Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Nein, nein - ich meine nicht Judenwitze, ich meine den Witz der Juden!

DschinDschin, Thursday, 18.11.2010, 15:30 (vor 5536 Tagen) @ Informator

Das Historische gleich mal vorneweg: Ja, jüdische Intellektuelle haben ganz entscheidend zum theoretischen Überbau des Kommunismus beigetragen und Juden haben auch ganz entscheidend bei der sogenannten russischen Revolution (die eigentlich ein Putsch war) mitgewirkt.

Aber für den 1. Weltkrieg waren Juden nicht verantwortlich und auch dafür nicht, dass es die Eliten es nicht geschafft haben, schon 1914 einen Abbruch des Krieges zu bewerkstelligen, nachdem klar war, dass ein rascher Sieg nicht möglich ist, die Verluste aber erheblich sind.

Juden und Protestanten haben im jüdisch-christlichen Umfeld viel gemeinsam, z.B. die intellektuelle Auseinandersetzung der Laien mit der Schrift. Eine solche Art der Religionsausübung hat zwei Folgen:

1. Sie ist interessant für Menschen, die gerne denken
2. Sie fördert das Denken durch Schulung der grauen Zellen

Menschen, die fähig sind zu denken, nehmen Entwicklungen früher wahr, nehmen gesellschaftliche Spannungen früher war, artikulieren diese Themen früher, als andere.

Ja, das Kaufhaus hat den Krämerladen weitgehend verdrängt. Dass es Juden waren, die Kaufhäuser gründeten liegt aber im wachen Geist derselben. Genauso geschäftstüchtig waren Calvinisten. Man muss einen wachen und einen freien Geist haben, um die Gesellschaft ganz anders denken zu können. Die französische Revolution war ja auch nicht von Bauern getrieben, sondern von Intellektuellen (Juristen, Philosophen, Männer des Geistes). Die Spannungen, welche die Revolution stattfinden ließen, waren aber eine Folge der Starre und des Versagens des Ancien Regime. Irgendwann wäre das alte Modell in jedem Fall explodiert oder kollabiert.

In Russland waren die Juden die Männer des Geistes, die bürgerliche Schicht, nicht alle Juden, aber viele.

Man kann gegen den Kommunismus viel sagen, und als Wirtschafts- und Lebensmodell hat er versagt. Aber er hat den Arbeitenden Würde gegeben. Er hat die Macht der arroganten besitzenden Klassen zerschmettert. Er ist der Grund dafür, dass es überhaupt einen Sozialstaat gibt. Denn vernünftige Regelungen, die den Geiz und die Gier der Menschen begrenzen, gibt es in der Regel nur nach der Katastrophe.

Menschen jüdischen Glaubens sind nicht besser und nicht schlechter als Menschen anderer Religionsangehörigkeit.

Das Böse ist nicht durch die Juden in die Welt gekommen.

Nur sollten wir unsere "besondere Beziehung" zum Judentum überdenken. Wie viele Menschen sind schon auf dieser Welt schuldlos ermordet worden, ohne dass hier ewige Verpflichtungen der Nachgeborenen konstruiert wurden. Das ist das Dilemma. Auschwitz steht für das Schlechte im Menschen, für seine Schwachheit, seine Erbärmlichkeit, sein fehlendes Mitgefühl. Aber man hätte auch Auschwitz betreiben können, mit jüdischem Wachpersonal um dann Ukrainer zu meucheln. Bei der russischen Revolution waren oft genug Juden die Täter.

Ich bin ein großer Freund der persönlichen Verantwortung, lehne aber jede kollektive Verantwortung rundweg ab. Wenn ich auf einen Juden treffe, dann möchte ich an das Passafest denken, an die Kippa, an die Thora, an Synagogen und nicht an Auschwitz. Und wenn ich einen Israeli treffe, dann möchte ich an Jerusalem denken, an Tel Aviv, an Jaffa-Orangen und Mittelmeerstrände, nicht an Auschwitz.

Auschwitz ist ein Pin-Up für Moralisten und ehrgeizige Autoren.

DschinDschin

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Barbarus hic ergo sum, quia non intellegor ulli.


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