Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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CSUler: "Gleichstellungspolitik ist nicht nur Frauenpolitik"

Arne Hoffmann, Saturday, 24.05.2003, 01:54 (vor 8293 Tagen)

Aus den aktuellen Männer-News:

--- CDU/CSU FRAKTION IM DEUTSCHEN BUNDESTAG

13. März 2003
Markus Grübel

Gleichstellungspolitik ist nicht nur Frauenpolitik
Rede in der Debatte zur Gleichstellungspoltik

In der heutigen Debatte zur Gleichstellungspolitik führte Markus Grübel u.a. folgendes aus:

Wir beraten heute den "Fünften Bericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau". Dieses Übereinkommen ist das wichtigste internationale Dokument zu diesem Thema. Der fünfte Bericht beschreibt, wie die Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland seit dem letzten Bericht vom Juni 1998 vorangeschritten ist.

Ich rede heute bewusst als "männliches" Mitglied meiner Fraktion zum "Fünften Bericht zum Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau".

Für mich ist die Gleichstellung eine Aufgabe, die Frauen und Männer gleichermaßen betrifft.

Bildlich gesprochen: Wir versuchen, dass Frauen und Männer die gleiche Stellung haben. Wenn eine Seite stehen bleibt, wird es verhältnismäßig lange dauern, bis beide Seiten zusammen sind. Schneller wird es gehen, wenn beide Seiten aufeinander zu gehen.

Gleichstellungspolitik ist daher nicht nur Frauenpolitik. Eine gute Gleichstellungspolitik hat Frauen und Männer im Blick. Diese Blickrichtung kommt meines Erachtens im vorgelegten Bericht zu kurz. Ich möchte dies an einigen Beispielen darstellen:

Im Bereich der Gleichstellung von Frauen und Männern im Berufsleben wird im Bericht dargestellt, wie sich der Frauenanteil in Männerdomänen entwickelt hat. Es wird zum Beispiel gezeigt, dass sich die Zahl der selbständigen Unternehmerinnen im letzten Jahr nicht erhöht hat - was sicherlich auch an der allgemeinen Wirtschaftslage und der aktuellen Wirtschaftspolitik liegt -, während sich der Frauenanteil von 1991 bis 2001 um 2 % auf 28 % gesteigert hat.

Was meiner Meinung nach fehlt ist die Betrachtung der anderen Seite: Wie hat sich die Zahl der Männer in sogenannten Frauenberufen entwickelt? Es ist sicherlich sehr begrüssenswert, Mädchen z.B. in Naturwissenschaften zu fördern.

Doch warum fordert die Gesellschaft männliche Abiturienten nicht auf, verstärkt Sozialpädagogik zu studieren oder Grundschullehrer zu werden? Warum machen fast keine jungen Männer, die gut mit kleinen Kindern umgehen können, eine Ausbildung zum Erzieher? Nach wie vor stellen Geschlechterbilder ein großes Hindernis dafür dar, dass Menschen gemäß ihren Fähigkeiten und Talenten etwa in Unternehmen oder sozialen Einrichtungen tätig sind. Potentiale und Kompetenzen bleiben auf diese Weise ungenutzt.

Die sogenannten "Männerberufe" sind nicht das Maß aller Dinge. Wenn der fünfte Bericht nur darstellt, wieviel Frauen in die "Männerberufe" gehen, wird in den Köpfen der Menschen weiter das Vorurteil bestehen bleiben, dass sogenannte "Frauenberufe" weniger wert sind. Das hätte dann auch Auswirkungen auf die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern.

Hätten wir in Zukunft mehr Grundschullehrer und Erzieher, hätte dies auch noch einen anderen Vorteil für Jungen und Mädchen. Sie würden mit einem neuen Frauen- und Männerbild aufwachsen.

Ein stärkeres Engagement von Männern in so genannten Frauenberufen ist aber auch für viele Frauen eine Herausforderung.

Eine Studie in Schweden hat ergeben, dass männliche Erzieher überdurchschnittlich Mobbing durch die Kolleginnen ausgesetzt sind, die Kolleginnen diese Erzieher als unmännlich betrachten und ihnen gleichzeitig fachliche Kompetenz absprechen.

Wir müssen also beide Seiten sehen um das Ganze zu betrachten.

Im Artikel über die Beteiligung von Frauen am politischen und öffentlichen Leben stellt der Bericht beispielhaft dar, dass der Anteil der Frauen in der Arbeitsgruppe "Frauenhandel" sehr groß ist. Dieses Gremium wurde 1997 von der unionsgeführten Bundesregierung eingerichtet. Die Arbeit ist sehr gut und wichtig. Dennoch muss zumindest die Frage erlaubt sein, ob ein möglichst hoher Frauenanteil wirklich ein Erfolg ist. Denkbar wäre sicher auch, dass es für die Beseitigung von Diskriminierung und Gleichstellung gut wäre, wenn Frauen und Männer gleichermaßen zusammenarbeiten. Entsprechendes gilt auch für viele soziale Bereiche. Man kann den hohen Frauenanteil als Erfolg darstellen, man muss aber wohl eher beklagen, dass es zu wenig Sozial-Männer gibt.

