Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche
Als Antwort auf: Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Odin am 12. Januar 2004 17:46:53:
Hallo Odin!
"Man kann also ruhig für etwas Werbung machen ohne gleich "befürchten" zu müssen, daß sich ALLE daran orientieren."
Ich hab ja auch nichts dagegen, Werbung für mehr Kinder zu machen. Daß Deutschland in Europa das Land mit der niedrigstens Geburtenrate ist, finde ich auch beunruhigend.
Kinder lösen aber keines unserer Probleme. Kinder zahlen beispielsweise nicht in die Rentenkassen ein, und wenn sie mal erwachsen sind, können sie das auch nur tun, sofern sie legale Erwerbsmöglichkeiten finden. Davon wird es aber definitiv immer weniger geben. DAS ist das große Problem. Wenn man das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen hat, dann muß man unbedingt eine Erhöhung der Geburtenraten in Angriff nehmen, aber ich denke, das würde dann von ganz allein eintreten.
Aber solange die Arbeitslosenzahlen weiter steigen, bringt uns eine Erhöhung der Bevölkerungszahl mehr Schaden als Nutzen.
"...Babys "konsumieren" ja bereits im Bauch und kurbeln so die Konjunktur an. Alles, was für sie vom Staat Ausgegeben wird, wandert sofort in den Konsum. Das ist also nichts anderes als ein Konjunkturprogramm!"
Solche "Konjunkturprogramme" sind für den Arsch. Es ist ja beispielsweise auch keine wirkliche Lösung, die Konjunktur durch mehr staatliche Aufträge anzukurbeln. Sowas kann man mal kurzzeitig machen, um eine kleinere Krise zu überbrücken oder ein einzelnes Unternehmen vor dem Ruin zu bewahren. Aber langfristig schadet so etwas mehr als es nützt. Weil die öffentlichen Kassen dafür mehr Geld ausgeben als sie dadurch dann wieder über Steuern und Abgaben herein bekommen.
Für solche "Konjunkturprogramme" bräuchten wir auch keine Kinder. Man könnte z.B. jeden Deutschen gesetzlich dazu zwingen, täglich eine Mindestmenge an Geld auszugeben, und zwar natürlich mehr als jetzt. Was würde das bewirken? Die Wirtschaft würde einen fetten Reibach einfahren, und der Staat würde entsprechend mehr an Steuern einnehmen. Viele Menschen wären dann aber schon Mitte des Monats pleite und müßten sich dann zwangsläufig beim Sozialamt melden. Die höheren Steuer- und Abgabeneinnahmen würden also durch höhere Sozialausgaben wieder ausgeglichen werden.
Wenn man Menschen mit Androhung von Rentenkürzungen dazu zwingt, Kinder zu bekommen, ist das im Endeffekt genau dasselbe. Die für die Kinder nötigen Ausgaben werden durch Kindergeld, diverse Steuerfreibeträge usw. teilweise ausgeglichen, und die durch den für Kinder nötigen Konsum erzielten höheren Steuereinnahmen sind so gleich wieder weg.
Zwar gibt es bei einem Anstieg des Konsums natürlich auch einen Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen. Aber dieser Anstieg fällt eben nicht proportional zum Konsum-Anstieg aus. Das läuft stufenweise ab. Zunächst einmal wird man die vorhandenen Mitarbeiter einfach Überstunden machen lassen. An der Maschinen-Ausrüstung ändert man zunächst auch nichts. Produktionsanlagen haben üblicherweise immer Überkapazitäten, die dann nach und nach ausgelastet werden.
So wirkt sich ein leichter Konsum-Anstieg auf den Arbeitsmarkt so gut wie gar nicht aus. Es ist also schon mal schwierig, solch einen Konsum-Zuwachs durch Zuzahlungen von außen anzukurbeln. Zwar verdienen manche Erwerbstätigen dann durch Überstundenzuschläge mehr, aber so groß ist der Unterschied wegen der höheren Steuerabzüge dann doch nicht. Und wer länger arbeiten muß, hat weniger Freizeit und konsumiert deshalb dann auch nicht unbedingt mehr. Außerdem sind in unsicheren Zeiten viele Menschen auch bemüht, finanzielle Reserven anzulegen, so daß der geringe Mehr-Verdienst dann häufig gespart wird. Die Banken legen dieses gesparte Geld wiederum aber nicht unbedingt in Produktionsanlagen an.
Erst wenn der erhöhte Konsum länger anhält, wird man neues Personal einstellen. Zunächst aber nur befristet, oder man holt sich Zeitarbeiter. Wenn letzteres der Fall ist, dauert es noch länger, bis sich der Konsum-Anstieg auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Bei Zeitarbeitsfirmen läuft es nämlich teilweise so, daß sie, wenn sie Leute nicht vermittelt bekommen, denen einen gewissen Grundlohn zahlen, und daß die Leute dann einfach zu Hause bleiben. Kommen wieder Nachfragen rein, aktiviert man das vorhandene Personal einfach. Man stellt dann also auch erstmal niemanden neu ein.
