Re: Tauchen manche Frauen unter....
Als Antwort auf: Tauchen manche Frauen unter.... von Christian am 12. Mai 2004 22:34:04:
Hallo Christian!
Das ist ein wesentlicher Punkt. Viele Menschen machen heute den Denkfehler, Erwerbstätigkeit für ein großes Privileg zu halten. Das war nicht immer so.
Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt Erwerbstätigkeit keineswegs als erstrebenswertes Ideal, sondern das Ideal bestand für viele Menschen darin, ganz ohne Arbeit viel Geld zu bekommen. Wer das schaffte, stand offen dazu. Deshalb galt lange Zeit Blässe als vornehm - man zeigte damit, daß man es nicht nötig hatte, sich unter freiem Himmel abzurackern.
Wer z.B. als reicher Grundbesitzer von der Arbeit anderer lebte, war stolz darauf und sagte auch offen, daß er es nicht nötig hat, für seinen Reichtum zu arbeiten.
Das entspricht durchaus der menschlichen Natur: Es ist evolutionshistorisch gesehen logisch, daß man immer bestrebt ist, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu erreichen. Faulheit ist ein natürlicher Mechanismus, um Menschen daran zu hindern, sich für womöglich geringen Nutzen zu sehr zu verschleißen. So gesehen war diese Einstellung zur Arbeit durchaus logisch.
Das änderte sich erst, als durch die Industrialisierung immer mehr Menschen aus dem bisherigen Feudalsystem ausbrachen und dann aber in den neuen Fabriken mit ihrer Arbeit auch nicht reich wurden, sondern sich dort für wenig Geld mindestens genauso sehr abrackern mußten.
Im Feudalsystem glaubten tatsächlich viele Menschen daran, daß die bestehende Ordnung gottgewollt wäre und daß ein Adeliger durch seine gottgewollte Position (denn Gott hatte ja bestimmt, daß er als Adeliger geboren wurde) nun einmal grundsätzlich mehr Besitz hat als ein armer Bauer. Schon die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren oft Leibeigene des Grundherren gewesen, und so würde das immer weiter gehen, glaubten viele. Aufstände dagegen gab es nur dann, wenn die Situation der Bauern unerträglich wurde.
Im Zeitalter der Industrialisierung sahen aber nun immer mehr Menschen, daß Leute, die keineswegs adelig, sondern einfach nur irgendwie zu viel Geld gekommen waren, dieses Geld mühelos weiter vermehren konnten, während jemand, der arm war, auch bei noch so harter Arbeit arm blieb.
Das war nun nicht mehr so einfach mit einer gottgewollten Ordnung zu erklären. Außerdem sind viele der ersten Fabrikarbeiter ja durch Landflucht aus dem Feudalsystem ausgebrochen, waren also schon von Natur aus weniger dazu geneigt, an irgendeine gottgewollte Ordnung zu glauben, die sie akzeptieren müssen.
So kam es dann zur Herausbildung einer Arbeiterbewegung, der Marx und Engels dann schließlich eine ideologische Grundlage gaben. Diese neue Ideologie ging davon aus, daß Arbeit den Menschen überhaupt erst zum Menschen gemacht hätte. Wer sich nun in der Situation befand, daß andere für ihn arbeiteten und selbst nicht mehr arbeitete, wurde nun von Anhängern dieser neuen Ideologie nicht mehr bewundert, sondern als Schmarotzer betrachtet, der seinen Reichtum auf Kosten anderer erreicht hat und ihn auf Kosten anderer immer weiter vermehrt.
Arbeit bekam so einen ganz neuen Stellenwert.
Dieser Teil der kommunistischen Ideologie wurde aber paradoxerweise keineswegs nur von den Arbeitern übernommen, sondern auch von den Besitzern der Fabriken.
Die hatten nämlich das Problem, daß sie nun zwar reich waren, im etablierten Kreis der reichen Adeligen aber nicht akzeptiert wurden, weil sie keine Adelstitel hatten. Sie galten als "Neureiche" und wurden selbst nach einer Heirat in Adelskreisen oft nicht voll akzeptiert.
So kam ihnen die neue kommunistische Sichtweise der Arbeit gerade recht. Nicht jeder Fabrikbesitzer war durch ererbten Besitz zu seinem Reichtum gekommen. Manche hatten tatsächlich auch klein angefangen und konnten sich dann unter den günstigen Bedingungen im 19. Jahrhundert ihren Reichtum erarbeiten.
Wenn nun also ein Adeliger über sie die Nase rümpfte und sie als Neureiche bezeichnete, die sich womöglich in ihren Fabriken noch selbst die Hände schmutzig machen würden, dann konterten sie damit, daß sie ihren Reichtum wenigstens aus eigener Kraft erwirtschaftet hätten und nicht nur reich wären, weil sie ohne irgendeine eigene Leistung zufällig in eine Adelsfamilie geboren worden sind.
Je mehr Industrielle in die oberen 10000 aufstiegen, und je mehr Adelige von dort verdrängt wurden, umso mehr setzten sich solche Auffassungen durch.
Gleichzeitig stellten die Industriellen fest, daß sie damit auch der kommunistischen Ideologie etwas entgegen setzen konnten. Wenn ihnen vorgeworfen wurde, ihre Arbeiter auszubeuten, dann konterten sie damit, daß sie doch für ihren Reichtum auch hart arbeiten würden und daß doch auch jeder Arbeiter die Möglichkeit hätte, sich von ganz unten nach oben hoch zu arbeiten. Daß das mit zunehmender Konzentration der Wirtschaft immer schwieriger wurde, ließ man bewußt außer acht.
