Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Quintessenz?

susu, Thursday, 12.02.2004, 19:01 (vor 8029 Tagen) @ Andreas (der andere)

Als Antwort auf: Re: Quintessenz? von Andreas (der andere) am 12. Februar 2004 14:13:47:

Hallo (anderer) Andreas

Interessant - das erspart mir vermutlich, ihn mir noch mal ansehen zu müssen. Was ich daraus nicht entnehmen kann, ist eine Quintessenz, bzw. ein formulierbares Ziel. Würde ich diesen Film also als "Wesen" der Gender Studies "lesen", könnte ich jetzt keine positive Zielstellung formulieren, d.h. eine, die nicht nur auf Vermeidung von (nicht vermeidbaren) Aspekten abzielt.

Die positive Formulierung lautet: Annerkennung von Individuen, ohne Geschlecht als moralsiche Kategorie durchsetzen.

Anders: Hat Geschlechterforschung ein Ziel, abgesehen von der Destruktion von Geschlechterbildern? - Sollte dem nicht so sein, wäre zu fragen, welche Heilserwartung an die Destruktion gekoppelt ist. Wenn Geschlecht Identität und Krise in sich vereinte, ergäbe sich daraus die Schlußfolgerung, daß der Mensch unentrinnbar in seinem Schicksal gefangen ist. Er könnte der Krise nur um den Preis der Identität entrinnen, d.h. suizidal werden (geistig oder materiell - was wohl nicht wirklich eine Option darstellt).

Der letzte Satz ist falsch. Ein Ablegen einer "Geschlechtsidentität" bedeutet keineswegs suizidal zu werden (weder geistig noch materiell). Um den Zusammenhang deutlich zu machen:
Zwischen Geschlecht (wie auch immer definiert) und Geschlechtsidentität besteht der gleiche Zusammenhang, wie zwischen Nationalität und nationaler Identität. Nationalität wird i.d.R. durch bestimmte Rechtsnormen definiert (jus sanguis, Zuwanderungsgesetze, Doppelte Staatsbürgescahft, etc.) eine nationale Identität beschreibt eine Haltung der Nationalität gegenüber. Ob jetzt ein Roland Koch von "Leitkultur" redet, oder Joschka Fischer eine gemeinsamme europäische Außenpolitik anstrebt - es geht um die nationale Identität. Nationale Identität ist im Begriff aufzubrechen (ob jetzt europäisch gedacht wird, oder gar kosmopolitisch, ob neue Identitäten entstehen, wie es der noch recht junge Begriff Afro-deutsch nehelegt), weg von einer starren Definition des "deutschen" Denkens (das seine Totalitäre Steigerung im 3. Reich fand). Das ein Mensch der sich als Europäer versteht seine nationale Identität abgelegt hat, steht außer Zweifel. Mit dem Wegbrechen dieser Identität geht aber keineswegs sein Sein an sich verlustig.

Geschlechtsidentitäten sind einem ähnlichen Pluralisierungsprozess unterworfen, es gibt nicht länger "die" männliche Identität, nur noch sich als männliche Identitäten selbst bezeichnende Splitteridentitäten (analog für weibliche Identitäten). Gleichzeitig entstehen Identitäten, die sich nicht mehr als männlich oder weiblich bezeichnen lasse, sondern quasi analog zum kosmopolitisch identifizierten gedacht werden können. Dieser Spaltungsprozess wird letztenendes dazu führen, daß solche Identitäten nur noch individuell gedacht werden können.

Kritikpunkt ist, daß "Geschlecht als Krise" bereits eine Interpretation darstellt; "Krise" setzt das subjektive Empfinden einer solchen voraus, da es ansonsten lediglich das Empfinden des Analysierenden ist.

Wenn du Geschlecht nicht als Kriese empfindest - warum schreibst du dann hier? Und es ist durchaus möglich den Begriff der Krise zu verallgemeinern, auch wenn die Ursache der Krise nicht zwingend als das Geschlecht erkannt wird (Lesetip: "Der gemachte Mann - Konstruktion und Krise von Männlichkeiten" von Robert W. Connell).

Jetzt fällt mir auch wieder ein, warum ich den Film beim ersten Mal nicht durchgehalten habe: Die Figuren waren überzeichnete Stereotypen, mit denen ich mich beim besten Willen nicht identifizieren konnte. Ein solches "Geschlechterbild" ist die Karikatur des wirklichen Lebens, das in jeder Beziehung differenzierter ist. Die Theorie über das Bild ist Theorie über eine Theorie, nicht die Realität.

Fight Club ist eine künstlerische Darstellung. Der Film will nicht "Realität abbilden" sondern durch seine Überzeichnung bestimmte Dinge kenntlich machen. Das Bild stellt also eine Theorie zur Diskussion.

Eine abschließende Bemerkung zum Film: Die "Lösung" des Problems, die Sprengung der (als Phallus-Symbole identifizierten) Wolkenkratzer, ist eine Scheinlösung - die symbolische Vernichtung des Geschlechtsbildes ist nur möglich durch Vernichtung der Kultur (Stadt) als solcher. Und wie die Protagonisten richten wir unser Augenmerk primär auf die ästhetische Seite dieses Fanals, denn eine wirkliche Lösung bietet es nicht ...

Aber danke für den Hinweis ;-)

"Du hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt", sagt der Narrator am Ende zu Marla. Die Lösung wäre ein ablegen der beiden gescheiterten Entwürfe (sowohl der archaischen, als "wahre" verstandenen Männlichkeit Tylers, als auch der domestizierten "metrosexuellen" Männlichkeit des Narrators zu Beginn des Films). Die Alternative zu finden belibt aber jedem selbst überlassen.

susu


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