Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Für mich ist Kommunismus ein Verbrechen

Garfield, Tuesday, 07.09.2010, 20:45 (vor 5606 Tagen) @ ajk

Hallo ajk!

Du wirfst zuviel in einen Topf: Zwischen Christen, Kommunisten, 68ern und Rechtsradikalen scheinst du ja keinen Unterschied zu sehen.

Aber das sind Definitionsfragen, über die ich jetzt nicht diskutieren will.

Wesentlich finde ich dagegen diese Aussage:

... und basiert darauf das Marx im Frühkapitalismus Fehler entdeckt hat, die zum grössten Teil korrigiert worden sind.

Diese Fehler wären niemals auch nur ansatzweise korrigiert worden, wenn es nicht massiven Widerstand dagegen und keine Arbeiterorganisationen gegeben hätte! Ohne diejenigen, die du so gern verteufelst, wäre es heute immer noch so, daß Besitzer von Firmen ihre Beschäftigten wie Leibeigene behandeln könnten und oft auch würden.

Im 19. Jahrhundert gab es nämlich nicht wenige Fabrikbesitzer, die ihre Fabriken als ihr Reich betrachteten, in dem nur ihre Gesetze gelten und sonst keine. Da mußten die Arbeiter teilweise sogar den Fabrikbesitzer um Erlaubnis fragen, wenn sie heiraten wollten! Wer alt oder krank war, flog oft gnadenlos raus - da wurde dann auch nicht danach gefragt, ob er sich vorher jahrzehntelang in der Fabrik die Gesundheit ruiniert hat. Früher sind alte und kranke Menschen von ihren Familien ernährt worden, aber die Familien waren nun oft zerrissen.

Richtig schlimm wurde es dann, als in den 1870er Jahren eine weltweite Wirtschaftskrise ausbrach, die alle vorherigen Krisen in den Schatten stellte. Letztendlich konnten die deutschen Fabrikbesitzer den Arbeiterorganisationen sogar dankbar sein, denn diese Organisationen trugen in Deutschland wesentlich dazu bei, daß die Arbeiter hierzulande noch relativ ruhig blieben. In den USA beispielsweise sah das anders aus. Dort konnten sich die Arbeiter weniger auf Organisationen und Parteien verlassen, und dort hatten sie ja auch solche Dinge wie Leibeigenschaft schon länger hinter sich gelassen. So gab es da in Krisenzeiten viel mehr Streiks und Randale als in Deutschland.

Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - betrachteten die deutschen Fabrikbesitzer jedes Anzeichen von Unruhe im Volk mit Sorge. Mittlerweile hatten die Mächtigen in Deutschland erkannt, daß sie durch Reformen von oben ihre Macht viel länger erhalten konnten. Also reformierte auch Bismarck von oben, als klar war, daß nur durch Polizeieinsatz die Massen nicht dauerhaft ruhig gehalten werden konnten. So wurde u.a. die Sozialversicherung eingeführt, die einige Probleme abmilderte, sie aber nicht wirklich löste.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das, was wir heute als "soziale Marktwirtschaft" bezeichnen. Und das war kein Zufall. Zum einen gab es zunächst Arbeitskräftemangel, was die Besitzer der Firmen schon zu Zugeständnissen zwang. Viel mehr fiel aber ins Gewicht, daß es mittlerweile ein Konkurrenz-System gab, das sich während des Zweiten Weltkrieges und auch in der Zeit danach stark ausbreiten konnte.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte man die Sowjetunion noch als ein Land von Spinnern, Mördern und Chaoten darstellen können, in dem es keinen kulturellen und technologischen Fortschritt geben kann. Interkontinentalraketen und Sputniks führten zumindest die zweite Behauptung ad absurdum. Daß dies nur mit deutscher Technologie möglich war, spielte dabei keine Rolle, denn auch die USA haben ja stark von deutscher Technologie profitiert.

Bis weit in die 1970er Jahre hinein dehnte die Sowjetunion ihren Einfluß immer weiter aus - zu der Zeit hätte niemand geglaubt, daß sie in weniger als 20 Jahren Geschichte sein würde. Nein, zu der Zeit war der Ostblock eine Konkurrenz, die sehr ernst genommen wurde. Und selbstverständlich mußte unbedingt vermieden werden, daß auf der eigenen Seite eine größere Zahl von Menschen mit den "Kommunisten" sympathisiert. Deshalb durfte man die Bevölkerung nicht zu kurz halten. Man mußte den Beschäftigten relativ gute Löhne zahlen, denn wenn man sie so ausgebeutet hätte wie im 19. Jahrhundert, dann hätte es wirklich eine kommunistische Weltrevolution geben können. Da das für die Besitzer der größeren Firmen eine sichere Enteignung und möglicherweise auch den Tod bedeutet hätte, waren sie durchaus geneigt, dem vorzubeugen und ihre Gewinnerwartungen zu zügeln. Das war insbesondere hier in Deutschland so, denn hier sprach man ja auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs sogar dieselbe Sprache, was Übersiedlungen noch leichter gemacht hätte.

Jetzt ist das Konkurrenzsystem aber weg, und jetzt wird nach und nach alles abgebaut, was man dem Volk vorher gnädigerweise gegönnt hat. Denn man glaubt nun keine Rücksichten mehr nehmen zu müssen. Jetzt wird auf Teufel komm raus privatisiert, die Löhne werden gedrückt, und immer mehr Besitz wandert von unten nach oben, wie man immer wieder in den Statistiken erkennen kann.

Das bringt unser Wirtschaftssystem zunehmend aus dem Gleichgewicht. Das fiel jetzt in der letzten Krise schon auf, als die Exporte wegbrachen und man feststellte, daß der Binnenmarkt zu schwach ist, um diese Einbrüche auch nur annähernd aufzufangen. Im Moment ziehen die Exporte wieder an, aber die nächste Krise kommt garantiert.

Die Probleme des 19. Jahrhunderts sind keineswegs gelöst - die kriegen wir allesamt wieder. Und dadurch, daß man den Kapitalismus schön redet, wird das auch nicht besser.

Im Kapitalismus geht es nicht um Innovation und schon gar nicht um Wohlstand für die Bevölkerung. Es geht um mehr Besitz für die Kapitalbesitzer. Nur darum dreht sich alles.

Ich gebe dir Recht damit, daß Typen wie Stalin oder Mao viel Unheil angerichtet haben. Davon wird der Kapitalismus aber auch nicht besser. Denn Kapitalisten gehen für ihren Reibach auch über Leichen - aktuell z.B. in Irak und Afghanistan.

Freundliche Grüße
von Garfield


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