Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

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Lenin und Holgowitsch

Narrowitsch, Berlin, Friday, 17.12.2010, 14:50 (vor 5508 Tagen) @ Cardillac

Eure Untergangsmethaphorik in Ehren, aber "das System" zeichnet sich immer
noch durch eine große Stabilität und sogar zunehmenden Raumgewinn aus.

Es geht mir - und Holger vermutlich auch - nicht um Untergangspropheterie, sondern um einen wachen Blick, der sich nichts schön schaut. Kann ja nicht schaden, oder?
Was die Stabilität "des Systems" betrifft, so erlaube ich mir die Kenntnisnahme eines stabilen Schwundes demokratischen, sozialen und freiheitlichen Denkens und eine stabile Kontinuität des Verlustes humanistischer Bildung, die mit einer stabilen Verlustkurve lebenssinnstiftender Ideale einhergeht. Wenn ich den Genossen Lenin - nicht ganz in seinem Sinne - aus dem Staub der Geschichte hervor holte, so geschah es in der Absicht, hinzuweisen, dass sich seit vielen Jahrzehnten eine gewisse Charakterlosigkeit gewisser gesellschaftlicher Akteure sehr stabil zeigt; mit schnellem Untergang des modern zivilisierten Abendlandes hat das zunächst nichts zu tun.
Gewiss: Besagtes Abendland und seine überseeischen Inspiratoren beweisen erstaunliche Anpassungsfähigkeit; ob mir die angepasste schöne neue Welt lebenswert erscheint, steht auf einem anderen Blatt. Ob sie denen am Ende gefällt, die sich heute kompromissbereit auf sie einlassen,- auf einem noch anderem.

Dser totalitär-feministische Umbau der gesellschaftlichen Basis und seines
ideologischen Überbaus hat trotz der "fünf Wochen im Herbst" immer noch
keine Legitimationsschwierigkeiten und jegliche Untergangsprognose dient
nur der Selbstberuhigung, wie weiter oben stehende Beiträge beweisen.

Ah! Was Du nicht sagst! Du meinst, ich brauchte Beruhigung? Ich sage Dir: meine Lebenszeit reicht nicht aus, um meinen Zorn auf den Gang der Dinge zu beruhigen. Mag sein, Zorn ist kein guter Ratgeber, aber Opportunismus auch nicht. Und der wuchert allerorten prächtig, gleich neben dem Irrsinn diverser Verschwörungstheoretiker.
So alt bin ich nun auch noch nicht, dass ich mich um des lieben Friedens Willen mit diesem Gesocks einlasse.

Man sollte den Feminismus als weltweites, geschichtlich zu begreifendes
Phänomen sehen

Eben. Und nicht nur das. Feminismus ist nur eine Ausdrucksformfür einen viel weitgehenderen Prozess, der sich als fortschrittlich bezeichnet, aber womöglich auf hohem technischem und materiellen Niveau zu finsteren Verhältnissen könnte, die sich vom Mittelalter dadurch unterscheiden, dass letzteres das Licht suchte und fand.

und nicht als psychische Störung gewisser Frauen- und
Männerkreise.

Abermals: eben. Feminismus ist nicht angehäufter psychischer Irrsinn, er ist eiskalt berechnende, irrsinnige Realpolitik, die solange fortbesteht, solange angeblich kritische Menschen vor Freude in Ohnmacht fallen, sobald die eine oder Frau sich bequemt, die eine oder andere Gegebenheit des real existierenden Geschlechterirrsinns als gegeben anzuerkennen und beteuert, es zukünftig nicht mehr ganz so arg treiben zu wollen.

Könnt ihr Bildung, Erfahrung und weltweites Rumgekommensein
nicht produktiver nutzen

Vielleicht könnte ich es, aber ob ich es noch will? Vielleicht versuche ich es ja auch. Auf meine Weise versteht sich.

als aufgebauschte Metaphern und haltlose
Spekulationen abzuliefern, die schon Ähnlichkeiten mit Durchhalteparolen
für eine bereits verlorenen Sache haben.

Dass die Presse zunehmend versagt - eine Spekulation?
Selbstberuhigung und Durchhalteparolen? Und welche Sache ist verloren? Freilich halte ich eine Reihe positiver Errungenschaften des Werdens der Menschheit für unwiederbringlich verloren; oder wenigstens auf lange Sicht. Ja und? Aber ne Sache? Wo propagiere ich Durchhalteparolen für Verlorenes?

