Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Straffreiheit für tötende Mutter

Nick, Saturday, 11.09.2004, 06:31 (vor 7816 Tagen) @ Magnus

Als Antwort auf: Re: Straffreiheit für tötende Mutter von Magnus am 10. September 2004 23:56:53:

Lieber Magnus!

Du schreibst: "Ich gebe dir recht. Alles hängt zusammen. Und es wird noch schlimmer, denn es ist ein schleichender Prozess der Veränderung, für den es keinen Befreiungskrieg wie z.B. bei der Sklaverei geben kann."

Ja, alles hängt mit allem... genauer: alles hängt mit uns zusammen! Denn wir sind frei! So vollkommen frei, wie es das niemals zuvor gegeben hat. Deshalb sind wir auch nicht die Opfer, sondern die Täter, und zwar die alleinigen Täter. Wir werden ja nicht etwa despotisch unterdrückt. Es gibt keinen Tyrannen, dessen Willen wir unterworfen wären. Wir selbst entscheiden in freiem Diskurs, wie wir leben wollen.

"Wir" - das ist diese anonyme, amorphe, deprivierte und primitivierte, nur auf sich selbst bezogene Masse Mensch, die blind ihren Mehrheitswillen sucht und findet und ihn ebenso blind durchsetzt. Wenn sich nur eine genügend große Zahl von Menschen entschließt, alte Regeln abzuschaffen und neue zu "erfinden", dann geschieht das so, dann wird das so gemacht. Feminismus ist ein (ein!) Beispiel dafür, wie sich solche ideologischen Walzen entwickeln.

Aber wir allein verantworten, was wir uns "ausdachten", niemand sonst. Was wir heute erleben, das hat schließlich eine Mehrheit so beschlossen (und tut es weiter, Tag für Tag), hat es sich ausgedacht, hat es durchgesetzt, hat damit experimentiert, hat zugestimmt: "Wir bauen uns eine neue, eigene, selbstbestimmte, bessere Menschenwelt nach eigenem Geschmack!"

Wir sehen, wie gründlich das mißlingt. Jeder wird so zum Feind des Andern. Übergeordnete Regeln gibt es keine mehr, letzte Reste davon werden hinweggefegt, jahrtausendelang erprobte Instanzen, die Sinn und Maß geben, werden zerrieben. Wir erleben, wie selbst die "Herrschenden" Sklaven ihrer Sachzwänge sind, denen sie hilflos erliegen (z.B. am unaufhaltsamen Niedergang der Kanzlerpartei SPD; wenn man's "ökonomisch" sehen will: wirtschaftlicher Niedergang, Pleiten von Weltkonzernen, Weltwirtschaftskrisen...)

Das moderne Zauberwort heißt "Interessen". Die Frage lautet heute nicht mehr: "Was hat einen Wert? Warum hat es diesen Wert? Welchen Rang hat er in der humanen Wertehierarchie? In welchen Spannungen steht er zu anderen Werten? Etc. pp." - sondern die Frage lautet: "Was ist mein Interesse? Wie setze ich es durch? Mit wem gerate ich dabei in Konflikt? Wie entscheide ich solche Konflikte in meinem Sinn?" - Früher nannte man sowas mal Barbarei.

Das Erste hat man gelernt, "Unfreiheit" zu nennen, denn es schränkt ja tatsächlich die individuelle Freiheit ein! Bedeutet es doch z.B. auch Verzicht aus Einsicht, Hintanstellen eigener Wünsche um höherer Werte willen, Abhängigmachen des eigenen Tuns von außer mir liegenden Bedingungen, vom Anderen, von meinem Nächsten... all dieses "altmodische" Zeug eben. Ich persönlich nenne das die "Kultur der Liebe".

Das Zweite aber bedeutet in den Augen der Mehrheit "Freiheit". In ihrer vollkommenen Bedeutung lautet sie: "Ich kann machen, was ich will!" Und nun erleben wir, daß, weil das jeder so macht, wir in einem ultimativen Gefängnis gelandet sind, das keine Ausgangstür besitzt. Wohin denn auch? Es ist, wie du sagst: wir versinken in einer Sklaverei, gegen die es keinen Befreiungskampf gibt. Und warum ist das so? Weil wir uns von uns selbst befreien müßten.

Meine These lautet: wir gehen zugrunde an unserer Freiheit - weil es nämlich eine naive, verkehrte, illusorische Freiheit ist. Das individualistische Freiheitsideal, also das ungehinderte "Streben nach Glück" (individuellem Glück!), denkt auch immer nur die individuelle Seite der Freiheit, vertraut darauf, daß sich "der Rest" schon von allein ergeben wird - und übersieht, daß es das notwendige Wertefundament, auf dem allein individuelle Freiheit denkbar ist, nicht selber "erschaffen" kann, sondern verläßlich vorfinden muß.

Der Mensch soll nur noch frei sein VON "Fremdbestimmung", Pflichten, Regeln, die ihn einengen, Grenzen, die ihm als Mensch von Natur aus gesetzt sind usw. Aber niemand will akzeptieren, daß zur Freiheit nunmal zu allererst das Erkennen und Beachten der dem Menschen vorgegebenen Grenzen gehören muß, einfach deshalb, weil nur sie der einzig denkbare Rahmen jeder realen Freiheit sein können - eben weil sie vorgegeben sind, d.h. vor dem Menschen liegen, bevor er überhaupt Mensch ist (bzw. überhaupt erst dazu werden kann). Niemand denkt mehr daran, WOZU man denn eigentlich frei sein will, für welche Ziele, welche Wahrheit, welche Werte, welchen Sinn... und mit welchem Ziel? Dabei waren genau diese Fragen aber überhaupt der Impuls dafür, nach menschlicher Freiheit zu streben.

Grenzenlose "Freiheit" ist somit paradoxerweise zum Synonym für die äußerste, finale Sklaverei geworden. Das ist die grinsende Dialektik unserer jüngeren Geschichte, mit deren Ergebnis und Konsequenz wir jetzt mehr und mehr konfrontiert werden. Kompromißlose Einsicht in diese Zusammenhänge, ernsthafte, schonungslose Einsicht und entschlossene Umkehr, wären die zwingende Konsequenz. Sie wird gleichwohl nur von Einzelnen gezogen. Die Gesellschaft als Ganzes - die Mehrheit eben - ist nicht mehr zu retten: wegen ihrer freiwilligen Entscheidung zur Sklaverei unter dem Joch des puren "Ich".

Was sich in diesem immer bewußtloser werdenden Brei von "Freiheit" und seiner weiteren, schleichenden Entwicklung noch herausbilden wird, das kann einen nur mit nacktem Grauen erfüllen! Denn es wird keine Grenzen für nichts mehr geben.

Das nenne ich die Logik der "Kultur des Todes".

Gruß vom
Nick


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