Willkommen im Fight Club!
Frauen und Männer: Neueste Ermittlungen im Krisengebiet
Willkommen im Fight Club!
Ja so sind sie, die jungen Männer: Eine bedrohte Spezies, ohne Leitbild und ohne Väter gewaltbereit und prädestiniert zum Verlieren.
ALEX RÜHLE
Feminismus war gestern, Patriarchat vorgestern. Heute begegnen sich Männer und Frauen auf Augenhöhe. Oder etwa nicht? Eine Artikelreihe, erkundet das aktuelle Krisengebiet.
Dieser Beitrag widmet sich einer ebenso gewaltbereiten wie bedrohten Spezies: jungen Männern.
Die folgenden Zahlen kann man so zusammenfassen: Wenn Sie einem Mann auf der Straße begegnen, wechseln Sie zügig die Straßenseite. Wenn Sie gar mit einem zusammenleben, ziehen Sie bei nächster Gelegenheit unauffällig aus.
» Seit 1980 stieg die Anzahl der männlichen Straftäter um über 300 Prozent, die der weiblichen fiel um 1,4 Prozent. «
Der Osnabrücker Sozialwissenschaftler Dieter Otten hat vor einigen Jahren einzelne Delikte der Kriminalität geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt und war danach selbst irritiert, wie sehr Gewalt ein Männermonopol ist.
Dass 99,99 Prozent aller Sexualdelikte von Männern begangen werden, ist nicht überraschend. Aber auch 99,9 Prozent aller Raubüberfälle werden von Männern begangen.
Und Betrug?
Frauen betrügen doch sicher viel, sind doch alles Schlangen. Fehlanzeige: Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Betrügern beträgt 99 zu 1. Frauen können den Männern nur in der Disziplin Ladendiebstahl das Wasser reichen. Allerdings schränkt Otten ein, dass Frauen öfter einkaufen als Männer. Die Gefahr, die von jedem Mann, der einen Laden betritt, für Warenbestand, Kasse oder die Mitarbeiter des Ladens ausgeht, ist so groß wie die Gefahr von 25 bis 30 Frauen.
Besonders unheimlich an Ottens Untersuchung ist, dass das Verhältnis von männlicher und weiblicher Gewalt immer weiter auseinander klafft:
Seit 1980 stieg die Anzahl der männlichen Straftäter um über 300 Prozent, die der weiblichen fiel um 1,4 Prozent.
So sind junge Männer für Soziologen, was die Länder der Sahelzone für die Weltbank sind: ein ständiger Quell der Sorge, ohne Hoffnung auf Besserung, und sie reißen in jede Finanzstatistik ein tiefes Loch: Der Männerforscher Walter Hollstein schätzt, dass sich die dem Staat durch fehlgeleitetes Ausleben der traditionellen Männlichkeit entstehenden Kosten jährlich auf 15 Milliarden Euro belaufen.
Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer bringt all die Zahlen bündig auf den Punkt: Gewalt ist männlich.
» Wir haben kein Jugendgewaltproblem, wir haben ein Jungengewaltproblem. «
Bis hierhin stimmen sie alle überein.
Was aber die Gründe für die Gewalt angeht, so lässt sich die Forschungslage dahingehend rekapitulieren, dass man nichts genaues weiß.
Einig scheinen sich die Bio-, Sozio- und Anthropologen nur darin zu sein, dass all das Testosteron, das in einem jungen Männerkörper herumschwappt, noch nie zu einem gedeihlichen Miteinander beitrug.
Schon 1900 wurden in Hamburg Bleicherknechte als herumlungernde in Scharen auftretende, radaulustige und nicht ungefährliche Jugendliche aus sozialen Randschichten beschrieben.
In den fünfziger Jahren waren es die Halbstarken, in den Sechzigern die Rocker. Heute sind es die Skins. Natürlich hat das harmlose Muckertum eines Hotte Buchholz mit den Gewaltexzessen rechter Prolltrupps nichts zu tun.
Und doch: Die meisten dieser Gruppierungen, die ihre Mitglieder aus sozialen Randgruppen rekrutieren, bemänteln ihr gewalttätiges Auftreten mit einem politischen Auftrag.
Fragt man nur zweimal inhaltlich nach, zeigt sich oft, dass das Programmatische nur aufgesetzt ist.
