Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Re: @susu (u.a.): Und jetzt zur Sache.

T.Lentze, Sunday, 02.01.2005, 15:24 (vor 7703 Tagen) @ T.Lentze

Als Antwort auf: @susu (u.a.): Nun, da Ruhe eingekehrt ist... von T.Lentze am 01. Januar 2005 20:36:36:

1. Das Judentum ist wesensgemäß keine Glaubens- oder Bekenntnis-, sondern eine Volksreligion. Folglich spielte die Rassenhygiene zumindest in alttesttamentlicher Zeit eine herausragende Rolle. Die Anerkenntnis von Jesus als Messias wurde so auch mit diesem Argument verweigert: wie kann aus Galiläa Gutes kommen ? (Stelle im NT müßte ich nachschlagen.) Die Bevölkerung von Galiläa galt, bedingt durch das zeitweilige babylonische Exil, als nicht mehr reinrassig. Für Samaria galt Ähnliches. Das erklärt die Verachtung, welche den Volksangehörigen dieser Reichsteile von den reinrassigen Juden aus Judäa entgegengebracht wurde.

Das Christentum bedeutete innerhalb des Monotheismus eine Emanzipation von jeglicher Rassen- und Volkszugehörigkeit. Auf gewisse Differenzierungen innerhalb des Christentums und ihre Folgen für diese Emanzipation habe ich hingewiesen. Es war Emil Bock, einer der Gründer der von R.Steiner "Christengemeinschaft", der die Nähe des Protestantismus zum Alten Testament eindrücklich und überzeugend beschrieben hat.

2. Bei Kierkegaard las ich den Satz: "Die Christenheit ist der Feind des Christentums." Demnach macht sowohl die dänische als auch die deutsche Sprache hier eine sinnvolle Differenzierung.

Analog läßt sich differenzieren:

a) die Judenheit als Summe der Menschen, die als Angehörige des jüdischen Volkes definiert sind oder sich selbst definieren, wesentlich also (nicht immer) aufgrund ihrer Abstammung.

b) das Judentum als als seelisch-geistige Eigentümlichkeit von Menschen oder einer Kultur, ohne daß diese Eigentümlichkeit auf eine Angehörigkeit im obigen Sinne beruhen muß.

3. Wiederum analog läßt sich differenzieren:

a) Geschlechtszugehörigkeit aufgrund physischer Merkmale (man hätte dann, was freilich nicht üblich ist, zu sprechen von Mannheit bzw. Frauheit).

b) Geschlechts-Akzentuierung aufgrund seelisch-geistiger Eigentümlichkeiten bei Menschen oder Kulturen, ohne daß diese Eigentümlichkeit auf physischen Merkmalen beruhen muß. Man spricht dann von männlichen/weiblichen Prägungen bzw. von Patriarchat/Matriarchat.

4. Die Differenz von "Judenheit" und "Judentum" wurde mir zum Erlebnis während eines 5-monatigen Voluntariats in Israel. Ich nahm in den Gesichtern der jüdischen Israelis, welche - zumeist angst- und haßerfüllt - über die Araber sprachen, ein fanatisches Leuchten der Augen, überhaupt ein fanatisches Auftreten wahr, welches in mir Erinnerungen weckte an Wochenschau-Archivfilmen, in denen Deutsche zur Hitlerzeit über Juden in Deutschland sich äußerten.

Im Nachhinein, während der Verarbeitung dieser Eindrücke, kamen mir folgende Fragen in den Sinn: Lebte nicht in Hitler in atavistischer und extremer Weise das alte Judentum auf ? Er betrachtete das deutsche Volk als auserwählt, und zwar aufgrund seiner Rasse. Er betrieb eine Blut- und Boden-Ideologie als Pendant zum Zionismus; und den Völkermord. Das sind Themen, die auf das Alte Testament verweisen. Und es hat eine innere Logik, daß sich Hitlers Vernichtungswille gegen das Volk richtete, mit dem ihn in ganz bestimmter Weise eine Affinität verband.

Der komplementäre Vorgang kam mir auch in den Sinn: Könnte es sein, daß in der Widerstandslosigkeit, mit der anscheinend viele Juden ihrer Vernichtung entgegengingen, der Geist des Urchristentums zum Ausdruck kam ?

5. Noch später und von oben Beschriebenem unabhängig wurde mir die Differenz von physischer und seelisch-geistiger (?) Geschlechtszugehörigkeit zum Erlebnis. Ich sah und sehe ausgeprägte Männer ingestalt von Menschen mit angeblich physisch weiblicher Geschlechtszugehörigkeit: Feministinnen, die Homosexualität propagieren und einen Krieg gegen Männer entfesseln, teilweise sogar für eine Reduzierung der Mannheit sich aussprechen, diese jedenfalls - auch ohne Gaskammern - betreiben. Ich sehe einen Krieg aufgrund uneingestandener Affinität.

Und wiederum analog wird gesprochen vom "Schweigen der Männer". Ist das Erdulden eine originär männliche Eigenschaft ? Mit Sicherheit nicht.

Es gibt Äquivalente der Emanzipation (ursprünglich ein Begriff aus dem römischen Recht) offenbar auch auf biologischer Ebene.

