Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Das dämliche Geschlecht

Garfield, Tuesday, 19.11.2002, 13:54 (vor 8477 Tagen) @ Joachim

Als Antwort auf: Das dämliche Geschlecht von Joachim am 18. November 2002 21:46:39:

Hallo allerseits!

"Vielleicht ja auch nur deshalb, weil Frauen, so Barbara Bierach, "mehr als alles andere sich einen Mann wünschen" und fürchten, durch Erfolg ihre feminine Attraktivität einzubüßen."

Ich glaube, daß die gute Frau Bierach das nicht so ganz korrekt analysiert hat. Zwar ist es tatsächlich so, daß Menschen nun einmal Paar-Lebewesen sind und sich somit (sofern sie nicht homosexuell orientiert sind) einen Partner des anderen Geschlechts wünschen, aber das ist bei Männern und Frauen gleichermaßen der Fall.

Nun ist die Frage, ob für Frauen der Wunsch nach einem Partner wirklich soviel mehr im Mittelpunkt steht als für Männer der Wunsch nach einer Partnerin. Wenn ich mir ansehe, wie viele Männer sich dafür abstrampeln, eine Partnerin zu finden, würde ich diese Frage verneinen.

Und ist es denn wirklich so, daß Frauen, die beruflich erfolgreich sind, Männern deshalb weniger attraktiv erscheinen? Vom rein Logischen her würde ich das ebenfalls verneinen. Immerhin muß man(n) bei solch einer Frau nicht befürchten, im Falle einer Scheidung abgezockt zu werden. Und wenn beide Partner auf Vollzeit arbeiten, haben sie damit ja auch mehr finanziellen Spielraum, um sich diverse materielle Wünsche zu erfüllen.

Da bleibt dann nur noch das Problem, daß Männern von der Gesellschaft ja nach wie vor die Rolle des Ernährers zugewiesen wird. Und deshalb haben manche Männer, die nicht so gut verdienen, tatsächlich ein Problem damit, wenn ihre Frauen womöglich ein höheres Einkommen haben als sie.

Nur ist es aber doch so, daß gerade Frauen, die voll berufstätig sind und gut verdienen, meist auch nur Männer als Partner akzeptieren, die ebenfalls voll berufstätig sind und mindestens genauso viel verdienen wie sie selbst. Deshalb findet man es doch eher selten, daß eine Frau wirklich mehr verdient als ihr Partner. In meinem Bekanntenkreis gibt es nur ein einziges Paar, bei dem das tatsächlich so ist. Das ist aber eher eine Ausnahme, und es ist wohl kein Zufall, daß viele Frauen ihre Partner gerade dann verlassen, wenn diese z.B. mal länger arbeitslos sind. So sehr scheint der Partner für viele Frauen dann also doch nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Also scheinen mir das nun gerade nicht die wesentlichsten Gründe dafür zu sein, daß es viele Frauen nicht besonders zur beruflichen Karriere hinzieht.

Es ist doch so, daß Frauen in unserer Gesellschaft die freie Wahl zwischen verschiedenen Lebensalternativen haben, in denen sie mittlerweile von der Gesellschaft im allgemeinen auch voll akzeptiert werden.

Da gibt es die althergebrachte Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter. Diese Rolle hat den Nachteil, daß frau kein eigenes Einkommen hat. Da sie aber als Hausfrau einen gesetzlichen Anspruch auf einen Teil des Einkommens ihres Mannes hat, läßt sich dieser Nachteil dadurch ausgleichen, daß sie einen gut verdienenden Mann heiratet. Weitere Nachteile sind fehlende Renten- und Sozial-Versicherung. Aber auch dieser Nachteil läßt sich durch Abschluß einer privaten Rentenversicherung ausgleichen, und im Fall einer Scheidung hat eine Hausfrau im Allgemeinen Anspruch auf Unterhalt. Die Kosten für diese soziale Absicherung muß dann also ebenfalls der Ehemann tragen.

Vorteile dabei sind die Möglichkeit, immer bei den Kindern sein zu können und bessere Möglichkeiten zur freien Arbeitseinteilung zu haben als im Berufsleben.

Dann gibt es noch die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. Dabei hat frau ähnliche Vor- und Nachteile wie eine Vollzeit-Hausfrau, verdient sich aber noch etwas Geld dazu, was einige Nachteile abmildert, dafür aber auch einige Vorteile abschwächt.

Ja, und dann gibt es noch die Möglichkeit, voll berufstätig zu sein. Damit hat frau ihr eigenes Einkommen und ist auch selbst renten- und sozialversichert. Nachteile dabei sind die fehlende Möglichkeit, sich Arbeit ganz nach den eigenen Bedürfnisse einzuteilen und damit auch ein höherer Streßfaktor. Und tatsächlich nehmen ja bei Frauen aus genau diesem Grund mittlerweile auch z.B. Herzerkrankungen zu.

Männer haben diese freie Auswahl unter verschiedenen Lebensalternativen so nicht. Männer werden immer noch nur in einer Rolle wirklich von der Gesellschaft und von ihren Partnerinnen akzeptiert: In der Rolle des Vollzeit-Arbeiters. So bleibt den allermeisten Männern nur die Wahl, entweder diesem Rollenbild zu entsprechen oder aber als arbeitsscheuer Gammler zu gelten und dann auch bei Frauen entsprechend wenig Chancen zu haben.

Da Frauen aber mehr Auswahlmöglichkeiten haben, entscheiden sich eben auch viele Frauen für andere Alternativen als Vollzeitarbeit. Es wird immer schwieriger, Lehrstellen und Jobs zu finden. Gleichzeitig werden seitens der Wirtschaft immer höhere Ansprüche an die Beschäftigten gestellt. Sie müssen flexibel sein, also auch lange Fahrten zur Arbeitsstelle akzeptieren, sie müssen bereit sein, auch mal einige Zeit auswärts bei einem Kunden zu arbeiten, und die Bereitschaft, Überstunden zu machen, gilt ohnehin schon längst als selbstverständlich. Wieso sich nun diesen ganzen Streß antun, wenn man andere Alternativen hat und sich sowas leicht ersparen kann?

Viele Menschen kommen irgendwann in ihrem Leben mal an einen Punkt, wo sie nicht mehr so ganz zufrieden sind mit dem, was sie tun. Wo sie einfach gern mal etwas anderes tun würden. Männer befinden sich dann häufig in der Situation, daß sie Familien ernähren müssen, ihr Einkommen dafür also dringend brauchen und somit zwangsläufig weiter arbeiten müssen, also den Job nicht einfach mal so wechseln oder auch mal Hausmann machen können.

Frauen haben es auch hier wieder einfacher. Sie sind seltener Alleinverdienerinnen und somit leichter in der Lage, einfach mal etwas anderes zu tun und dabei auch Verdiensteinbußen hinzunehmen.

Das alles führt nun zwangsläufig dazu, daß es eben vorwiegend Männer sind, die unter dem Druck der Umstände zielgerichtet auf ihre beruflichen Karrieren hinarbeiten und diese dann auch kontinuierlich weiter verfolgen, während Frauen das seltener so intensiv tun und folgerichtig beruflich auch oft weniger erreichen.

Der Hauptgrund, wieso es weniger Frauen in Führungspositionen und in gut bezahlten Jobs gibt, liegt also eher darin, daß Frauen in unserer Gesellschaft mehr Möglichkeiten haben und diese Möglichkeiten auch nutzen.

Die Gründe, die oben genannt wurden, spielen sicher zuweilen auch ein Rolle, aber eben nicht die wesentlichste.

Freundliche Grüße
von Garfield


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