Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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@ Garfield (und wen´s interessiert): Historisches

Lars, Friday, 18.07.2003, 17:59 (vor 8237 Tagen)

Ich hab gerade mit Interesse Dein älteres "Frauenbewegung"-Posting in Tommys Forum gelesen, stimme Dir aber nur teilweise zu.

Richtig und wichtig finde ich die vielen konkreten Hinweise darauf, daß es zumindest in vorindutriellen Zeiten, also bis ins frühe 19te Jahrhundert hinein, kein generell hierachisches Geschlechterverhältnis gegeben hat und somit die Floskel von der "jahrhundertelangen Frauenunterdrückung" ins Reich der feministischen Mythen gehört.

Allerdings nennst Du als den Wendepunkt, der das Entsstehen der Frauenbewegung dann auch legitimierte, das Wahlrecht, welches in der Mitte des 19ten Jahrhunderts (zunächst nach Einkommen gestaffelt) den Männern in vielen Ländern gewährt wurde, den Frauen aber nicht, und betonst gleichzeitig, daß es eine Diskrimierung der Frau auf dem ARBEITSMARKT erst mit der Kinder-für-den-Führer-Politik der Nazis gab.

Zum Wahlrecht: Das ist gewiss ein nennenswerter Punkt, denn während es in der Welt des Adels und Monarchie immer auch die Möglichkeit weiblicher Erbfolge und Herrschaftsausübung gegeben hatte, war Politik mit der Einführung des bloßen Männerwahlrechts vorerst (bis 1918) zu einer reinen Männersache geworden.

Aber zum Arbeitsmarkt: Es ist zwar richtig, daß beim Übergang zum Industrie-Zeitalter Frauen und Männer gleichermaßen in den Fabriken arbeiten konnten/mußten und es insofern hier keine Geschlechterhierachie gab. Aber das gilt so nur für die Take-off-Phase der Industialisierung bis etwa 1870! Danach setze wirtschaftsstrukturell bedingt ein Wandel ein, der für die Rolle der damaligen Frauen viel schwerwiegender war als das ihnen noch bis 1918 vorenthaltene Wahlrecht:

In den 1870er Jahren begann der Bevölkerungsanstieg langsam abzuflachen während die Zahl der Industie-Arbeitsplätze erst jetzt groß genug wurde, um das Millionenheer der "Pauper" zu ernähren, und in dieser Situation konnten die neuenstandenen Gewerkschaften allmählich höhere Löhne durchsetzen. Und diese höheren Löhne ermöglichten es vielen Arbeiterhaushalten, zu praktizieren, was in Bürger-Haushalten schon vorher Usus geworden war: Daß nur einer von beiden "arbeiten geht". (Ausnahme: die untersten Einkommensschichten)

Dazu muß man betonen, daß man vor der Industrialisierung ja nicht als mit Geld bezahlter Arbeitnehmer "arbeiten ging", sondern i. d. R. Teil éines bäuerlichen (Groß)Familien-Betriebs war, welcher zum einen sich direkt selbst ernährte und zum anderen Natural-Abgaben an irgendeinen Adligen zu errichten hatte. Auch in dieser uralten Wirtschaftsform war es üblich gewesen, daß der Mann eher draußen auf dem Feld und die Frau eher im Haus gearbeitet hatte (wahrscheinlich weil das sich wegen der körperlichen Natur der Feldarbeit einerseits und der ohnehin der Mutter zufallenden Säuglingsbetreuung andererseits angeboten hatte). Dies war DAMALS aber keine Benachteiligung der Frau gewesen, weil im System bäuerlicher Familien-Subsitenz-Betriebe Feldarbeit, Küchenarbeit und Kinderbetreung völlig gleichwertige Tätigkeiten gewesen waren und jeder gleichermaßen vom anderen abhängig war.

Als dann aber - erst in den arbeitsmarkt-orientierten städtischen Bürgerhaushalten, dann wie gesagt im späten 19ten Jahrhundert auch bei immer mehr Arbeiter-Haushalten - die Frau "zu Hause blieb", hatte diese uralte Trennung von häuslich-außerhäuslich eine VÖLLIG ANDERE BEDEUTUNG bekommen:

- Jetzt, in der Arbeitsmarktgesellschaft, bedeutete "im Haus arbeiten" just von dem ausgeschlossen zu sein, was jetzt aufeinmal das allerwichtigste war: individuell ausgezahltes Geld-Einkommen. D. h. indem die Frauen gewohnheitsgemäß der Arbeit im Haus nachgingen, während sich gleichzeitig die "Draußen"-Tätigkeit der Männer, von einer auf den gemeinsamen landwirtschaftlichen Familienbetrieb bezogenen Arbeit in eine individuelle Arbeitnehmertätigkeit wandelte, rutschten die Frauen ab in
eine vom Mann finanziell abhängige Position (das haben damals i. d. R. wohl weder die Männer noch die Frauen richtig gecheckt, weil es auf den ersten Blick ja wie die uralte Trennung von häuslich-außerhäuslich aussah; und einmal eingerissen, wurde diese Rollenverteilung schnell zum nichts mehr hinterfragten Selbstgänger)

- Mit dem Ausschluß aus der Welt der außerhäuslichen Erwerbsarbeit, waren die Frauen dann aber auch ausgeschlossen aus all den Bereichen, die in der modernen Welt jetzt Anerkennung verhießen: Wissenschaft, Technik ect. (Ausnahme: die Künste)

- Es war insofern kein Zufall, daß um 1900 die jungen Medizinstudenten an den Unis von ihren Professoren über die "hysterische" und unheroische "Natur" der Frau aufgeklärt wurden und beim Aufkommen des Kinos die Heldenrollen zunächst immer für den Mann reserviert waren.

Hieran änderte das Frauenwahlrecht von 1918 im Grunde nichts und auch die Zurück-an-den-Herd-Politik der Nazis war keine so tiefe Zäsur, da die meisten Frauen ja ohnehin so erzogen waren, daß sie zurück an den Herd strebten und sich nur im Notfall und vorübergehend einen Job suchte.

Dies änderte sich erst um 1970 wieder, allerdings - wie Du ja auch schreibst - nicht so sehr wegen der zahlenmäßig sehr kleinen Frauenbewegung, sondern wiederum aus wirtschaftsstrukturellen Gründen: Weil die Unternehmen in Zeiten der Vollbeschäftigung und der vollen Auftragsbücher in ihrer Arbeitskräfte-Suche es als unsinnig erkannten, 50% pauschal auszublenden. (Ironischer Weise hat erst die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen der politisch-kulturellen Frauenbewegung Auftrieb verschafft, nicht umgekehrt!)

Insofern finde ich, kann man die Zeit von 1870 bis 1970 durchaus als das Jahrhundert der Benachteiligung der Frau bezeichnen.


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