Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche
Als Antwort auf: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche von Nick am 10. Januar 2004 14:44:50:
Hallo allerseits!
Diesen Spiegel-Artikel finde ich schwachsinnig, weil er wieder mal an den wirklichen Problemen vorbei polemisiert.
Was würde es uns denn jetzt wohl bringen, wenn wir plötzlich allesamt massenweise Kinder zeugen würden? Zunächst einmal wären die öffentlichen Kassen durch die dafür fälligen Kindergeldzahlungen, die Zuzahlungen für Kindertagesstätten, Mindereinnahmen an Steuern usw. hoffnungslos überlastet. Man würde also nach und nach das Kindergeld senken, Kosten für Kindertagesstätten noch stärker auf die Eltern abwälzen und auch Steuervorteile für Berufstätige mit Kindern reduzieren. Dann wäre es wirklich bald so, daß Kinder arm machen.
Wenn die Kinder dann aber ins erwerbsfähige Alter kommen, würden die Arbeitslosenzahlen schnell ansteigen. Zwar hat die Erhöhung der Bevölkerungszahl einen gewissen Anstieg des Konsums und damit eine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zur Folge, es ist jedoch sehr naiv, zu glauben, daß dieser Anstieg des Bedarfs an Arbeitskräften proportional zur Erhöhung der Bevölkerungszahl verläuft. Da die Produktion und auch die Erbringung von immer mehr Dienstleistungen in Deutschland bereits sehr stark automatisiert ist, hätte ein Anstieg der Bevölkerungszahl nur relativ geringe Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Und wenn beispielsweise auf 1000 neue Arbeitslose 1 neuer Erwerbstätiger kommen würde, dann bringt das den öffentlichen Kassen unter'm Strich weit mehr Schaden als Nutzen. Die Situation würde sich also durch Erhöhung der Bevölkerungszahl nicht verbessern, sondern sogar noch verschlimmern.
Wieso wird trotzdem so getan, als wäre eine Zunahme der Geburtenzahlen das Allheilmittel für sämtliche Probleme in Deutschland?
Das wird ganz einfach deshalb behauptet, weil sich die diversen Probleme in Deutschland dauerhaft nur durch einen radikalen Umbau des gesamten Systems lösen lassen, den aber zumindest in Politik und Wirtschaft niemand in Angriff nehmen will. Also wartet man eben weiter tatenlos auf irgendeinen imaginären Aufschwung, der so natürlich niemals kommen wird. Und mit Maßnahmen wie Rentenkürzungen für Kinderlose glaubt man den totalen Zusammenbruch des Systems immerhin noch etwas hinauszögern zu können.
Ich selbst habe auch keine Kinder. Die Gründe dafür kann ich hier auch schreiben:
Der Hauptgrund besteht einfach darin, daß meine Partnerin aus medizinischen Gründen momentan nicht schwanger werden darf. Ändern können wir das nicht - es ist eben so. Ich gehe jetzt nicht fremd, zeuge dabei Kinder und hänge mir immense Unterhaltszahlungen an, nur weil irgendwelche Wirrköpfe behaupten, daß Kinder irgendwelche nationalen Probleme lösen würden.
Aber auch wenn es dieses Hindernis nicht gäbe, würden wir momentan keine Kinder wollen. Und zwar aus mehreren Gründen:
Vor allem gehören wir zu der Generation, die aus dem sogenannten "Generationenvertrag" nur die A-Karte ziehen wird. Jetzt dürfen wir das deutsche Sozialsystem mit unseren Steuern und Beiträgen finanzieren, was uns viel Geld kostet und uns daran hindert, privat ausreichend fürs Alter vorzusorgen. Später, wenn wir dann alt sind, wird es dieses Sozialsystem in der heutigen Form nicht mehr geben. Das heißt, wir zahlen jetzt jeden Monat zusammen eine vierstellige Euro-Summe zur Finanzierung dieses Sozialsystems, kriegen aber später kaum noch etwas heraus. Da Miete einer der wesentlichsten Kostenfaktoren ist und da auch staatlicherseits nicht viel bis gar nichts dafür getan wird, diesen und andere Faktoren, die die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch treiben, abzumildern, ist ein eigenes Haus die beste Altersvorsorge. Einfach weil man sich so im Alter wenigstens die Miete spart. Da ein Haus in Deutschland aber nicht billig ist, sparen wir alles Geld, das wir übrig haben, dafür.
Der zweite Grund ist folgender: Wenn ich jetzt Vater wäre, und mein Kind würde mich fragen, was ich ihm bezüglich Berufswahl rate, dann wüßte ich wirklich nicht, was ich ihm sagen sollte. Schon jetzt finden viele Jugendliche noch nicht einmal eine Lehrstelle, von Erwerbsmöglichkeiten ganz zu schweigen. Das wird sich in Zukunft noch verschlimmern.