So kam es, daß im 20. Jahrhundert Arbeit nicht mehr als peinlich und als Zeichen von Armut betrachtet wurde. Der Spruch "Arbeit adelt" war nun in aller Munde, und man suggerierte dem Volk, daß nun doch jeder, der nur fleißig genug ist, durch seine Arbeit auch reich werden könne.
Das alles wirkte sich auch auf die Frauenbewegung aus. Als immer mehr Frauen im Bürgertum Hausfrauen wurden und noch die alte Sichtweise der Arbeit gerade im Bürgertum, aus dem die meisten damaligen Feministinnen stammten, sehr verbreitet war, wurde es von Feministinnen begrüßt, daß nun immer mehr Frauen nicht mehr für ihren Lebensunterhalt arbeiten müßten, sondern sich endlich ihrer wahren Bestimmung widmen könnten, nämlich dem Haushalt und den Kindern.
Als sich die Sichtweise der Arbeit aber änderte und als es zunehmend auch kommunistisch angehauchte Strömungen in der Frauenbewegung gab, wurde es plötzlich wieder als Idealzustand angesehen, wenn auch Frauen erwerbstätig waren.
Nachdem das Frauenwahlrecht in vielen westlichen Ländern eingeführt worden war, fiel eine ganz wesentliche Forderung der Frauenbewegung weg. Das brachte viele Feministinnen dazu, sich andere Forderungen suchen zu müssen, wenn sie ihre Organisationen nicht auflösen wollten. So erfand man nun das Märchen von der finanziellen Unterdrückung der Frau durch den Mann, indem der Mann ihr die Erwerbsarbeit verbot.
Tatsächlich war es im einfachen Volk noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts vielfach so, daß auch Frauen erwerbstätig waren, weil ein Arbeiter seine Familie üblicherweise nicht allein ernähren konnte. Hausfrauen gab es meist nur in der Mittelschicht.
So fand diese neue Forderung von Feministinnen zunächst kaum Gehör. Als es dann in den 1950er Jahren aber immer mehr Hausfrauen auch im einfachen Volk gab, fand diese Forderung Gehör, und sie wurde auch von der Wirtschaft unterstützt, die damals noch händeringend Arbeitskräfte suchte.
Das Gesetz, nach dem ein Mann seiner Ehefrau verbieten konnte, berufstätig zu sein, war ja auch tatsächlich nicht gerecht. Aber es wurde dann ja auch bald abgeschafft.
Trotzdem verbreitete sich das Märchen von der Unterdrückung der Frau durch den Mann fröhlich weiter. Menschen finden oft gerade das am attraktivsten, was sie gerade nicht haben. Wie so oft wurde die andere Seite der Medaille, nämlich die Tatsache, daß Männer in ihren Berufen auch kein leichtes Leben hatten und daß viele Männer den Großteil ihres Einkommens oder sogar das gesamte Einkommen an ihre Ehefrauen abgaben, die dann das Geld verwalteten, außer acht gelassen.
Mittlerweile haben schon viele Frauen begriffen, daß Erwerbsarbeit keineswegs ein Privileg, sondern eher eine Last ist, und deshalb nutzen sie eben ihre Möglichkeiten, immer wieder mal aus dem Erwerbsleben auszusteigen. Das geht natürlich nur dann, wenn ihre Partner brav weiter auf Vollzeit arbeiten. Folgerichtig sind Männer, die Ambitionen zum Hausmann entwickeln, bei Frauen auch nicht sonderlich gefragt, jedenfalls nicht als Lebens-Partner oder gar Ehemänner.
Wer das nicht glaubt, kann ja mal testweise eine Anzeige in die Zeitung (oder auch ins Internet) setzen mit einem Text wie "Attraktiver Hausmann sucht nette Frau in guter beruflicher Position". Wetten, daß darauf keine einzige ernstgemeinte Antwort kommt?
Freundliche Grüße
von Garfield
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Christian,
13.05.2004, 01:34
- Re:Stress ist mit Sicherheit ein Hauptfaktor... -
Christian,
13.05.2004, 02:12
- Re:Stress ist mit Sicherheit ein Hauptfaktor... - Christian, 13.05.2004, 02:15
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Garfield,
13.05.2004, 13:53
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Emmalein,
13.05.2004, 14:37
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Garfield,
13.05.2004, 15:25
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13.05.2004, 15:45
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Leser,
13.05.2004, 15:56
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Emmalein,
13.05.2004, 16:02
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Garfield, 13.05.2004, 16:34
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Realist, 13.05.2004, 23:02
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Andreas,
13.05.2004, 16:04
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13.05.2004, 16:14
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13.05.2004, 16:42
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13.05.2004, 17:38
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Garfield, 13.05.2004, 18:16
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13.05.2004, 17:38
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Leser, 14.05.2004, 00:27
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Andreas,
14.05.2004, 01:15
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14.05.2004, 11:36
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14.05.2004, 12:18
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Odin, 14.05.2004, 14:58
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Emmalein,
14.05.2004, 11:36
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13.05.2004, 16:42
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13.05.2004, 16:14
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Emmalein,
13.05.2004, 16:02
- Schubladendenken - Paul, 13.05.2004, 18:15
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Leser,
13.05.2004, 15:56
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13.05.2004, 15:45
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Der Bachelor, 13.05.2004, 15:45
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13.05.2004, 15:25
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13.05.2004, 14:37
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Gatina,
14.05.2004, 14:39
- Re: Tauchen manche Frauen unter.... - Christian, 15.05.2004, 13:15
- Re:Stress ist mit Sicherheit ein Hauptfaktor... -
Christian,
13.05.2004, 02:12