Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Dem Seite-Eins-Mädchen droht nun das Aus

Garfield, Friday, 27.06.2003, 14:39 (vor 8258 Tagen) @ Ferdi

Als Antwort auf: Re: Dem Seite-Eins-Mädchen droht nun das Aus von Ferdi am 26. Juni 2003 10:42:28:

Hallo Ferdi!

"Ich lese Deine gut verfassten Beiträge immer mit besonderer Freude, auch weil wir in vielem gleicher Auffassung sind."

Danke, gleichfalls!

Ich kann deinen Standpunkt durchaus nachvollziehen. Wenn ein Mann sich in der Öffentlichkeit leicht bekleidet oder gar nackt zeigt, ist er eine Schwuchtel oder ein Exhibitionist - auf jeden Fall aber völlig daneben. Bei Frauen dagegen wird das alles nicht so eng gesehen.

Ich sehe das Problem aber gar nicht darin, daß Frauen auch in der Hinsicht mehr Freiheit zugestanden wird, sondern vor allem darin, daß Männer diese Freiheit in der Regel nicht haben.

Ist es für dich wirklich eine sexuelle Belästigung, wenn du eine nackte oder leicht bekleidete Frau siehst?

Ich fühle mich allein durch Nacktheit grundsätzlich nicht sexuell belästigt. Dabei spielt es für mich auch keine Rolle, welchem Geschlecht die nackte oder leicht bekleidete Person angehört und ob dieser Mensch attraktiv ist oder nicht. Wenn mir gefällt, was ich sehe, empfinde ich das als angenehm, ansonsten ist es mir einfach egal.

Man sieht ja auch immer wieder in der Öffentlichkeit Statuen, die nackte Menschen zeigen, und auf manchen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert sind ebenfalls manchmal nackte Menschen nach dem Vorbild antiker Statuen dargestellt. Wenn das nicht anstößig ist, wieso soll dann ein nackter Mensch aus Fleisch und Blut anstößig sein?

Im Zusammenhang mit den leichtbekleideten Auftritten mancher Sängerinnen in Videoclips und auf Live-Konzerten hast du dich ja schon mehrfach dafür ausgesprochen, daß man mehr auf die Qualität der Lieder achten sollte als auf den Körperbau der Interpretinnen. Das sehe ich ganz genauso, denn ich bin auch der Meinung, daß heute in vielen Bereichen viel zu sehr auf den schönen Schein geachtet wird als auf echten Inhalt.

Aber gerade deshalb spielt es für mich eben keine Rolle, welche Kleidung ein Mensch trägt. Wenn ich z.B. in irgendein Amt gehe, kann der Mensch, den ich dort antreffe, von mir aus auch nackt, im Clowns-Kostüm oder sonstwie da sitzen. Das ist mir völlig egal - wichtig ist mir nur, daß ich bekomme, was ich möchte.

Ich finde es durchaus nicht unangenehm, daß Shakira & Co. in ihren Videoclips knappe Kleidung bevorzugen. Ganz im Gegenteil: Manchmal, wenn ich abends ausnahmsweise mal Langeweile habe, von einem Fernsehkanal zum nächsten schalte und dabei zufällig auf ein Rap-Video stoße, in dem jede Menge attraktive und leicht bekleidete Frauen zu sehen sind, kommt es schon mal vor, daß ich mir das Video nur deshalb ansehe. Ich mag zwar keine Rap-Musik, aber den Ton kann man ja abschalten. :-) Deshalb kaufe ich mir aber noch lange nicht die CD. Es kann auch sein, daß ich z.B. auf ein Metallica-Video stoße und mir das dann ansehe, obwohl darin keine einzige Frau vorkommt. Und weil mir da die Musik gefällt, kaufe ich mir eben die CD. Und zwar nur, weil mir die Musik gefällt.

Offenbar handhaben manche CD-Käufer das anders. Man muß aber auch bedenken, daß gerade Musik-CDs vorwiegend von Kindern und Jugendlichen gekauft werden, die kaum Lebenserfahrung haben und in der Pubertät auch noch von Hormonen überschwemmt werden. So wird dann schon mal eine CD nicht wegen der Musik gekauft, sondern weil der Sänger oder die Sängerin so süß aussieht. Darauf stellt sich die Musik-Branche natürlich ein.