Es gibt zwar Berechnungen, die ergeben, daß wir in einigen Jahrzehnten in Deutschland Arbeitskräfte-Mangel haben werden. Die gehen aber allesamt von falschen Grundlagen aus, nämlich davon, daß nicht weiter rationalisiert wird. Vor 10 Jahren kündigte Helmut Kohl auch noch bei jeder Gelegenheit die vielen neuen Jobs im Dienstleistungssektor an, die es angeblich bald geben würde. Mittlerweile redet niemand mehr davon - weil längst offensichtlich ist, daß es diese neuen Jobs nicht in diesem Umfang gibt und auch niemals geben wird. In Kundendienst-Telefon-Zentralen beispielsweise werden zunehmend Maschinen zur Beantwortung der Anrufe eingesetzt. Auch im Transportwesen wird in Zukunft vieles automatisiert werden. Vollautomatische unterirdische Transportsysteme werden bereits getestet. Auch vollautomatische Supermarktkassen sind längst entwickelt und werden sich in Zukunft nach und nach auch hierzulande durchsetzen. Das wird weitere Millionen Menschen in die Erwerbslosigkeit treiben.
Wer glaubt, die jetzigen Arbeitslosenzahlen sind der Gipfelpunkt, der irrt sich gewaltig. Sie sind erst der Anfang.
Auch Lohnsenkungen werden daran nicht viel ändern. Teilweise werden sie dazu führen, daß auf Rationalisierung verzichtet wird. Der Konsum wird dann jedoch durch sinkende Einkommen weiter zurück gehen. Das wird die Preise runter drücken, und irgendwann ist dann doch unweigerlich der Punkt erreicht, an dem Maschinen doch wieder billiger sind.
Zumal die Lohnkosten ja auch bei weitem nicht der einzige Grund für Rationalisierungsmaßnahmen sind. Maschinen arbeiten häufig genauer als Menschen, und sie sind unermüdlich. Es ist häufig überhaupt kein Problem, eine Maschine 24 Stunden täglich und an 7 Tagen pro Woche durchlaufen zu lassen.
Alle Äußerungen, die Lohnkürzungen oder Erhöhung der Geburten- oder Zuwandersungszahlen als Lösung irgendwelcher Probleme hinstellen, sind nur dummes Geschwätz.
Tatsächlich lassen sich die jetzigen Problem nur lösen, indem man Wege findet, mit denen die zunehmende Rationalisierung nicht mehr nur wenigen nutzt und der Mehrheit der Bevölkerung schadet.
Außerdem kann man nicht erwarten, daß sich Menschen treu und brav abrackern, ihre Sozial- und Rentenbeiträge zahlen und als Dank dafür dann im Alter, obwohl sie die meisten Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt haben, die niedrigsten Renten bekommen. Darauf werden sehr viele Menschen entweder mit Auswanderung oder mit Schwarzarbeit reagieren. Und das verschärft die bestehenden Probleme dann noch weiter.
Wer die Geburtenraten erhöhen will, ist gut damit beraten, den Menschen endlich wieder positive Perspektiven zu geben. Solange es so weiter geht wie bisher, darf man sich aber nicht wundern, wenn so viele Deutsche pessimistisch in die Zukunft sehen und dann eben konsequenterweise auch keine Kinder mehr in die Welt setzen möchten.
Helfen würde wohl auch, wenn Unterhaltszahlungen für Kinder gerecht nach tatsächlichem Bedarf des Kindes festgelegt werden würden. Und wenn Unterhaltsansprüche für Ex-Partner nach Scheidungen abgeschafft werden würden. Solange Männer befürchten müssen, als Zahlsklaven abgezockt zu werden, wird sich ihre Neigung dazu, eine feste Bindung mit einer Frau einzugehen und mit dieser Frau auch Kinder zu zeugen, wohl nicht gerade verstärken.
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Nick,
10.01.2004, 16:44
- So sag ich Dir: ich kann mich nicht erinnern -
Sam,
10.01.2004, 17:01
- DER SPIEGEL vor gut 3 Jahren - Nick, 10.01.2004, 18:38
- In Puncto "Justiz" und "Schleudersitz" - mal etwas fundamentaler betrachtet - Nick, 10.01.2004, 18:53
- Die "Ressource" Baby -
Sven,
11.01.2004, 12:59
- Absolut richtig, Sven! (n/t) - Andreas, 11.01.2004, 15:52
- Re: Die "Ressource" Baby -
Odin,
11.01.2004, 17:22
- Re: Die "Ressource" Baby - gaehn, 12.01.2004, 12:05
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche -
Garfield,
12.01.2004, 13:41
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Odin,
12.01.2004, 19:46
- Re: SPIEGEL-TITEL der vergangenen Woche - Garfield, 13.01.2004, 15:42
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Odin,
12.01.2004, 19:46
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Sam,
10.01.2004, 17:01