Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Kampf um Gleichberechtigung ist irrelevant

M., Friday, 17.12.2004, 18:46 (vor 7720 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: Kampf um Gleichberechtigung ist irrelevant von Paul am 17. Dezember 2004 16:25:22:

Von der "Überbetongung individueller Rechte" spüre ich nichts. Allenfalls von der Privilegierung bestimmter Gruppen. Wenn der Bürger normalerweise deutlich mehr als 50% seines Einkommens in Form von direkten und indirekten Steuern an den Staat abgibt, ist nur bei extremer Wahrnehmungsverzerrung noch eine "Überbetonung individueller Rechte" feststellbar. Denn für die Wahrnehmung der meisten - von grundlegenden Menschenrechten abgesehen, die nicht zur Diskussion stehen - individuellen Rechte sind vor allem erst einmal die entsprechenden Mittel notwendig. Nimmt man dem einzelnen diese Mittel weg, stehen diese Rechte nur noch auf dem Papier.

Das hast du mich wohl falsch verstanden: Du hast bei diesem Prozess der "Überbetonung indivudueller Rechte" immer zwei Seiten: Der einzelne Bürger verliert durch die Verrechtlichung immer größerer Bereiche immer mehr Entscheidungsfreiraum, aber der Grund liegt doch genau darin, dass JEDER versucht, mittels des Rechtssystems seine individuellen Rechte durchzusetzen: Das fängt bei der Verteilung materieller Ressourcen an (Einkommenstransfers (staatliche Sozialleistungen), Unterhaltsgeld, alle möglichen staatlichen Subventionen) und hört bei den immateriellen Ressourcen noch lange nicht auf (Recht auf saubere Luft, kulturelle Teilhabe, Antidiskriminierung usw.) Was wir JETZT als Folge sehen, ist dass die Überbetonung indivudeller Rechte zu einem "Overstretching" des ökonomisch-politischen Systems geführt hat: Die Staatsleistungen und Bürgerechte werden wieder einkassiert. Damit sind wir bei der paradoxen Situation, dass das westliche Wertesystem (das ja individuelle Rechte betont) u.a. an der ÜBERBETONUNG derselben zugrunde- und untergeht.

Die Wahrheit ist genau umgekehrt: Der Bürger wird immer rechtloser. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht, kann dieses Phänomen in fast allen Industriestaaten beobachten.

Ja, s.o.

Der "verlorengegangene Konsens" ist ebenfalls eine Halluzination. Nicht erst sei Chomsky wissen wir, daß wir in der Regel mehr Konsens haben, als uns lieb ist - vielleicht nur nicht den richtigen. Das klassische Bild vom Mann als Täter und der Frau als Opfer ist nämlich Konsens. Aber halt einer, der auf einer defekten Realitätswahrnehmung basiert. Viele andere Dinge sind ebenfalls Konsens. Konsens ist aber nicht automatisch gut. Im Gegenteil, wenn der Konsens auf falschen Annahmen oder Unlogik basiert, führt er möglicherweise zur Katastrophe.

Chomsky selbst hat aber auch gesagt (so wie ich ihn verstehe), dass dieser Konsens, von dem du sprichst, ein medial produzierter Konsens ist. Eine Form davon ist sicherlich die "political correctness". Das dieser medial produzierte und vermittelte Konsens nichts mehr mit der Meinung weiter Teile der Bevölkerung zu tun hat, sollte jeder merken, der "öffentliche Meinung" und private Meinung im Bekanntenkreis vergleicht: Deshalbt noch einmal meine Meinung: In der Bevölkerung selbst existiert ein Konsens über Werte und Normen nicht mehr, jedenfalls dann nicht, wenn man nicht nur spezielle (soziale) Teilgruppen betrachtet.

Gruss,
Paul

Gruss zurück !


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