6. Ich hatte im Thema "Wurzeln des...Mutterkults" an eine Tatsache erinnert, welche in diesem Forum bereits diskutiert worden ist: daß nämlich der Sexismus Einzug gehalten hat in die Evangelische (i.w.S. protestantische) Kirche. Gleichzeitig habe ich darauf hingewiesen und soeben wiederholt, daß diese Konfession in ausgesprochener Weise alttestamentliche Züge trägt - eine offenbare Tatsache,die ich detailliert erläutern könnte.

Als geistigen Wegbereiter des Sexismus (ungenau: Mutterkult) habe ich ferner die Frankfurter Schule benannt und auch daran erinnert, daß sich unter ihren Koryphäen auffallend häufig Juden bzw. Halbjuden befanden.

Ferner habe ich als einen Vertreter der mechanistisch- materialistischen Denkweise S. Freud erwähnt; und dies aus Anlaß seiner Fehldeutung des Ödipus-Mythos. Ihm gegenübergestellt habe ich als Autor der m.E. angemessenen Deutung des Ödipus-Mythos den Katholiken R.Steiner.

Nicht ausdrücklich gefolgert habe ich, daß, wer, wie z.B. Horkheimer, der Judenheit angehört, aus diesem Grunde prädestiniert ist für die sexistische Ideologie; und ebensowenig habe ich ausdrücklich gefolgert, daß zum Sexismus prädestiniert ist, wer dem Judentum in der Weise zugehörig ist, wie es bei der protestantischen Kirche der Fall ist. Ich halte dies allerdings für diskussionswürdig.

Wenn es dann diskutiert wird, sollte es aber in angemessener Weise geschehen. Man könnte z.B. gegenüberstellen Sigmund Freud und Edmund Husserl. Beiden waren Juden, hatten fast identische Geburts- und Sterbedaten, kamen aus Mähren, veröffentlichten ihre ersten Hauptwerke ("Die Traumdeutung" bzw. "Logische Untersuchungen") im Jahr 1899, verfügten über höchste analytische Intelligenz, sahen übrigens sehr ähnlich aus, hatten auch beide die Endsilbe "-mund" in ihren Vornamen. Während Freud, der Atheist, aber sich dem Abgründigen im Menschen zuwandte und in Depressionen und Kulturpessimismus versank, eröffnete Husserl in ebenfalls analytischer Weise den Weg in geistige Höhen und führte zuletzt (in "Die Krisis der europäischen Wissenschaften...", 1930) den Begriff der Lebenswelt ein. Er war christlich orientiert. - Dies als Argument für die oben erläuterte Differenz.

7. Leider ging die Diskussion zunächst einen anderen Weg. Susu, du hast mir das Etikett der Judenfeindlichkeit aufgeklebt, oder, wie du sagst, des Antisemitismus. Fälschlicherweise. Wann ist denn jemand judenfeindlich ? Wenn er selbst dies so fühlt ? Trifft für mich nicht zu. Wenn Andere fühlen, daß jemand es sei ? Oder gar, wenn Dritte behaupten, Zweite müßten fühlen, daß ein Erster es sei ? "Gefühlte Diskriminierung" ? Gott bewahre !

In deinem Vorwurf hast du dich ausdrücklich noch auf Steiner berufen. Auch dies fälschlicherweise, wie ich behaupte.

Denn zu Steiners Zeit war der moralische Einsatz gegen Judenfeindlichkeit das Gebot der Stunde. Wäre das von ihm geforderte Engagement ausreichend verwirklicht worden, so hätte es zur Katastrophe nicht kommen brauchen. Seine diesbezügliche Nervosität ist insofern verständlich. Und da die arabische oder islamische Welt damals nicht die drängende Rolle spielt, wie sie es heute tut, konnte er das Wort Antisemitismus benutzen. (Wer es heute noch benutzt, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Doch das nebenbei.)

Was wir heute brauchen, ist in gewisser Weise das Gegenteil von dem, was Steiner vermißte, nämlich ein Engagement gegen den - ich sags mal so - "Anti-Antisemitismus". Dieser ist heute der Born aller Plattheit und Unlogik.

Ein Beispiel anstelle vieler anderer: Einem noch jungen, sehr intelligenten Kameraden vom Abendgymnasium, auf dem ich soeben mein Abitur gemacht habe, versuchte ich in gegebenem Zusammenhang mehrfach zu vermitteln, daß heute nicht Männer, sondern Frauen überprivilegiert sind. Er wandte impulsiv ein, ich sei reaktionär, einer "von gestern". Die folgenden Male reagierte er mit "Heil Hitler" und der entsprechenden Geste. Er tat dies nicht aggressiv, vielmehr mit einer art fröhlicher Ironie, sozusagen schulterklopfend. Ich nahm ihm dies Verhalten folglich auch nicht krumm, sagte ihm aber schließlich, daß mein Vater KZ-Opfer gewesen ist. Darauf verzichtete er auf die Geste, behandelte mich auch achtungsvoller, aber dies doch mehr wie aus Rücksichtnahme auf eine Behinderung.

Die Demonstration des "Konsequent-zuende-Denkens" eines unliebsamen Gedankens folgt offenbar überall demselben Schema: Man bedient sich einem Thema, das heute mit heftigen Emotionen beladen/ belastet ist, und hat sofort einen Knalleffekt.

Nun, was ich von Knalleffekten halte, habe ich eingangs schon erläutert mit meiner Einlassung auf die Silvesternacht. Ich jedenfalls habe mich, auch durch Verzicht auf "geistige" Getränke, in aller Frische erheben können.

Es grüßt dich herzlich T.L.



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