Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Girls/Boys Day

Maesi, Saturday, 17.05.2003, 19:29 (vor 8299 Tagen) @ Garp

Als Antwort auf: Re: Girls/Boys Day von Garp am 11. Mai 2003 10:41:37:

Hallo Garp

Die Frage ist einfach wie ein Boys Day aussehen würde.
Du vermutest eine radikalfeministische Bevormundung obwohl es so einen Tag überhaupt noch nicht gibt.

Guter Einwand

Man sollte die Leute selbst entscheiden lassen, wofür sie sich interessieren. Der Staat hat sich da rauszuhalten.<

Der Staat zwingt in diesem Fall niemanden. Der Girls Day ist lediglich ein freiwilliges Angebot ausschließlich an Mädchen. Genau hier liegt aber das Problem. Ich will, dass es auch Angebote für Jungen gibt in Bereichen, bei denen sie benachteiligt oder unterrepräsentiert sind. Bei einer inzwischen hohen Jugendarbeitslosigkeit insbesondere bei Männern scheint mir das nur angebracht.
Sollte es deiner Meinung nach Angebote nur für Jungen geben oder nicht?

Die urspruengliche Idee des Girls Day war IMHO, dass Maedchen Einblick in traditionelle Maennerberufe bekommen und so moeglicherweise motiviert werden, einen solchen Beruf zu waehlen. Wie gross der tatsaechliche Nutzen ist, entzieht sich meiner Kenntnis; das wissen wahrscheinlich auch die Initiantinnen selber nicht. Das logische Gegenstueck waere, Jungs Einblick in traditionelle Frauenberufen zu gewaehren. Gegen eine solche auf Freiwilligkeit basierte Einzelaktion ist in der Tat kaum etwas einzuwenden. Problematisch wird es eher, wenn ein ganzes Buendel von Massnahmen realisiert werden soll, um bestimmte ideologische Vorstellungen durchzusetzen. Der Girls Day ist so gesehen ein kleines Mosaiksteinchen in einem ganzen Massnahmenbuendel, mit welchem Feministinnen via staatlicher und supranationaler Lenkung (Stichwort: Gender Mainstreaming) ihre sozialen Vorstellungen der Gesellschaft ueberzustuelpen versuchen. Wahrscheinlich ist deshalb dem einen oder anderen hier nicht ganz wohl bei einem Boys Day; insbesondere, wenn dieser durch eine feministische Traegerschaft organisiert wuerde.

Zudem ist eine traditionell männliche Rolle ebenso eine Einschränkung wie eine traditionell weibliche. Pluralisierte Lebensstile stellen immer einen Vorteil dar. Jungen werden es in einer Dienstleistungsgesellschaft schwerer haben, da ihnen gewisse Kompetenzen nicht beigebracht werden. Männer werden eben –insbesondere in niedrigen sozialen Milieus- immer noch in traditionelle Rollen gepresst. Für mich ist es sehr bedenklich, dass Männer sich öfters das Leben nehmen, öfters obdachlos werden …etc. Daher will ich für diese Männer und Jungen Förderungsprogramme. Genauso wie eine Mädchenprojekt gegen Magersucht absolut seine Berechtigung hat. Es gibt nun mal geschlechtsspezifische Probleme.
Dies hat nichts mit Bevormundung oder "Umerziehung" zu tun.

Du sprichst hier eine ganze Reihe von Problemen an. Vielfach wird in irgendeiner Form nach dem Staat gerufen, der diese Probleme beseitigen soll. V.a. wird mehr und mehr auch die Loesung von individuellen Problemen an den Staat delegiert. Dazu gehoert beispielsweise auch das sogenannte Rollenverstaendnis von Individuen. Die Frage ist aber letztendlich, wie sich der Staat als Institution verhalten soll. Soll er sich neutral verhalten und nur bei Rechtsverletzungen eingreifen, oder soll er paternalistisch (oder von mir aus maternalistisch) aktiv in die Rollenbildung eingreifen, indem er bestimmte Lebensentwuerfe favorisiert und andere diskriminiert? Wenn ja, wie und mit welchem ideologischen Hintergrund?

Verschaerfend hinzu kommen Unterschiede von Menschengruppen mit verschiedenen kulturellen, religioesen und ethnischen Hintergruenden. Was beispielsweise ein eingeborener Deutscher gut findet, muessen ein eingewanderter Russlanddeutscher oder auch ein tuerkischstaemmiger Einwohner muslimischen Bekenntnisses nicht auch gut finden. Wenn der Staat das alte Rollenverstaendnis durch ein neues ersetzt, und dies mit allen ihm zu Gebote stehenden Methoden favorisiert und auch gegenueber kritischen Gruppen gesetzlich durchsetzt, sind wir im Grunde genommen gegenueber den letzten 50 Jahren keinen einzigen Schritt weitergekommen. Das Beste, was der Staat tun kann, ist ein weitgehend neutrales Verhalten gegenueber vielen verschiedenen Lebensweisen, anstatt eine bestimmte zu bevorzugen. Leider schwingt das Pendel derzeit eher weg vom liberalen Staat, der sich aus den Privatangelegenheiten seiner Buerger raushaelt, hin zum protektionistischen, moralisierenden Staat, der ueberall seine Buerger zu bevormunden sucht im Namen einer abstrakten hoeheren Gerechtigkeit; eine IMHO sehr gefaehrliche Entwicklung.

