Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Männer und ihre Kinder

Sad, Tuesday, 20.05.2003, 20:47 (vor 8296 Tagen)

Ich schreibe diesen Brief, weil ich Angst habe, und weil diese Angst mich überwältigt, an mir frißt und mich immer weiter zerstört. Es widerstrebt mir eigentlich, mein Innerstes so in die Öffentlichkeit zu tragen, auch wenn das Internet als ein "anonymes" Medium gilt. Aber ich habe hier niemanden, der es begreifen würde (auch wenn man mir zuhört). Ich möchte mich hier nicht über die unzähligen kleinen Spitzen auslassen, die täglich nach mir zu schleudern man aufgrund meines Geschlechts wohl als gerechtfertigt empfindet - dazu sind es zu viele. Auch will ich nicht abstreiten, daß Frauen ebenfalls mit solchen Spitzen zu kämpfen haben, wenngleich ich nicht glaube, daß allein der Umstand, Frau zu sein, so oft als Grundlage für abschätzige Bemerkungen genommen wird. Ich will mich nur auf das konzentrieren, was mich am meisten mitnimmt, und wofür ich keine Lösung finde: Kinder. Der Traum von einer Familie. Liebe.

Ich kann nicht den Anspruch erheben, objektiv zu sein. Ich beschreibe nur, was ich sehe und was mich gefühlsmäßig berührt. Ich halte mich in dieser Beziehung trotzdem für recht wach, weil mir viele Sachen auffallen, über die andere leicht hinweggehen. Ich bin mir bewußt, daß es eine Debatte um die Rechte der Väter gibt. Ich habe die Bücher von Matthias Matussek und Karin Jäckel gelesen. Sie geben Anlaß zur Hoffnung, und es wäre zu wünschen, daß sie mit ihren Schriften viele Menschen erreichten. Andererseits sind die Ursachen sicher zahlreicher, als es den Anschein hat. Eine große Rolle spielt sicher auch, wie wir in der Gesellschaft von Vätern und Müttern selbst denken.

Ich hatte gestern zufällig einmal in ein altes Schulbuch geschaut. Es ist interessant, wie sich die Sicht wandelt, dann als ich es früher gelesen habe, viel mir nichts Ungewöhnliches daran auf. In diesem Buch wurde die Meinung vertreten, daß es qualitativ für das Kind keinen Unterschied mache, ob die Mutter alleinerziehend sei oder mit dem Vater zusammen lebe. Lediglich für die Mutter könne es schwerer allein sein. Wollte man diese Aussage in eine Formel bringen, so ließe sich "Vater" aus der Bedeutung für das Kind damit heraus kürzen. So etwas lernt man hier von klein auf - als Kind, als Jugendlicher, später. Ist der Vater damit noch nicht abgeschafft, tun verschiedene andere Mechanismen ein übriges, seine Bedeutung in jener Gleichung weiter zu minimieren. Jedes kleine Mädchen weiß, daß es später einmal Kinder will, wie viele und wann. Das ist ja vielleicht nicht verkehrt, nur richten sich die Familienpläne nicht nach dem Partner, sondern der Partner hat sich nach den Familienplänen zu richten. Aber letztendlich ist ein Partner auch überhaupt nicht notwendig: die Reproduktionsmedizin erlaubt es jeder Frau, das ganz alleine zu entscheiden. Sie wünscht sich ein Kind und sie erhält die Mittel dazu. Sie muß nicht fragen, sondern kann das alles alleine entscheiden. Es gibt keine Gesetze, die es Frauen verbieten oder sie zwingen, ein Kind zu bekommen. Von dieser Sache sind Männer auch juristisch in jeder Hinsicht ausgenommen - es ist, als spielten sie keine Rolle. Also behandelt man sie auch so.

Kinder sind schon längst nicht mehr Resultat einer Beziehung zweier Liebenden. Vielmehr haben sie den Wert eines "Luxusartikels", eines Geschenkes, daß man sich macht. Ich weiß, daß diese Aussage überspitzt klingt. Ich möchte damit nur auf einen Sachverhalt in unserem Denken hinweisen: Der Vater spielt keine Rolle. Frauen können Kinder bekommen, ob sie nun einen Partner wollen oder nicht. Es wird als ihr Recht verstanden, wofür - im Falle einer künstlichen Befruchtung - sogar unter Umständen die Krankenkasse (Allgemeinheit) aufkommt. Keinesfalls ist ihre Entscheidung für ein Kind abhängig von der des Mannes, denn sie kann sie alleine treffen. - Andererseits (und das stützt vielleicht meine Bezeichnung des Kindes als "Luxusartikel") zwingt auch niemand die Frauen, die Kinder, die sie nicht wollen, zu bekommen oder für sie zu sorgen. Das reicht von der "Pille danach" über den "Abtreibungstourismus" in den Städten nahe der holländischen Grenze bis hin zu den in Berlin mit dem Slogan: "Wir nehmen Dein Kind, wenn es keiner will. Keine Namen. Keine Fragen." beworbenen Babyklappen sowie der fortwährenden Möglichkeit, das Kind im Falle der Überforderung zur Adoption freizugeben.

