Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Femitainment

Tätiger, Sunday, 21.11.2010, 22:06 (vor 5533 Tagen) @ Tätiger

hier noch ein FAS Text von letzter Woche:

Femitainment

Bizarrer Sex-Streit“, „Schrilles
Gefecht“ – das waren die Überschriften
über einem Schlagabtausch,
den sich Anfang der Woche
Familienministerin Kristina Schröder
– 33 Jahre jung, attraktiv und frisch
verheiratet – mit der 67 Jahre alten
Alice Schwarzer lieferte.Wirklich zugeschlagen
hat dabei eigentlich nur
Frau Schwarzer, die offenbar glaubte,
sich mit allen Mitteln wehren zu müssen,
nachdem die Ministerin in einem
Interview mit dem „Spiegel“
ihre maßvoll kritischen Ansichten
zum Feminismus und seiner deutschen
„Ikone“ kundgetan hatte.

Frau Schröders holzschnittartige
Paraphrase des frühen Feminismus
zeigte zunächst einmal das Befremden,
das weite Teile ihrer Generation
gegenüber den ideologisierten
Geschlechterkämpfen
der siebziger Jahre hegen.
Zugegeben: Mit manchen
Äußerungen mag sich Frau
Schwarzer verkürzt wiedergegeben
fühlen. „Dass der
heterosexuelle Geschlechtsverkehr
kaum möglich sei
ohne die Unterwerfung
der Frau“, hat sie so plump
vielleicht nicht behauptet.

Ansonsten aber gelang
es der Familienministerin,
die intellektuellen und biographischen
Sensibilitäten
zu treffen. Forsch ging sie
auf das Dogma des Gleichheitsfeminismus
los: Dass das Geschlecht
nicht biologisch, sondern von der
Umwelt bedingt sein soll, habe sie
nicht überzeugt. Und auch „dass Homosexualität
die Lösung der Benachteiligung
der Frau sein soll“, fand sie
„nie wirklich überzeugend“.

Im Ton aber blieb die Ministerin
respektvoll, und ihre Äußerungen waren
viel braver als das meiste, was die
Mutter der Frauenbewegung sich in
den vergangenen Jahren von vielen
Gleichgesinnten hat anhören müssen
– vor allem ritt die Jüngere zu keinem
Zeitpunkt einen persönlichen
Angriff. Das kann umgekehrt nicht
behauptet werden. Die Reaktion, die
in Form eines offenen Briefes einen
Tag später vorlag, war überaus persönlich.
Sie kam von sehr weit oben
herab und zeigte ein beachtliches Bestreben
zu verletzen.

Von „hanebüchenem Unsinn“ ist
da die Rede, von „Stammtischparolen“.
„Schlicht ungeeignet“ sei Frau
Schröder für ihr Ministeramt. Frau
Schwarzer, von der Kanzlerin als Gesprächspartnerin
geschätzt, sinnierte
darüber, was diese wohl bewogen haben
mochte, Frau Schröder das Ministerium
anzuvertrauen. Und mit emotionaler
Treffsicherheit strich sie die
Vorzüge der „couragierten Vorgängerin“
Ursula von der Leyen heraus,
die dem Kabinettsneuling seit Amtsantritt
das Leben schwermacht.

Was aufhorchen lässt: Die Ältere
setzte der Kritik der Jüngeren kaum
inhaltlichen Widerspruch entgegen.
Im Gegenteil ließ sie wissen, sie habe
ja seit „Der kleine Unterschied“
schon noch dies und das veröffentlicht.
Das klang fast so, als wollte sie
sich selbst von alten Thesen distanzieren.

Aber warum diese Härte, diese Verbissenheit
von einer Frau, die sich
selbst gern Altersmilde bescheinigt
und von Unterhaltungsshows bis zur
„Bild“-Zeitung alles dafür tut, in der
Mitte, im Herzen der Gesellschaft anzukommen?

Wie kompromisslos Frau Schwarzer
die Deutungshoheit über den Feminismus
verteidigt, haben schon andere
zu spüren bekommen. Eine jüngere
Generation von Frauen, die einen
weniger männerfeindlichen und
weniger ideologischen Feminismus
wollte, musste
sich den Vorwurf des
„Wellness-Feminismus“
gefallen lassen. Du sollst
keinen anderen Feminismus
haben neben mir.

Vielleicht trieb Frau
Schwarzer auch das distanzierte
Wohlwollen zur
Weißglut, mit dem Frau
Schröder ihre Bücher für
„lesenswert“ und „sehr
pointiert“ befand. Fast ein
historisches Phänomen.
Verständlich, dass sich
Alice Schwarzer nicht abschieben
lassen möchte, dass sie nicht
als radikale Kinderkrankheit der Frauenbewegung
in die Geschichte eingehen
will, die jetzt glücklicherweise
überwunden ist.

Es war eben nicht die bürgerliche
Politikerin, die in dieser Auseinandersetzung
gestrig wirkte, so sehr Frau
Schwarzer auch versuchte, sie als
rechtskonservatives Schreckgespenst
erscheinen zu lassen. Dazu taugt Kristina
Schröder nicht. Sie ist nicht weniger
als ihre Vorgängerin von der Leyen
eine Vertreterin von Frau Merkels
moderner Mittepartei. Nie hat man
sie die Vorzüge des traditionellen Familienmodells
preisen hören. Ihr Credo
lautete stets: „Das muss jede für
sich selbst entscheiden.“

Frau Schröder steht für eine Generation,
in der dem Benachteiligungsund
Opferfeminismus die Klientel abhandengekommen
ist. Das verkörpert
die junge Ministerin: Schließlich
hat sie ihre rasante Karriere nicht gemacht,
obwohl sie eine Frau ist, sondern
weil sie eine Frau ist. Es ist eben
das Schicksal einer erfolgreichen
Emanzipationsbewegung, dass sie
sich am Ende überflüssig macht.
Dem kann man begegnen, indem
man neue Betätigungsfelder sucht,
neue Opfer, die islamischen Frauen
zum Beispiel, oder indem man einfach
viel Wirbel verbreitet mit Femitainment
in allen Gassen. Mit
Hasstiraden lässt sich die gesellschaftliche
Wirklichkeit nicht bekämpfen.


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