Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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@susu (u.a.): Nun, da Ruhe eingekehrt ist...

T.Lentze, Saturday, 01.01.2005, 22:36 (vor 7704 Tagen)

...und solange sie anhält, sehe ich Grund, an unsere Diskussion wieder anzuknüpfen.

1. Vorweg: Die Ruhe, die ich zur Voraussetzung erklärt habe für einen Dialog, habe ich selbst praktiziert, wo sie unüblich ist, nämlich in der Silvesternacht. Ich habe da in Steiners "Rätsel der Philosophie" gelesen und sehr bewußt den Jahreswechsel erlebt. Ich bin nicht gerutscht. Ich war geistig aktiv.

Der Brauch der Knallerei geht meines Wissens auf eine ursprünglich allgemein erlebte Beklommenheit zurück, die sich auf der Schwelle zum neuen Jahr einzustellen pflegte, und die es dann notwendig erscheinen ließ, die inneren Bilder böser Schwellengeister zu verjagen. (Vor Geistern nicht auf Zeit-, aber Raumesschwellen schützte z.B. der Brauch, daß der Bräutigam die Braut über die Haustürschwelle hob und so ins Haus trug.) Mittlerweile haben wir uns so emanzipiert von äußeren Mächten und uns dermaßen selbstbewußt gemacht, daß wir zum Jahreswechsel eher möglichst ruhig sein und Inventur machen sollten, auch was unsere menschlichen Beziehungen betrifft. Also: Ruhe herstellen. Selbst die Wesen der Natur incl. Hunde und Katzen würden uns das danken.

2. Gemäß meiner Ankündigung, deine Steiner-Zitate zu verfolgen und aufgrund deiner freundlichen Mithilfe durch Angabe eines Links habe ich den Artikel "Verschämter Antisemitismus" von 1901 gelesen.

Steiner empört sich da über den derzeit vielgelesenen Philosophieprofessor Friedrich Paulsen, aus dessem "System der Ethik" er u.a. zitiert: "Wenn ich mich nicht täusche, hängt die den Juden abgeneigte Stimmung nicht zum wenigsten von der instinktiven" (Annahme ?) "ab, daß der Jude seine Zukunft, die Zukunft seiner Familie nicht ebenso ausschließlich mit der Zukunft des Staates oder Volkes, unter dem er lebt, verknüpft sieht, als es die anderen Staatsbürger tun" (...).

Diese Einschätzung ist meines Wissens völlig korrekt. Steiner aber reagiert darauf in einer Weise, die ich für maßlos überzogen, ja schädlich halte. Er spricht von Unlogik, wo gar keine Unlogik ist.

Was er sagen will, bringt er in angemessener Weise erst im letzten Absatz des letzten ( d.h. vierten) Teils zur Sprache: "Jede unbestimmte Haltung ist von Übel. Die Antisemiten werden die Aussprüche einer jeden Persönlichkeit als Wasser auf ihre Mühle benutzen, wenn diese Persönlichkeit auch nur durch eine unbestimmte Äußerung dazu Veranlassung gibt." Das ist zweifellos richtig. Paulsen hätte seine Stellung als einflußreicher Philosophieprofessor nutzen sollen, um die Juden gegen Anfeindungen zu verteidigen und somit seine ethischen Erkenntnisse praktisch umzusetzen.

Daß Steiners unmittelbare Reaktion (in Teil 1-3) überzogen und schädlich ist, kommt u.a. in folgendem vernichtendem Urteil zum Ausdruck: "Wer diesen Mann" (Georg Schönerer) "in seinem öffentlichen Wirken zu beobachten Gelegenheit hatte, weiß, daß er eine ganz unberechenbare Natur ist, bei der die persönliche Laune mehr als der politische Gedanke bedeutet, die ganz von einer ins Unbegrenzte gehenden Eitelkeit beherrscht wird." Indem Steiner hier einen Menschen in seiner Totalität ver-urteilt, setzt er sich in Widerspruch zu dem, was er bei Paulsen reklamiert und begeht somit gerade die diesem - zu Unrecht - vorgeworfenene Unlogik. Übrigens ist schon der Ausdruck "einer ins Unbegrenzte gehenden Eitelkeit" nicht logisch. Was soll denn das, unter philosophischen Kriterien, bedeuten ? - Wer solche Fehler begeht, verliert an Überzeugungskraft und schafft sich unnötigerweise auch noch unversöhnliche Feinde.

3. Steiner ist in seinem stark cholerischen Temperament, das ihm besonders im frühen bis mittleren Alter zueigen war, auch andernorts nicht immer vorbildlich aufgetreten. Z.B. berichtete Rittelmeyer, der ihn sehr verehrte, von einer Begebenheit aus der Zeit seiner Dreigliederung-Initiative, wo er einen jungen, unerfahrenen Arbeiter-Sprecher öffentlich dermaßen zusammenschrie, daß dieser sich hinter eine Tür stellte und weinte. - Theodor Lessing, ein Jude, der von Steiner allerdings wenig hielt, berichtete (in "Einmal und nie wieder", sinngemäß): "Wurde er (Steiner) aber gereizt, so begann der kleine, schmächtige Mann zu brüllen wie ein Stier, wobei" er seine Gegner mit Hunden verglich, die es durch Steinwürfe zu verscheuchen gelte. - In Steiners "Fünftem Evangelium" (Titel einer Vortragsreihe) erinnere ich mich an eine Stelle, wo er Max Heindel, einen ehemaligen Schüler, der sich dann abwandte und selbständig macht,) in bitterem Tonfall diffamierte. Man merkt direkt, wie Steiner aus geistigen Höhen, die er soeben erklommen hatte, plötzlich abstürzt.

Mit diesen kritischen Hinweisen ist die außerordentliche Bedeutung von Steiner auch nicht ansatzweise in Frage gestellt. Ich räume ein, daß sicher auch Jesus, Joseph und Maria gelegentlich gepupst und sich gekratzt haben. Meiner Verehrung tut das keinen Abbruch.

4. Die Notwendigkeit zur Beherrschung der eigenen Emotionalpersönlichkeit (früher sprach man von der "Tugend" der Besonnenheit oder Gerechtigkeit) wird einem am besten wohl in familiengerichtlichen Auseinandersetzungen beigebracht, die ja unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden und auch wegen der intimen Thematik zu einem Sich-Hingeben an Affekte verleiten. Ich habe andernorts schon darauf hingewiesen. In meinen Schriftsätzen und mündlichen Äußerungen habe ich niemals die Mutter meines Kindes - die außer mehrfachen Ehebruch sich noch mehr hat zuschulden kommen lassen -, pauschal verurteilt, sondern stets auch ihre Vorzüge oder Fortschritte dargelegt, ebenso die psychologischen Hintergründe ihres Verhaltens. Im Ergebnis konnte ich einen psychologischen Gutachter, der mir die Erziehungsfähigkeit absprach, aus dem Verfahren werfen sowie verhindern, daß der Mutter das alleinige Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen wurde. Die Anwältin mütterlicherseits, eine sehr engagierte Mißbrauchs- und "Opferschutz"-Expertin, war bereits fest von meiner Niederlage ausgegangen.

In solchen Prozessen werden einem die Folgen seines Auftretens unmittelbar bewußt gemacht; in der öffentlichen Auseinandersetzung eventuell nie. Ich unterstelle somit, daß Steiner sich mehr Feinde geschaffen hat, als nötig gewesen ist.

5. Hierauf aufbauend behaupte ich, daß auch die Reaktionen auf meine These völlig überzogen sind. Begründung folgt.

Soweit mit freundlichen Grüßen, T.L.



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