Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Ende der Wehrpflicht jetzt – Antwort von Franz Magat

Maesi, Monday, 23.06.2003, 23:20 (vor 8262 Tagen) @ Joachim

Als Antwort auf: Re: Ende der Wehrpflicht jetzt – Antwort von Franz Magat von Joachim am 21. Juni 2003 18:59:49:

Hallo Joachim

ich bin der Meinung, dass es schon lange nicht mehr um die Wehrpflicht geht, sondern im Prinzip um das Problem dem Zivildienst. Mit Abschaffung der Wehrpflicht müsste auch der Zivildienst daran glauben, es gäbe nämlich dann keine Rechtfertigung mehr nur Männer den sozialen Pflichtdienst aufzuerlegen und man will keinesfalls Frauen einen sozialen Pflichtdienst aufbrummen, deshalb ist wahrscheinlich die ASF so scharf auf die Beibehaltung der Wehrpflicht, weil dann nur Männer zu den Zwangsdiensten gezwungen werden! Man müsste denen mal die Frage stellen, warum es in USA, England, Frankreich usw. schon lange keine MännerWehrpflicht mehr gibt, aber man sie in Deutschland um jeden Preis aufrecht erhalten will, für mich gibt es da nur eine klare Antwort: "Zivildienst -> Männer als sehr billige Pflegekraft ausbeuten will".

Ich glaube ebenfalls, dass die 'Allgemeine' Wehrpflicht v.a. deshalb aufrechterhalten wird, damit genuegend Zivildienstleistende zur Verfuegung stehen, die arbeitsmaessig ausgebeutet werden koennen.

Daneben gibt es IMHO noch weitere Gruende:

- eine gewisse Traegheit in der Politik; die Wehrpflicht abschaffen bedeutet eine ziemlich grosse politische und organisatorische Anstrengung. Die Psychologie der Politiker ist aber so, dass tendenziell erst dann gehandelt, wenn der Handlungsbedarf uebermaechtig erscheint. Heute ist es so, dass es zwar eine gewisse Zahl von Totalverweigerern gibt; diese sind jedoch vergleichsweise selten. Die meisten absolvieren, ohne gross zu klagen, den Wehr- oder ersatzweise den Zivildienst. Solange keine Grossproteste aus der Bevoelkerung kommen, wird es deshalb kaum eine Systemaenderung geben; auch weil eine Umstellung mit gewissen finanziellen und organisatorischen Risiken behaftet ist, andererseits dafuer jedoch politisch kaum Lorbeeren zu ernten sind.

- Initialkosten; voruebergehend wuerden die Kosten steigen, da gewisse Investitionen getaetigt sowie eine neue Organisationsstruktur aufgezogen werden muesste und zwangslaeufig waehrend einer gewissen Zeitspanne zweigleisig gefahren werden muesste (Berufs- und Zivilarmeearmee parallel). Momentan ist es nicht besonders opportun, im Bereich Verteidigung hoehere Kosten zu budgetieren, selbst wenn es nur voruebergehend waere.

- Wiederkehrende Kosten; nicht wenige erhoffen sich wohl von der Berufsarmee eine weitere Kostenreduktion im Verteidigungsbudget. Ob diese Hoffnungen begruendet sind, ist aeusserst fraglich. Es muss jedenfalls beruecksichtigt werden, dass eine Wehrpflichtarmee zwar einen sehr hohen Mannschaftsbestand aufweist, gleichzeitig der einzelne Wehrverpflichteten jedoch vergleichsweise geringe Personalkosten verursacht; bei einer Armee aus Profis muesste fuer jeden Soldat lohn- und ausbildungsmaessig wesentlich tiefer in die Tasche gegriffen werden. Ausserdem muesste eine Berufsarmee modernste Waffensysteme einsetzen koennen, um glaubwuerdig zu bleiben (Klasse statt Masse), was wiederum Auswirkungen bei den Ruestungskosten haette. In der Schweiz gehen Experten jedenfalls davon aus, dass eine Berufsarmee ohne Einbusse bei der Kampfkraft mindestens so teuer waere wie die jetzt bestehende Milizarmee; ob dies auch auf die BRD zutrifft, weiss ich jedoch nicht.

- Auswirkungen auf die NATO; eine Umstellung von der Miliz- zur Berufsarmee hat eindeutig Auswirkungen auf die NATO. Zwar bringt mittel- bis langfristig eine deutsche Armee aus Berufssoldaten der NATO eindeutig Vorteile durch die hoehere Professionalisierung, kurzfristig jedoch sind die Auswirkungen der Umstellung IMHO eher negativ. Die Ressourcen werden kurzzeitig staerker fuer die Umorganisation beansprucht, sodass deutsche Beteiligungen an Krisenherden (z.B. Afghanistan, etc.) voruebergehend moeglicherweise etwas zurueckgestutzt werden muessten und als Folge, davon andere NATO-Staaten staerker beansprucht wuerden. Der wichtigste NATO-Partner USA moniert die europaeischen Verbuendeten schon seit Jahren, sie taeten verteidigungspolitisch zu wenig; Deutschland hat das Verhaeltnis zu den USA wegen seiner Opposition im Irak-Krieg in den letzten 10 Monaten auch nicht gerade verbessert. Eine Umstellung zur jetzigen Zeit koennte das Verhaeltnis noch weiter verschlechtern, wobei es darauf ankommt, wie die deutsche Regierung die Umstellung anpackt und diese bei den NATO-Partnern verkauft.

Gruss

Maesi


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