in Bleialf als Hausmann die Kinder erzogen. Tagsüber sah man ihn oft auf dem Rad, die Kinder in einem Hänger hinter sich herziehend. Sylvia arbeitete als Laborantin. In der Ehe soll es gekriselt haben. Sylvia habe sich von Ewald trennen wollen. Ein naher Bekannter: 'Sie hatte wohl einen Galan.'"

Das ist kein Einzelfall. Zwar endet es glücklicherweise nur selten in Mord und Totschlag, aber in Ehen, wo ausnahmsweise er die Hausarbeit übernimmt und sie arbeiten geht, ist die Scheidungsrate besonders hoch. Und die Mehrzahl der Scheidungen geht von Frauen aus.

Wenn Erwerbstätigkeit wirklich so beglückend wäre, dann müßten gerade diese Ehen doch besonders stabil sein. Aber offensichtlich ist es vielen Frauen durchaus nicht angenehm, eine Familie allein ernähren zu müssen. Das ist eben auch eine der lästigen Pflichten, die viele Frauen immer noch gern auf die Männer abwälzen.

Sehr zu empfehlen ist in dem Zusammenhang auch Martin van Crevelds Buch "Das bevorzugte Geschlecht".

Freundliche Grüße
von Garfield



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