Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: TV-Tipp für die Transgender-Fraktion

susu, Sunday, 13.04.2003, 14:59 (vor 8333 Tagen) @ Arne Hoffmann

Als Antwort auf: TV-Tipp für die Transgender-Fraktion von Arne Hoffmann am 12. April 2003 13:09:08:

Hi Arne.

Die Hardcore-Transgender werden ihn natürlich längst kennen, aber für jeden, für den das Thema etwas neuer ist, mag dieser Film sehr illustrativ sein: "Mein Leben in Rosarot" kommt heute um 22:30 Uhr auf Hr 3. Er ist nicht so heftig wie "Boys don´t cry", aber auch ziemlich aussagestark.

Stimmt. Der Film war bis gestern leider immer auf meiner "muß ich unbedingt mal sehen"-Liste (diese Woche werde ich auch Billy Elliot abharken können), irgendwie bin ich immer dran vorbeigeschlittert.

Was bei dem Film zunächst einmal auffällt, ist, dass sich jene Person, die von allen anderen als gestört bzw. als Störung wahrgenommen wird, ganz unbefangen und authentisch präsentiert, während alle anderen, insbesondere die Erwachsenen, von ihren obsessiven Normzwängen ins Neurotische gedrängt werden. In ihrer Überforderung, mit dem Ungewohnten umzugehen, verstellen und verbiegen sie sich. Geschlechterklischees werden so immer wieder mit sanfter, spielerischer Ironie hinterfragt. Dabei erfährt der Konflikt weder im eigentlichen Sinne eine Auflösung, noch folgen wir seiner Hauptfigur ins erwachsene Leben, in dem sie ihre (trans)sexuelle Identität stärker ausagieren könnte. Das ist nicht notwendig für das Thema dieses Filmes, ja, es würde sogar seiner programmatischen Offenheit zuwiderlaufen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, selbst Stellung zu beziehen. So landet das Thema Transgender in keiner der üblichen Schubladen, die von der Komödie über die selbstzerfleischende Innenschau bis zum Serienkiller-Genre reichen, sondern fügt sich in den filmischen Mainstream ein.

Wobei ich mir ein kürzeres Ende gewünscht hätte. Alles, was nach der Stelle kommt, in der Ludovic Christine zum ersten mal trifft und sie von ihrer Mutter gerufen wird, war IMO unnötig. Außerdem würde ich die Schulpsychologin aus dem Reigen der NeurotikerInnen herausnehmen, sie ist da um einiges offener als alle anderen.

Die Nähe des Filmes zur Realität gilt auf mehrfache Weise als belegt. Zum einen kennt Drehbuchautorin Chris Vander Stappen dasselbe Problem umgekehrt: Als Kind wollte sie immer ein Junge sein. Zum anderen erhielt sie zahlreiche Rückmeldungen von Zuschauern, die sich mit ihren eigenen Erlebnissen in "Mein Leben in Rosarot" sehr gut wiederfanden.
Laut Dirk Jaspers Rezension in "CyberKino" ist das Hauptthema dieses Films das "allgegenwärtige Misstrauen gegenüber allem, was `anders´ ist. Kinder leben noch in einer Welt voller Möglichkeiten, nichts ist unabänderlich. Aber die Erwachsenenwelt wird bestimmt durch feste Definitionen: Blau für Jungen und Rosa für Mädchen. Der Film zeigt die alte Geschichte von Klatsch und Tratsch, Seitenblicken, Intoleranz und Ausgrenzung, aber auch von Träumen, Magie und Hoffnung."

Stimmt, es ist ein Film in dem es nicht nur um Transgender geht, sondern generell um Kindheit und Ausgrenzung. Und als Film über gender deshalb so gut, weil er das Problem bei den anderen sieht, nicht bei Ludovic. Und damit weder eine Lösung anbietet, noch das Problem als prinzipiell unlösbar darstellt (beides gern gewählte Cop-Outs).

susu


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