Re: Email an Petra Heß
Als Antwort auf: Re: Email an Petra Heß von Joachim am 08. September 2003 08:09:29:
Hallo Joachim!
"Darüber hinaus ist die bundesrepublikanische Demokratie so gefestigt, dass eine solche Situation, wie sie in der Weimarer Republik bei der Wehrmacht entstand, heute undenkbar ist."
Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, woher diese Angst vor einem "Staat im Staate" kommt. In der Weimarer Republik hat es zwar Putschversuche unter Beteiligung von Ex-Militärs gegeben, aber die Hauptursache dafür lag eben vor allem darin, daß Deutschland vor dem (und erst recht im) Ersten Weltkrieg ein hochgerüstetes Land mit einer entsprechend großen Armee war, von der dann nach dem Versailler Vertrag nicht mehr viel übrig blieb. So sind viele Berufssoldaten auf die Straße gesetzt worden, die im Zivilbereich angesichts der schlechten Wirtschaftslage nur schlechte oder gar keine Jobs fanden. Das erhöhte natürlich bei ihnen die Neigung dazu, sich radikalen Gruppen anzuschließen. Trotzdem konnte sich die Weimarer Republik zunächst behaupten.
Die Nazis sind dann nicht etwa durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, sondern man machte Hitler zum Reichskanzler, was er dann dazu nutzte, um der NSDAP vollends den Weg zur Macht zu ebnen. Die Reichswehr war dabei eher ein Faktor, der Hitler eventuell gefährlich werden konnte. Zwar kamen seine Revance-Fantasien einigen Militärs durchaus entgegen, die sich natürlich von einer Vergrößerung der Armee bessere Aufstiegschancen erhofften. Das betraf aber nicht die Generale auf der obersten Ebene - die hatten nämlich so oder so bereits hohe Posten inne. Die waren höchstens daran interessiert, daß die Reichswehr nicht verkleinert wird. Da der Versailler Vertrag die Reichswehr aber sowieso zahlenmäßig sehr beschränkt hatte, war das kaum zu befürchten.
Viele Militärs standen den Nazis anfangs aber auch sehr skeptisch gegenüber. Denn es gab in der NSDAP eine starke Gruppe unter der Führung des SA-Chefs Röhm, die Polizei und Armee abschaffen und durch die SA ersetzen wollte. Das konnte den etablierten Militärs natürlich gar nicht recht sein. Dann wären nämlich alle hohen Posten mit SA-Leuten besetzt worden.
Hitler fand sich so in einer unangenehmen Situation wieder. Trotz seiner Abneigung gegen hohe Militärs wußte er, daß er sie brauchen würde, um seine Ziele zu verwirklichen. Trotz seiner Sympathie für Röhm und dessen Pläne wußte er, daß zu weitgehende Reformen ihm Feinde in der Reichswehr und auch in der Wirtschaft schaffen könnten. Deshalb gab er Röhm nicht nach und versicherte der Reichswehrführung, daß es keine Abschaffung der Reichswehr geben würde. Im Sommer 1934 wurden dann in einer Blitzaktion über Nacht fast die gesamte SA-Führung und so nebenbei noch andere unbequeme Personen durch Himmlers SS liquidiert.
Das beruhigte viele Militärs. Aber vielen saßen auch noch die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in den Knochen. So sahen sie Hitlers zunehmend aggressive Außenpolitik mit Skepsis. Als er drauf und dran war, Deutschland zur Eroberung der Tschechei in einen Krieg mit England und Frankreich zu stürzen, gab es bereits hohe Militärs, die sich gegen Hitler verschworen und vereinbarten, ihn zu stürzen, falls es wirklich zum Krieg kommt. Die Westmächte lenkten jedoch ein, Hitler bekam seinen Willen, und so gab es auch keinen Versuch der Militärs, ihn zu stürzen. Bis 1944 - da klinkten sich bekanntlich auch Offiziere und sogar hohe Generäle der Wehrmacht in den Widerstand gegen Hitler ein. Zwar blieben sie leider erfolglos, aber das zeugt doch davon, daß auch Berufssoldaten keineswegs immer blind jedem Befehl folgen.
In Deutschland gibt es heute kein großes Heer ehemaliger Berufssoldaten, die nur darauf warten, wieder zum Einsatz zu kommen. Zwar wurde die Bundeswehr in den letzten Jahren verkleinert, und die Armee der DDR wurde aufgelöst, aber die Ex-Soldaten haben mittlerweile längst neue Jobs oder aber sind durch unser Sozial- und Renten-System versorgt. Das war in der Weimarer Republik nicht im selben Maße der Fall - und trotzdem hat es damals keinen erfolgreichen Militärputsch in Deutschland gegeben. Wieso sollte so etwas also jetzt passieren, wenn wir eine Berufsarmee hätten?
Dazu kommt noch, daß Wehrpflichtige in der Armee nicht wirklich etwas zu sagen haben. Sie sind Befehlsempfänger und stehen dabei ganz unten in der Hierarchie. Im Ernstfall haben sie die Wahl, entweder zu gehorchen oder aber eingesperrt oder im Extremfall sogar erschossen zu werden. Wie sollten sie da irgendetwas verhindern können?
Dann muß man noch bedenken, daß die Wehrpflichtigen seit Einführung des Zivildienstes nicht mehr dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen. Jeder echte Pazifist macht heute Zivildienst, kommt also gar nicht erst in die Bundeswehr. Wenn es also tatsächlich noch Leute gibt, die den Militärdienst für ein Abenteuer halten, dann werden die durch die deutsche Wehrpflicht ja geradezu in die Bundeswehr hineinsortiert.
So ist die Bundeswehr in gewisser Weise schon jetzt so etwas wie eine Berufsarmee. Und alle Argumente für die Wehrpflicht sind so betrachtet vollkommen lächerlich.
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- Pro-Wehrpflicht von der SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß -
pit b.,
06.09.2003, 21:04
- Re: Pro-Wehrpflicht von der SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß -
Dieter,
07.09.2003, 11:14
- Sag ich doch - pit b., 07.09.2003, 18:22
- Re: Email an Petra Heß -
Joachim,
08.09.2003, 11:09
- Re: Email an Petra Heß - Garfield, 08.09.2003, 18:09
- Re: Email an Verteidigungminister Struck - Macht bitte mit! - Joachim, 08.09.2003, 13:28
- noch eine e-mail an Petra Heß - reinecke54, 08.09.2003, 18:54
- Re: Pro-Wehrpflicht von der SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß - Maesi, 13.09.2003, 14:18
- Re: Pro-Wehrpflicht von der SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß -
Dieter,
07.09.2003, 11:14