Aber auch im Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend muss die Frage erlaubt sein, ob es unter dem Gesichtspunkt der Gleichstellung sinnvoll ist, dass bei den Grünen ausschließlich Frauen und bei der SPD fast ausschließlich Frauen tätig sind. Die Männer in diesen Fraktionen werden für meinen Geschmack zu stark aus der gemeinsamen Verantwortung entlassen. In der CDU/CSU-Fraktion sind starke Frauen und starke Männer gleichermaßen im zuständigen Ausschuss tätig. Dies zeigt sehr deutlich, welchen hohen Stellenwert für uns Unionsmänner die Gleichstellungspolitik hat.

Ein Blick in das zuständige Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, dass auch dort Gleichstellungspolitik ausschließlich Frauensache ist. Unter dem Gesichtspunkt der Gleichstellung von Frau und Mann wäre es sicher sinnvoll, wenn im zuständigen Bereich des Ministeriums Frauen und Männer an der Gleichstellung arbeiten würden, so wie es auch sinnvoll wäre, wenn in anderen Ministerien Frauen und Männer auch in Führungspositionen tätig sind.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Männer zu leicht aus der gemeinsamen Verantwortung entlassen werden. Am 2. April wollen wir den vorliegenden fünften Bericht in einer öffentlichen Sitzung weiter besprechen. Die vorläufige Liste der einzuladenden Verbände zu dieser Sitzung weist alles auf, was in Deutschland im Bereich von Frauenorganisationen, Frauengruppen, Frauenvereinigungen usw. Rang und Namen hat. Von den Frauenorganisationen der Parteien bis hin zur Genossenschaft "Weiberwirtschaft" sind über 70 Verbände aufgelistet. Mag sein, dass in dieser Runde schnell Einigkeit herzustellen ist. Für mich wäre es sinnvoll, wenn Gleichstellungsthemen breiter in die gesellschaftlichen Gruppen getragen würden. Sonst bleiben Gleichstellungspolitikerinnen und - politiker und Frauenverbände in einer Nische unter sich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Frauen und Männer sollten sich gleichermaßen an der Erziehung der Kinder und an der Hausarbeit beteiligen. Eltern sollten die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, wer in welchem Umfang berufstätig und wer für die Erziehung und Hausarbeit zuständig ist.

Voraussetzung hierfür sind auch eine angemessene finanzielle Ausstattung der Familien und ein ausreichendes Angebot an Betreuungseinrichtungen.

Bessere Betreuungsangebote können nur gemeinsam mit den Kommunen und Ländern erreicht werden. Größtes Hindernis und größter Hemmschuh für den Ausbau des Betreuungsangebots ist dabei die schlechte Haushaltslage der Kommunen. Wir dürfen gespannt sein, wann und wie die Bundesregierung hier tätig wird.

Es geht aber auch um Rollenbilder. Es kann nicht angehen, dass ein Mann, der Erziehungsurlaub nehmen möchte oder Teilzeit arbeiten möchte, von seinen männlichen Vorgesetzen oder von seinen männlichen Kollegen schief angeschaut wird. Das Rollenbild der Frauen ist nicht viel besser. Nach einer früheren Umfrage des Instituts "Allensbach" finden Frauen Hausmänner zwar "sympathisch" sie nehmen sie aber gleichzeitig nicht mehr als richtige "Männer" wahr. Auch hier kommen wir nur weiter, wenn wir beide Seiten sehen.

Der fünfte Bericht geht im Abschnitt "Neues Väterbild" kurz auf dieses Thema ein.

Bei der Lektüre des umfangreichen "Fünften Berichts" fehlt ein wichtiger Bereich. Das Thema Gleichstellung von Frauen und Männern mit Migrationshintergrund kommt kaum vor. Dies wundert mich schon sehr, da die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung gleichzeitig auch Staatssekretärin im Ministerium ist.

Der Botschafter der Türkei hat uns diese Woche eine Broschüre zur Integration der Türken in Deutschland vorgelegt. Dort ist dargestellt (Seite 62 ff.) dass bei über 40% der Türken die Ehefrau bei Heirat aus der Türkei zugezogen ist.

Dies hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die Integration und ganz erhebliche Auswirkungen auf die Sprachkompetenz türkischer Kinder. Dies hat aber sicher auch ganz erhebliche Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern mit Migrationshintergrund und ist möglicherweise Ausdruck eines Rollenverständnisses junger türkischer Männer - auch wenn sie schon längere Zeit in Deutschland leben. Dieser Bereich sollte noch ausführlich dargestellt werden.

Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, ich möchte abschließend noch einmal klar sagen: Gleichstellung funktioniert nur wenn Frauen und Männer gleichermaßen daran arbeiten. Dazu fordern wir alle auf.

http://www.cducsu.de/TextVersion/aktuelles/reden_detail.jsp?ID=1115&NavID=null

Markus Grübel mit Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag

www.markus-gruebel.de ---


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