Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Wende in der Verteidigungspolitik

Garfield, Monday, 10.05.2004, 21:17 (vor 7942 Tagen) @ Christian

Als Antwort auf: Wende in der Verteidigungspolitik von Christian am 10. Mai 2004 17:14:48:

Hallo Christian!

Die Wehrpflicht wird von manchen Menschen ja damit begründet, daß mit einer Wehrpflichtarmee Kriegsverbrechen, Kriege allgemein oder auch ein Militärputsch schwieriger oder gar unmöglich wären.

Daß das Unsinn ist, beweist doch allein schon die Tatsache, daß Deutschland 1939 eine Wehrpflichtarmee hatte. Die konnte Hitler auch nicht an der Ausführung seiner Eroberungs-Pläne hindern.

Tatsächlich haben sich gerade deutsche Berufsoffiziere vor allem in den ersten Jahren des Dritten Reiches immer wieder gegen Hitlers Abenteuer ausgesprochen. Als Hitler beispielsweise seine Pläne für einen Anschluß von Österreich und der Tschechei vor einem kleinen Kreis von Militärs und Wirtschaftsexperten bekannt gab, reagierten die allesamt skeptisch bis ablehnend. Die Generäle verwiesen darauf, daß die tschechischen Grenzbefestigungen genauso gut ausgebaut waren wie die französische Maginot-Linie und daß sowohl die tschechische als auch die österreichische Armee vergrößert wurden und somit durchaus keine schwachen Gegner waren. Außerdem befürchtete man, daß zumindest Frankreich Deutschland den Krieg erklären würde und daß auch ein Kriegseintritt Italiens auf deutscher Seite (was trotz der Achse Berlin-Rom keineswegs sicher war) das militärische Gewicht Frankreichs nicht ausgleichen würde.

Hitler mußte erst einmal die Generäle von Blomberg und Fritsch mit fadenscheinigen Begründungen entlassen, selbst das Oberkommando der Wehrmacht übernehmen und Keitel in "Lakeitel" verwandeln, indem er ihm finanziell unter die Arme griff und ihn sich so zu Dank verpflichtete, um seine Pläne ohne größeren Widerstand aus der militärischen Führung Deutschlands verwirklichen zu können.

Als Hitler dann kurz vor dem Anschluß Österreichs verlangte, daß die Wehrmacht innerhalb von 48 Stunden zum Einmarsch in Österreich bereit sein müsse, reagierten die beteiligten Generäle entsetzt. Und als er dann auch noch die Tschechei schlucken wollte, waren immer noch mehrere hohe Offiziere bereit, einen Militärputsch zu unternehmen, falls dadurch Krieg mit Frankreich und England ausbricht.

Die treibende Kraft, die letztendlich zum Zweiten Weltkrieg führte, war nicht der so oft beschworene preußische Militarismus, sondern Hitler ganz allein. Er wollte unbedingt seine zwei großen Hauptziele verwirklichen: Die Vernichtung des "jüdischen Bolschewismus" und die Eroberung von Lebensraum im Osten. Aufgrund traumatischer Erfahrungen beim Tod seiner Mutter durch eine Krebserkrankung war er fest davon überzeugt, daß er selbst auch nicht lange leben würde und deshalb diese beiden Aufgaben noch vor seinem Tod, also möglichst bald, lösen müsse. "Nach mir wird das niemand mehr tun können. Ich bin der einzige, der das kann", sagte er mehrmals.

Zwar sind die Militärs ihm dann letztendlich in alle seine Abenteuer gefolgt, aber wer das nicht tat, mußte im Nazi-Reich mit überaus ernsten Konsequenzen rechnen. Wenn schon prominente Generäle wie Rommel nichts gegen Hitlers Wahnsinn ausrichten konnten, wie sollte dann ein kleiner Wehrpflichtiger da etwas bewirken? Da wurde man ganz fix kriegsgerichtlich abgeurteilt und erschossen, wenn man einen Befehl verweigerte.

Wenn hier jetzt wieder irgendein Psychopath an die Macht käme, dann würde unsere Wehrpflichtarmee den wahrscheinlich auch an nichts hindern. Und wenn doch, dann würde sie das nicht tun, weil sie eine Wehrpflichtarmee ist. Die Führung besteht ja immer aus Berufssoldaten, und die bestimmen die Richtung, in die die Truppe marschiert. Ein kleiner Wehrpflichtiger hat da gar nichts zu bestimmen, sondern nur zu gehorchen.

Soldaten haben naturgemäß kein großes Interesse am Krieg. Vor allem diejenigen von ihnen, die dann selbst raus aufs Schlachtfeld müssen. Die haben nämlich oft auch Frauen und Kinder und sehen ihre persönlich Zukunft allein schon deshalb nicht unbedingt darin, auf irgendeinem Schlachtfeld zu krepieren. Wenn es nur nach den Soldaten gegangen wäre, dann hätten viele Kriege niemals stattgefunden. In den allermeisten Fällen sind es die zivilen Machthaber in sicheren Bunkern weit hinter der Front, die Kriege anzetteln. Und denen ist es egal, ob sie eine Wehrpflichtarmee oder eine Berufsarmee befehligen.

Freundliche Grüße
von Garfield


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