Mit anderen Worten: Der Feminismus ist ja nicht alleine über die Welt
gekommen.

Nichts ist alleine in die Welt gekommen.Zumindest nichts, was wir mit dem Verstande erkennen können.

Er ist in Allianz mit anderen tiefgreifenden Veränderungen
eingezogen:

Da staune ich aber, das ist mir neu. Feminismus, so glaubte ich bislang zu wissen - ist Folge tief greifender Veränderungen, von Allianzen mit ihnen weiß ich nichts.

Umorganisierung des Fabriksystems vom Fordismus zum Toyotismus,
Verdrängung der produktiven wertschöpfenden Arbeit durch eine
expandierende Finanzblasenökonomie, Abbau von Hierarchien und
integiert-zentraler betrieblicher Strukturen durch Zersplitterung
Outsourcing in autonome Unternehmungen, Privatisierung und Ökonomisierung
der staatlichen Infrastruktur, und und und.

Zunächst: Was Du als Fordismus und Toyotismus beschreibst, bezeichnet keine Entwicklung vom einen zum anderen; sie funktionieren als Spielarten innerhalb der nunmehr allein kapitalistisch organisierten industrialisierten Welt. Alle anderen Erscheinungen, die Du hier aufzählst, vermag ich nicht als Wesen gegenwärtigen Seins und derzeitiger Entwicklung sehen. Auch dann nicht, wenn sie denn so wie beschrieben ablaufen und sie vielerlei (negative?) Folgen mit sich bringen. Sie sind Folgen von wesentlichem.
Das Wesen der jüngeren Vergangenheit liegt in der enormen Steigerung von Produktivität und damit unter Anderen auch finanzieller Ressourcen.Ihre unsachgemäße Verwendung ermöglicht und beschert der westlichen Welt eine Reihe unerfreulicher Phänomene, von denen Feminismus nur eines ist.

Als Moment dieser Riesentransformation tritt die moderne Genderpolitik auf
den Plan. Sie ist, um auf Lenin zurückzukommen, als Element dieser
Totalität zu begreifen und gemeinsam mit ihr zu überwinden.

Aha, da staune ich abermals. Hier finde ich nicht der Platz um den Zusammenhang Lenin und Genderpolitik zu betrachten. Es fehlt mir auch an Lust dazu. Aber ich erlaube mir den Hinweis, dass die Zeit, in der wir leben, Transformationen produziert, deren Folgen wir vermutlich nicht einmal erahnen. Uns ergeht es, abermals vermutet, wie den Bäuerlein, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte aus ihrer landwirtschaftlich geprägten Lebensweise in den Moloch Großindustrie katapultiert sahen. Mit fatalen Konsequenzen, wie wir heute wissen. Und: die leninistisches Denken war durchaus nicht so beschränkt, wirtschaftliche Transformationen überwinden zu wollen; es gedachte sie in andere Bahnen, jenseits kapitalistischer Zwänge, zu lenken.

Es ist die Schande der Linken, der Beweis für ihr historisches
Überlebtsein in ihrer jetzigen Verfassung, dass männerrechtliche,
kritische Positionen nur über rechtskonservative Kanäle in die
Gesellschaft kamen. Das wird sehr teuer für die Linke werden. Selber
schuld! Aber nicht unabänderlich!

Es ist eine Schande für die Linke, sich bis auf den heutigen Tag einer radikalen, also an die Wurzel gehende Analyse ihres Wirkens in den zurückliegenden 150 Jahren zu verweigern und Schlüsse daraus zu ziehen.

Deshalb erfüllt sie bestenfalls die gleiche Funktion, wie die Handwebstühle des 19. Jahrhunderts: für die Produktion von Textilien zur Deckung des Massenbedarfs völlig ungeeignet, gut für folkloristische oder nostalgische Luxusgüter.

Marx würde vielleicht formulieren: historische Mission verraten und verkauft.

Das mag Mann bedauern oder nicht, aber: Es ist unabänderlich

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Extemplo simul pares esse coeperint, superiores erunt-

Den Augenblick, sowie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Herren sein.


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