Um mich dem Vorwurf zu entziehen, ich würde nur theoretisieren, möchte ich hier sagen, daß diese Überlegungen aufgrund der realen Situation entstanden sind. In meinem näheren Bekanntenkreis gibt es neun(!) Frauen, die sich ohne den Willen des Mannes schwängern ließen, sei es mit bewußter Täuschung oder einfachem mit Verschweigen. (Auf diese neun kommt eine, bei der das Kind in der Beziehung kam. Eine andere "probt" noch ;-). Drei taten es, um den Mann an sich zu binden; bei den anderen wurde der Vater in die Wüste geschickt, noch bevor das Kind geboren war - natürlich nicht ohne ihn als Zahlvater anzugeben. (Eine Ausnahme: hier hielt die Beziehung noch zwei Jahre, in denen die Frau allerdings einen anderen Nebenher hatte, was der Vater aber tolerierte, da es der einzige Weg war, bei seinem Sohn zu sein. Nach dieser Zeit hat er ihn 19 Jahre nicht mehr sehen dürfen; sie untersagte den Umgang, zog fort, ohne die Adresse zu hinterlassen und ließ das Kind vernachlässigen; Schläge. Sein einziger Trost war, wenn er seinen Sohn nach der Schule abfangen konnte, um ihn ein paar Minuten zu sehen. Das klappte manchmal Wochen nicht.) Die Begründung, das Kind aus ethischen Gründen nicht abzutreiben, war nicht ganz überzeugend, denn fünf von ihnen hatten bereits mehr als eine Abtreibung hinter sich. Auch die Tatsache, daß man mir so etwas völlig offen erzählt, spricht nicht gerade für Einfühlungsvermögen. Dabei sind das alles ganz normale Frauen; liebevolle Mütter ...

Nur daß sie selbstständig über das Leben des Vaters entschieden haben. Als spielte das alles keine Rolle! Das ist nicht nur so in meinem Bekanntenkreis. Es ist überall so. Jeder gratuliert, freut sich, denn ein Kind ist ja ein Grund zur Freude, und die Umstände seiner Zeugung sind wohl nicht so wichtig wie das Resultat. Für das Leid der Väter gibt es keinen Platz; keine Methode, damit umzugehen. Also wird es ausgeblendet. Das ist ein Grund, der mich in die Depression treibt und diesen Beitrag hier posten läßt. In meinem Bekanntenkreis erreiche ich niemanden damit, denn niemand kann das erkennen! Im Gegenteil beschimpft man mich, wenn ich diesen Punkt zur Sprache bringe: Dann sieht man mich auf der Seite des dämonisierten Vaters, der nachträglich zu einem schlechten Menschen gemacht wurde, um die eigenen Handlungen rechtfertigen zu können. Aber ich kenne auch die Väter: Oft sind es sensible Männer, die an diesem ganzen verfluchten Mist kaputt gehen. Eine Freundin sagte mir einmal, sie würde töten, wollte man sie von ihrer Tochter zu trennen. Zwei(!) der entsorgten Väter in meinem Kreis haben das getan - aber sie mordeten nur sich selbst. Deswegen fand ihr Tod keinen Eingang in die Neuigkeiten der Presse dieser Tage - dazu hätte wohl es der Gewalt gegen die Frauen bedurft!

So etwas macht mir Angst. Selbst wenn die Relationen in meinem Bekanntenkreis nicht repräsentativ sein sollten - diese Sachen gibt es, und sie sind nicht selten. Es macht mir Angst, daß man die Unverantwortlichkeit indirekt fördert, indem man die zur Verfügung gestellten Mittel von der Pflicht, darüber nachzudenken befreit. Es macht mir Angst, daß in unserem Bewußtsein Mutter und Kind eine unauflösliche und heilige Einheit darstellen, während die Väter im Falle eines Verzweiflungssuizids als labile Persönlichkeiten bezeichnet werden. Es macht mir Angst, auf die Scheidungsstatistiken zu sehen, und die Fälle der Nichtverheirateten hinzuzuzählen. Es macht mir Angst, zu sehen, daß unmoralisches Verhalten gefördert wird. Kinder zu bekommen sollten das Wunderbarste der Welt sein. Es sollte zwei Liebende enger zusammenschweißen. Statt dessen wird es häufig zu einem weiteren Argument dieses unsäglichen "Geschlechterkampfes". Es macht mich krank, noch bevor ich mich über die Ankündigung eines Kindes freuen und gratulieren könnte, ich mich frage, wie dieses kleine Leben zustande gekommen ist und ob es wieder ein Tausch gegen das Leben des Vaters war. Ich hasse mich, weil meine Erfahrungen die Freude, die wohl angebracht wäre, in eine Angst pervertiert haben: Welche Geschichte war es wohl diesmal! Es macht mich letzendlich unsagbar krank, weil ich gerne Kinder hätte, aber weiß, daß manchmal schon ein falsches Wort - als Vorwand genommen - ausreicht, alles zu beenden; weil ich weiß, daß viele Männer keineswegs Ungeheuer sind, als die man sie später darstellt.

