Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Engels als Lobbyist der Industrie

Mus Lim ⌂, Wednesday, 27.10.2010, 22:58 (vor 5557 Tagen) @ Mus Lim

Die erste Vorbedingung zur Befreiung der Frau ist die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie, und daß dies wieder erfordert die Beseitigung der Eigenschaft der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft.

Ich frage mich, wie Friedrich Engels hier von Befreiung der Frau sprechen kann.
Die bürgerliche Frau ahmte die adlige Frau nach, die auch nicht arbeitete, beziehungsweise nicht arbeiten musste. Es ist nicht verwunderlich, wenn die kleinbürgerliche Frau der großbürgerlichen Frau nachzueifern bestrebt war. In den 1950er Jahren ist auch die proletarische Frau eines gut verdienenden Facharbeiter diesem Ideal nachgejagt.

In Anbetracht der Tatsache, dass keine Frau freiwillig in der Industrie arbeitet - bis heute ist das so - ist es verwunderlich, die (zwangsweise?) (Wieder)Einführung der Frau als Befreiung zu deklarieren.
Dazu muss man sich die Zustände in der Industrie zu Zeiten Engels vorstellen. In anderen Schriften hat Engels die Zustände der Proletarier in Manchester beschrieben (Manchester-Kapitalismus) und darin auch die Wirkung der Industriearbeit auf Frauen. Es gab keine saubere Luft, keine Schutzeinrichtungen an gefährlichen Maschinen, überall Treibriemen, die jederzeit reißen und Arbeiter verletzen konnten, giftige Dämpfe, heißer Wasserdampf, kein Gesundheitsschutz etc.
Engels schrieb ja in seinem Kontext und nicht im Kontext heutiger Arbeitsschutzverschriften und ausgefeilter Schutzvorrichtungen an Maschinen. Es ist schon eine rhetorische Glanzleistung, Industriearbeit als "Befreiung der Frau" zu verkaufen.

Engels erscheint mir immer noch sehr modern. Seine Forderung, die Frau in die kapitalistische Erwerbsarbeit einzugliedern, hat ja gerade heute Hochkonjunktur.

Engels erscheint mir hier eher als ein Lobbyist der Industrie denn als Frauenrechtler.
Passend dazu war Engels ja auch Sohn eines Fabrikanten. Zufälle gibts! ;-)

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