Ich glaube aber nicht, daß die Frauen, die bei ihren öffentlichen Auftritten knappe Kleidung bevorzugen, das immer nur aus kommerziellen Gründen tun.

Nehmen wir mal Madonna. Sie war schon in den 80ern ein großer Star, hatte einen etablierten Namen und es deshalb kaum nötig, durch freizügige Auftritte Werbung für ihre CDs zu machen. Trotzdem brachte sie in den 90ern ihr Buch "Sex" heraus und drehte auf einmal Videoclips, die faktisch schon fast Soft-Pornos waren. Überall erschienen auf einmal Nackt-Fotos von ihr. Das alles hat ihr viel Kritik eingebracht, und sie hat dadurch vielleicht neue Fans gewonnen, dafür aber auch alte Fans verloren, die sich mit ihrem neuen Image überhaupt nicht abfinden, geschweige denn identifizieren konnten.

Oder Kylie Minogue. Heute gilt sie als Sex-Ikone, aber das war nicht immer so. Bekannt geworden ist sie in den 80ern zunächst durch eine australische Fernsehserie, in der sie die Rolle des braven Mädchens von nebenan spielte. Als sie ihre Musikkarriere startete, behielt sie dieses Image bei, wahrscheinlich vor allem auf Drängen der Plattenfirma und/oder ihres Managers. Das funktionierte gut, denn sie hatte ja schon in den 80ern einige Titel weit oben in den Charts. Dann trat sie auf einmal in Dessous auf und machte auf Sex-Queen. Dieser Image-Wandel war noch krasser als der von Madonna und brachte ihr entsprechend durchaus auch Kritik ein. Viele Fans wollten in ihr weiterhin das nette Mädchen von nebenan sehen und keine Frau, die sich in Strapsen mit Tänzern auf der Bühne rekelt.

Trotzdem hat sie das durchgezogen. Und ich glaube nicht, daß sie das getan hat, um mehr Platten zu verkaufen. Nein, ich denke, sie hatte es einfach satt, immer nur das biedere, brave Mädchen spielen zu müssen und wollte auch mal eine ganz andere Seite von sich ausleben.

Und ich denke, daß genau das für viele Menschen der Grund ist, so etwas zu tun. Wieso beispielsweise lassen sich immer wieder prominente Frauen für den "Playboy" nackt fotografieren? Die haben es oftmals gar nicht nötig, ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, weil sie bereits einen etablierten Namen haben und mehr als gut im Geschäft sind. Und die Honorare, die der "Playboy" dafür zahlt, sollen ja auch nicht gerade üppig sein. Eine Frau antwortete mal auf die Frage, wieso sie sich für den "Playboy" hat fotografieren lassen, daß es für sie eine Ehre gewesen wäre.

Wer empfindet es nicht als positiv, als attraktiv angesehen und begehrt zu werden? Und die Leute, die als Foto-Modelle oder ähnlich ihr Geld verdienen, verbinden damit oft nur das Angenehme mit dem Nützlichen.

Natürlich wird man so gewissermaßen auch zum Sex-Objekt, aber ist das wirklich so schlimm?

Ich finde, man sollte den Menschen, die sich freiwillig und gern freizügig präsentieren, diese Freiheit auch lassen. Wem's nicht gefällt, der kann ja wegsehen.

Gesetze sollten eigentlich dazu da sein, Menschen davor zu bewahren, einander zu schaden. An Aufnahmen von leicht oder gar nicht bekleideten Menschen kann ich aber wirklich nichts Schädliches entdecken. Deshalb halte ich es für falsch, dort gesetzlich einzugreifen und bin darüber hinaus der Meinung, daß das schon jetzt viel zu stark geschieht.

Ich finde, die Justiz hat genügend wichtigere Aufgaben, als sich damit zu befassen, ob irgendein Cover-Foto nun wohl zu freizügig ist oder nicht.

Es stimmt schon, daß viele Menschen heute dazu neigen, die Scheinwelten, die ihnen die Medien vorgaukeln, für real zu halten. Aber was kann man dagegen tun? Man kann kein Gesetz dagegen erlassen, sondern bestenfalls selbst mit gutem Beispiel voran gehen und sich eben nicht immer nur vom schönen Schein beeinflussen lassen.

Freundliche Grüße
von Garfield


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