Erst wenn die erhöhte Nachfrage wirklich über einen langen Zeitraum anhält, wird zusätzliches Personal fest eingestellt. Parallel wird man aber immer versuchen, Neueinstellungen durch Rationalisierungen zu vermeiden. Vor allem, wenn man durch eine langanhaltende Erhöhung der Nachfrage ohnehin neue Maschinen anschaffen muß.
Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, um erhöhte Nachfrage zu befriedigen: Man kann die zusätzliche Produktion einfach im Ausland erledigen lassen. Dann wirkt sich erhöhte Nachfrage auf den hiesigen Arbeitsmarkt natürlich gar nicht aus.
"D.h. bei 10% Arbeitslosen werden im schlimmsten Fall auch die dann kommenden Babys nur zu 10% arbeitslos sein, der Rest findet Arbeit."
Aber eben nur, wenn die Arbeitslosenquote bei 10 % bleibt. Durch Rationalisierungsmaßnahmen steigt sie aber nun schon seit 30 Jahren. Ich sehe keinen Grund, wieso diese Tendenz sich nicht weiter fortsetzen sollte.
Außerdem ist es ja so, daß ein Baby bei der Geburt leider kein Geld mitbekommt. Zunächst wird es von den Eltern finanziert, was ihnen aber durch die stagnierenden oder sogar sinkenden Realeinkommen bei steigenden Lebenshaltungskosten immer schwerer fällt. So werden Kinder die öffentlichen Kassen in Zukunft stärker belasten. Wenn sie dann erwachsen sind, können sie nur dann viel konsumieren, wenn sie auch Erwerbsmöglichkeiten haben. Kein Unternehmen wird nur deshalb neues Personal einstellen, weil der Chef hofft, durch die so steigende Kaufkraft mehr Absatz zu erzielen. Also bleiben die Jugendlichen dann arbeitslos. Zwar könnten sie theoretisch wie die Wilden konsumieren - wenn sie denn Arbeit und Geld hätten. Da sie das aber nicht haben, ist eben nichts mit Konsum. Und obendrein fallen sie den öffentlichen Kassen weiterhin zur Last. Die werden darauf reagieren, indem sie das soziale Netz immer weiter ausdünnen, so daß immer mehr Menschen komplett hindurch fallen werden.
Dann kommt auch noch der Faktor Kriminalität dazu. Wenn man Menschen chancenlos im Regen stehen läßt, neigen sie dazu, sich dann eben mit Gewalt zu holen, was sie anders nicht bekommen. Die Kriminalitätsrate wird also weiter ansteigen, und das wird der Wirtschaft und auch privaten Haushalten enorme Schäden bringen.
"Im übrigen, wie Du weißt, bin ich ohnehin der Überzeugung, daß die jetzigen Arbeitslosenzahlen in 5 Jahren Geschichte sind und wir wieder zur Vollbeschäftigung zurückkehren. Schon weil viele aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden und wenige nachrücken."
Du glaubst ernsthaft, daß wir schon in 5 Jahren keine Arbeitslosen mehr haben? Deinen Optimismus hätte ich auch gern... Ich vermute, daß wir in 5 Jahren schon mindestens 5-6 Millionen Arbeitslose haben werden. Natürlich offiziell - inoffiziell werden die Zahlen wie auch heute schon deutlich höher sein.
Dann mußt du noch bedenken, daß in Zukunft immer mehr Menschen über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten müssen. Weil sie sonst nämlich keine Renten mehr bekommen werden, von denen sie noch leben können. Noch bekommen Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ausreichende Renten. Das wird sich aber schon bald ändern.
Im übrigen haben wir doch gerade in Deutschland schon gesehen, wie sich ein Zuwachs der Bevölkerungszahl auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Als 1990 der ostdeutsche Markt geöffnet wurde, hat sich das vor allem auf die westliche Wirtschaft zunächst sehr positiv ausgewirkt. Die Menschen im Osten hatten einen enormen Nachhol-Bedarf an diversen Konsumgütern, und im Westen stellten viele Unternehmen neue Mitarbeiter ein. Nur stieg dafür die Arbeitslosenzahl im Osten umso schneller an. Unter'm Strich hat der Bevölkerungszuwachs keine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gehabt - die Arbeitslosenzahlen sind weiter gestiegen. Auch die immensen Fördermittel, die vom Staat an die Wirtschaft geflossen sind, haben die Situation offensichtlich nicht verbessert.
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Nick,
10.01.2004, 16:44
- So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern -
Sam,
10.01.2004, 17:01
- DER SPIEGEL vor gut 3 Jahren - Nick, 10.01.2004, 18:38
- In Puncto "Justiz" und "Schleudersitz" - mal etwas fundamentaler betrachtet - Nick, 10.01.2004, 18:53
- Die "Ressource" Baby -
Sven,
11.01.2004, 12:59
- Absolut richtig, Sven! (n/t) - Andreas, 11.01.2004, 15:52
- Re: Die "Ressource" Baby -
Odin,
11.01.2004, 17:22
- Re: Die "Ressource" Baby - gaehn, 12.01.2004, 12:05
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Garfield,
12.01.2004, 13:41
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Odin,
12.01.2004, 19:46
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche - Garfield, 13.01.2004, 15:42
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Odin,
12.01.2004, 19:46
- So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern -
Sam,
10.01.2004, 17:01