Re: Fight Club!
Als Antwort auf: Re: Fight Club? von Andreas (der andere) am 12. Februar 2004 08:56:50:
"Kennst Du Fight Club? Ich finde, der Film ist eine hervorragende Einf�hrung in die Gender Studies, oder zumindest so lesbar?"
Ich hielt "Fight Club" bisher immer f�r die fr�hliche Reise eines von seinem Leben �berforderten Mannes in die Schizophrenie - eine "Einf�hrung in die Gender Studies"? Wie mu� er denn "gelesen" werden, um das zu so zu sehen?
Der Film setzt Gewalt in unmittelbaren Zusammenhang mit den Therapie- und Selbsterweckungsseminaren in der Methodistenkirche. Fincher hat - ähnlich wie Tyler, der Pornoausschnitte in Familienfilme einschneidet - ebenfalls viele Bildfetzen für nur eine Millisekunde in den eigenen Film eingeschnitten. Zuerst Brat Pitt/Tyler neben einem Betroffenen in der Hodenkrebsgruppe, Brat Pitt/Tyler im Kopierraum, Marla Singer in einer StraÃenszene - alles noch bevor Tyler/Norton Tyler/Pitt im Flugzeug kennenlernt. Nicht nur dadurch, sondern auch durch die Dialoge zwischen Tyler/Norton und Marla Singer wird die Kontinuität zwischen der friedfertigen Methodistenkirche und dem faschistoiden Fight Club hergestellt. Es handelt sich nicht um einen Bruch.
Ein Blick auf die Geschlechtsidentität der Männergruppen zeigt weiter das Personal auf und die Dialoge.
Tyler/Norton und Marla beim Aushandeln der Stundenaufteilung: Marla ist ein Simulantin, eine Elende-Touristin, sie hat gar keinen Hodenkrebs. Tyler ist ebenfalls ein Simulant. Ihm fehlt nichts.
"Ich habe noch eher eine Berechtigung in der Hodenkrebsgruppe zu sein als Du. Du hast immerhin noch Eier." (Marla zu Tyler/Norton)
Die Hodenkrebsgruppe selbst ist die kritische Reflexion des biologischen Geschlechts: vielen der Männer dort wurden schon die Hoden abgenommen, doch es kommt noch dicker:
"Bob hatte Weibertitten so groà wie die von Gott."
Mantra der Hodenkrebsgruppe: "Wir sind Männer. Still remaining men together."
Tatsächlich sind bei fast allen Anwesenden schon die Geschlechtsmerkmale hinweggefallen, insofern ist Marla gar nicht so fehl am Platze.
Späterer Dialog zwischen Marla und Tyler/Norton, als er dem Fight Club beigetreten ist:
"Ich habe jetzt was Besseres gefunden?"
"Was denn?
"Ist nur für Männer."
"So wie die Hodenkrebsgeschichte?"
Auch Bob mit seinen Weibertitten schafft es in den Fight Club. Ebenfalls sehr signifikant.
Die einzige Person, die von Anfang an weiÃ, daà Tyler/Tyler eine Person sind ist Marla Singer. Sie löst letztlich das Rätsel, so daà Tyler sich zurückerinnert. Schon am Anfang des Films (Exposition) kommt ein Satz, der ihre Rolle besonders stark macht: "daà der Schlüssel zu all dem, ein Mädchen namens Marla Singer ist." In der Folge wird dieser Satz bestätigt. Der Dialog zwischen Tyler und Tyler im Bad des zerfallenen Hauses ("Wir sind eine Generation von Männern, die nur von Frauen aufgezogen worden ist. Ich glaube nicht, daà eine Frau noch ernsthaft die Antwort auf unsere Fragen sein kann.") wird gerade zuletzt vollständig widerlegt.
Der Club selbst performiert eine Männlichkeit, die vollständig entindividualisiert ist ("Wir sind der singende Tanzende Abschaum der Welt", "Im Fight Club hat niemand einen Namen" etc.). Ein reiner Mann ist ein Mann, kein Individuum. Geschlechtsidentität ist eine Machtsstruktur, die nur schwer durchzuhalten ist. Wer ein Mann ist, ist kein Individuum mehr, sondern eine nachlabernde Phrasenmaschine (in dem Film). Der Film läÃt sich genausogut mit Frauen drehen, nur dann hieÃe er nicht Fight Club, sondern Kaffeekränzchen. Schizophrenie wäre bei beiden das Ergebnis.
Noch weiter: vor dem Anspann wird nochmals kurz ein Bild eingeschnitten, nachdem Marla und Tyler vor der Explosion des Finanzviertels stehen. Es ist das letzte Bild vor dem Abspann, der den Film beendet: der Penis, den Tyler in den Familienfilm eingeschnitten hat. Sehr signifikant. Doch, hier geht es um männliche Geschlechtsidentität. Wie auch weibliche ist sie per se schizophren. Und die Einschnitte von Pitt in die Hodenkrebsszene zeigt ja, daà Tyler schon von Beginn an schizo ist. Ich denke nicht, daà er überarbeitet ist. Er hat gerade mal wegen einer Rückrufaktion ein paar Tage StreÃ, wo er "andere Aufgaben zurückstellen muÃ", seine übliche gutbezahlte Bürotätigkeit, bei der so viel abfällt, daà er sich ein luxeriöses Appartment, Calvin Klein-Klamotten und Immobilien (das heruntergekommene Haus gehört ihm) leisten kann. Auch den Vormieter, der einen Roman aus der Sicht eines Organs in Ich-Form geschrieben hat (Jack) muà folglich von Tyler dort einquartiert worden sein. (Die Jack-Stellen sind ebenfalls sehr spannend, würde jetzt aber zu weit führen).
Es spricht insofern mehr dafür, daà Geschlecht selbst Identität und seine Krise in einem ist. Je mehr Geschlecht Tyler performiert (Fight Club für echte Kerle, die Hodenkrebsgruppe mit weinenden Männern), desto schizophrener und entindividualisierter geht es zu.
Anti-Sexistin
gesamter Thread:
- Fundstück -
susu,
11.02.2004, 23:27
- Re: Fundstück -
Anti-Sexistin,
12.02.2004, 00:12
- Re: Fundstück -
gaehn,
12.02.2004, 00:14
- Re: Fundstück - CnndrBrbr, 12.02.2004, 11:23
- Re: Fundstück - susu, 12.02.2004, 00:24
- Re: Fight Club? -
Andreas (der andere),
12.02.2004, 10:56
- Re: Fight Club! -
Anti-Sexistin,
12.02.2004, 13:53
- Re: Quintessenz? -
Andreas (der andere),
12.02.2004, 16:13
- Re: Quintessenz? - Anti-Sexistin, 12.02.2004, 18:51
- Re: Quintessenz? -
susu,
12.02.2004, 19:01
- Re: - Andreas (der andere), 13.02.2004, 01:10
- Re: Quintessenz? -
Andreas (der andere),
12.02.2004, 16:13
- Re: Fight Club! -
Anti-Sexistin,
12.02.2004, 13:53
- Re: Fundstück -
XRay,
12.02.2004, 11:40
- Re: Fundst�ck - Anti-Sexistin, 12.02.2004, 14:48
- Re: Fundstück - susu, 12.02.2004, 16:54
- Re: Fundstück -
gaehn,
12.02.2004, 00:14
- Re: Fundstück -
Anti-Sexistin,
12.02.2004, 00:12