Für diese Dinge existiert irgendwie kaum ein Bewußtsein. Fragt sich jemand, warum auf Frauenseiten in einem Artikel unter der Rubrik Familie häufig Bilder zu sehen sind, die nur die Mutter mit dem Kind zeigen? Wieso kann man Väter so einfach aus dem Bewußtsein streichen, als spielten sie keine Rolle. Wieso immer diese Aufteilung: Frauen als Schöpfer des Lebens, als würden Männer nicht genauso beteiligt sein? Daß Frauen die Kinder austragen sagt überhaupt nichts über ihre anderen Fähigkeiten im Umgang oder ihre Gefühle bzw. einen vermeintlichen Mangel an eben jenen bei den Männern aus. Statt dessen erzeugt man ein Frauenbild, das den Körper, das symbolische Gefäß als positiv und ausreichend darstellt, während man den Anteil des Mannes unter den Tisch fallen läßt. Wieso also diese Heiligsprechung der Frauen? Aufgrund ihres Körpers "bessere Menschen"?

Ich weiß nicht, ob es zulässig ist, z.B. von öffentlichen Diskussionsforen, statistischen Erhebungen und psychologischen Untersuchungen auf den tatsächlichen Sachverhalt schließen zu dürfen. Soweit ich das durch meine Beschäftigung mit dem Thema beurteilen kann, werden aber viele Diskurse rein unter Frauen geführt. Die physiologische Seite ist nicht das Thema. Anscheinend denkt man aber auch, daß die Biologie der Geschlechtsgenossinnen ebenso die Gefühle und Gedanken prägt.

Wenn ich mit Frauen über dieses Thema diskutiere, kommt ausnahmslos immer das Argument, als Mann könne man über die Frage des Kinderkriegens nicht mitreden, da man ja rein physiologisch nicht in der Lage sei, die Sache nachzuvollziehen. Glauben denn Frauen tatsächlich an diese Idee? Glauben sie allen Ernstes, daß es der Körper ist, der über die Gedanken und Gefühle entscheidet? Wieso fühlen sie sich von wildfremden Frauen in einem Internet-Forum, die vielleicht noch nicht einmal eigene Kinder haben, mehr verstanden als von ihrem Ehemann, dem Vater des Kindes? Kann sich denn eine Frau, die noch keine Kinder hat, alleine wegen ihres Geschlechts besser in diese Situation hineinversetzen als der Mann? Warum - weil "Abstraktion" nur möglich ist, wenn der Körper das "Potential" hat? Dann wären wir wirklich alle Gefangene unserer Physis, unfähig, uns irgend etwas vorzustellen, was wir nicht erlebt hätten oder zumindest erleben könnten.

Denn hier geht es um Gedanken, Empfindungen und Gefühle, mit denen Ansprüche verbunden sind. Ich möchte zurückfragen: Kann eine Frau dann gefühlsmäßig noch erfassen, wie es für den Mann aussieht? Wie es ist, von den Institutionen ausgeschlossen zu werden, obwohl es auch mein Kind ist; wie es ist, diese unglaubliche Sehnsucht nach den eigenen Kindern zu haben; danach, ihnen nahezusein, sie schlafen oder erwachen zu sehen, atmen zu hören; sie in den Arm nehmen zu können, sie in den Schlaf zu wiegen; ihnen etwas vorzusingen; jede Minute, in der sie die Welt kennenlernen, mitzuerleben? Wie können sie verstehen, wie unglaublich weh es tut, dies alles nicht miterleben zu können, nicht einfach zum Babybett hinüberzugehen, weil man arbeiten muß? Wie es ist, die erste und vielleicht auch die spätere Zeit die eigenen Kinder fast nur aus den Erzählungen zu kennen, während die Kinder selbst schon schlafen, wenn man nach Hause kommt? Können sie diese Sehnsucht verstehen, die einen halb wahnsinnig werden läßt, weil sie nicht befriedigt werden kann? Wie können sie sich anmaßen, Gefühlen eine Wertigkeit beizumessen, Mutterliebe zu etwas Heiligem zu machen und die körperliche Abhängigkeit des Säuglings von der Mutter als den "natürlichen" Beweis dessen anzusehen, während man die Liebe und Gefühle des Vaters, seinen Zwang, seine Sehnsucht jede Sekunde des Arbeitstages aufs Neue bekämpfen zu müssen, so gut wie nie einer Beachtung würdigt? Können sie verstehen, wie weh so etwas tun kann?