Foerderprogramme sind dann sinnvoll, wenn eine objektiv feststellbare Benachteiligung vorliegt. Wenn jemand eine Leseschwaeche hat, kann dem mittels spezieller Foerderung begegnet werden. Wenn ein Maedchen an Magersucht leidet (es gibt uebrigens auch zunehmend Jungs mit diesem Problem), dann ist das ein gesundheitliches Problem, das durch entsprechende Therapien bekaempft werden sollte. Heute wird jedoch de facto haeufig so getan, als sei Weiblichkeit eine Behinderung. Als logische Konsequenz muessen nach dieser Ideologie weibliche Menschen gefoerdert werden. Die wenigsten Frauen merken, dass sie in Wirklichkeit ver*rscht werden; sie nehmen vielmehr die dargebotenen Privilegien und Sonderleistungen gerne entgegen.

Wenn beispielsweise festgestellt wird, dass die weitaus meisten Professoren maennlich sind, dann muss das nicht in einer Benachteiligung von Frauen begruendet sein, sondern es kann durchaus eine eher maennliche Neigung sein. Hier fragt sich dann, wie weit der Staat eine solche 'Schieflage von Neigungen' bei den Individuen korrigieren soll und v.a. mit welchen Mitteln.

Wie weit darf der Staat in die elterlichen Erziehungsphilosophien und -methoden eingreifen? Wie weit darf der Staat aufgrund bestimmter ideologischer Normvorstellungen auf die Entwicklung von Individuen Einfluss nehmen? Ab wann ist eine solche Einflussnahme bevormundend? Welche ideologischen Normvorstellungen sollen ueberhaupt fuer den Staat als Handlungsgrundlagen verbindlich sein? Sind diskriminierende Massnahmen (z.B. bevorzugte Einstellung von Vertretern eines bestimmten Geschlechts bis zur Erfuellung einer vorgegebenen Geschlechterquote) statthaft? Wenn ja, wie weit darf die staatliche Diskriminierung gehen? Weshalb werden diskriminierende Massnahmen nur selektiv durchgefuehrt, um angebliche Frauenbenachteiligungen zu kompensieren (im feministischen Sprachjargon 'positive Diskriminierung' genannt)? Weshalb werden nicht auch Maennerbenachteiligungen bekaempft? Und selbst wenn bevormundende Eingriffe demokratisch legitimiert wurden, erreicht man ueberhaupt die anvisierten Ziele? Und wenn die Ziele tatsaechlich erreicht wurden, machen die unerwuenschten Nebeneffekte nicht den Fortschritt wieder zunichte? Ist womoeglich der angerichtete Schaden groesser als der erzielte Nutzen? Das sind doch die zentralen Fragen, die aber so gut wie nie beantwortet oder auch nur ausfuehrlich diskutiert werden.

Ueber den noch vergleichsweise harmlosen Girls Day sind wir da naemlich schon weit hinaus. In einer Zeit, in der Kindererziehungsaufgaben je laenger je mehr an staatliche Institutionen oder auch private Organisationen delegiert werden (sei es in Schulen, Kindergaerten und Kinderkrippen), ist es evident, den Staat und solche Organisationen in ihrer Erzieherrolle zu ueberwachen. Der Staat sollte nicht so sehr die Buerger sondern die Buerger sollten eher den Staat ueberwachen. Dies gilt insbesondere auch im weiblich dominierten professionellen Erziehungswesen; denn gerade dort sind radikalfeministische Auswuechse zu beobachten, die fuer eine gleichberechtigte Gesellschaft nicht akzeptabel sind.

Ausserdem: das immer wieder medientraechtig beklagte Wegbleiben der Maenner aus der professionellen Kinderbetreuung und -erziehung sowie in den Familien insgesamt ist sicher ein Problem; es ist jedoch scheinheilig, wenn gleichzeitig von Gerichten und Jugendaemtern das massenhafte Verdraengen von Vaeter aus dem Leben ihrer Kinder gebilligt oder sogar unterstuetzt wird. Die wichtigsten maennlichen Vorbilder fuer Kinder sind naemlich noch immer (aber wie lange noch?) die eigenen Vaeter. Und solange es noch ein vaeterliches Vorbild in der Familie gibt, ist es nicht so eminent wichtig, ob der Grundschullehrer maennlich oder weiblich ist.

Gruss

Maesi


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