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, daß es zwischen Männern und Frauen einen Unterschied gibt, was das Potential geistiger und emotionaler Kapazitäten angeht. Meiner bisherigen Erfahrung nach glaube ich einfach nur, daß sich Frauen nicht so viele Gedanken um die gefühlsmäßige Situation ihrer Männer machen. Die Internet-Foren sind in dieser Beziehung sehr informativ, denn sie verdeutlichen, was ich an diesen, nur auf Mitglieder des eigenen Geschlechts beschränkten Diskursen gerne zu kritisieren versuchte: Frauen, die sich untereinander fragen und erklären, was und wie ihre Männer fühlen. Schlimmer noch vielleicht sogar die Experten-Seiten, auf denen in aller Ausführlichkeit auf die Situation der Frauen während und nach der Schwangerschaft eingegangen wird, während die Situation der Väter in ihrer Behandlung kaum jemals länger ausfällt als zum Beispiel die Erwähnung des Umstandes, daß es während der Schwangerschaft zu Wassereinlagerungen in den Beinen kommen kann.

Väter tauchen meist nur dann auf, wenn es in ihrer "Bedienung" für die Frau zu einem Problem kommen könnte. Die "Experten" scheinen sich über die Situation der Männer jedenfalls einig zu sein: Primär schwanzgesteuert wird jedes Kind für ihn zum Problem, da es seiner Triebbefriedigung an seiner Frau im Wege steht. Daher entwickelt er eine Eifersucht auf das Kind, daß er als Nebenbuhler betrachtet. - Ich bin mir dabei nicht sicher, ob diese Ergebnisse aufgrund einer repräsentativen Meinungsumfrage gewonnen wurden oder einem theoretisierenden Psychologenhirn entsprungen sind. Ich kann mich mit jenem Männerbild jedenfalls nur schlecht identifizieren - es ist so reduktionistisch. Andere als sexuelle Bedürfnisse scheint man sich bei uns schlecht vorstellen zu können. Nicht ein Mal habe ich von einer Eifersucht des Mannes auf die MUTTER gelesen; niemals wird in Betracht gezogen, daß auch der Vater die Berührung, die Gegenwart und das Umsorgen seines Kindes dem Streß der Arbeitswelt vorziehen würde. Auch vermisse ich die Erwägung, daß das Kind vielleicht die Liebe (wortwörtlich) verstärkt. Würde ich froh die alleinige Verantwortung für die finanzielle Sicherheit meiner Familie (inklusive der damit verbundenen Magengeschwüre) übernehmen, während ich im Herzen lieber jeden Moment daheim wäre, um auch nichts zu verpassen? Nein, nicht fröhlich. Aber es könnte die Sache wert sein, würde ich von meiner Frau die Worte hören, die mich erkennen ließen, daß sie wüßte, wie schwer mir das alles fällt, wie groß meine Sehnsucht ist.

So etwas habe ich jedoch noch nie eine Frau sagen hören. Einfühlsamkeit dieser Art wurde bisher immer nur unter Männern ausgetauscht, was nicht bedeutet, daß Frauen es nicht verstehen könnten. Vielleicht haben sie nur nicht gelernt, sich so in ihre Männer hineinzuversetzen? Vielleicht gibt es auch solche Beziehungen, und sie sind mir nur nicht bekannt. Das Gesagte ist selbstverständlich nur persönliche Meinung. Ich glaube fest, daß es andere gibt, denen es ebenso geht. Ich kenne selbstverständlich auch genügend Beispiele von Männern, für die das Entgegengesetzte gilt und die ihre Arbeit der Versorgung ihrer Kinder vorziehen. Ich meine nicht, daß wir mehr Erhebungen zu diesem Thema brauchen. Im Gegenteil glaube ich, daß derlei Statistiken und Umfragen keinerlei Nutzen erfüllen, sondern im Gegenteil das Individuelle mittels seiner vermeintlichen Wissenschaftlichkeit der Methode nivellieren. Wir brauchen sicher keine Experten des Gefühls; wir brauchen die Fragen der Partner, fernab jeder Statistik.

Ich habe das alles so unendlich satt ...


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