Dass inzwischen alle modischen Distinktionszeichen undeutlich geworden sind, dass also Nazis seit zwei Jahren mit den Palästinensertüchern der Antifa herumlaufen, dass es bei Nazi-Aufmärschen inzwischen sogar einen obligatorischen schwarzen Block gibt, beweist, was für eine beliebige Maskerade die Ideologie oftmals ist. In erster Linie geht es um Randale.
Und so ist es kein Wunder, dass man zur Zeit leicht Geld machen mit holzschnittartigen Thesenbüchern über tumbe Jungen und troglodytische Männer. Michele Weiner-Davis schreibt, sie habe sich für ihr Büchlein Jetzt ändere ich meinen Mann von Anleitungen zur Hundeabrichtung inspirieren lassen.
Und der nach eigenen Angaben kritische Männerforscher Robert Connell gibt seinen Geschlechtsgenossen einfach mal an allem schuld: Die neue Unternehmer-Männlichkeit will ihren Anteil am wachsenden internationalen Sex-Handel, hat mit der globalen Zerstörung der Wälder zu tun und führt einen Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat.
Es ist natürlich lobenswert, dass die Frauen weltweit auf Holzmöbel verzichten und allesamt in Sozialausschüssen ehrenamtlich tätig sind ...
Für all diese Bücher trifft zu, was ein Kritiker nach dem Erscheinen von Susan Faludis Buch Männer das betrogene Geschlecht schrieb: Nun ist es offiziell, Männer sind erbärmlich.
Merkwürdig ist, dass dieselben Männerforscher und Soziologen, die all die alarmierenden Zahlen zusammentragen, jubeln, dass der neue Mann auf dem Vormarsch sei.
Der neue Mann ist der Mann, der vom alten Mann als Warmduscher und Schattenparker beschimpft wird: partnerschaftlich eingestellt, männergruppenerprobt, liebevoller Vater, metrosexuell durchästhetisiert.
Und da die kulturelle Diskreditierung des traditionellen Männerbildes weiterhin zügig voranschreitet, ironisieren und zitieren diese neuen Männer die althergebrachten männlichen Verhaltensformen nurmehr.
Was aber machen diejenigen, denen solch verschachteltes Verhalten nicht zu Gebote steht? Sie machen es wie Brad Pitt alias Tyler Durden in dem Film Fight Club. Sie schlagen zu.
Die jungen Männer in diesem Film treffen sich nachts auf Hinterhöfen, in Kellern, auf Parkplätzen, um sich blutig zu prügeln und endlich überhaupt etwas zu spüren.
Diese Aggressivität, die am Ende dazu führt, dass Durden mit seinem paramilitärischen Trupp eine Stadt in Schutt und Asche legt, erklärt dieser im Film mit seiner inneren Leere und mit seiner Angst vor einer übermächtigen Mutter.
Der ferne Vater, Vaterlosigkeit, Vaterferne, Das Drama der Vaterentbehrung, kaum ein Thema wird in den Männerbüchern so stark und grell thematisiert wie der gesellschaftliche Bedeutungsverlust des Vaters. Merkwürdigerweise gleichen die dramatisierenden Schilderungen der sozialen und psychischen Folgen einer vaterlosen Gesellschaft oft jenen gegenteiligen Mystifikationen, die früher das kulturelle Konstrukt des übermächtigen Vaters geprägt hatten.
Jahrzehntelang hieß es, die harten Patriarchen seien schuld am Niedergang, den Kriegen, dem Zwang und der Kälte in der Welt.
Adorno hoffte 1960, ohne Leitbild werde eine befreite Welt einst besser dastehen. Kaum aber sind die strengen Väter weg, wird alles nur noch schlimmer.
Ein Patient des Mailänder Psychoanalytikers Luigi Zoja bringt das Problem in Zojas Buch Das Verschwinden der Väter auf den Punkt, wenn er sagt: Die Väter früher, das waren Bauern und Tyrannen. Aber es waren immerhin Väter. Die heutigen Väter sind Arbeiter. Aber sie sind nur noch Kretins, die vor dem Fernseher sitzen.
Im Fernsehen aber wird ihnen nur erzählt, dass sie längst abgewickelt wurden.
Viele Studien belegen, dass Arbeit für Männer noch immer die primäre Quelle von Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung ist. Das einzige, was Männer bis heute Frauen voraushaben, sind Muskeln. Aber in welchem Beruf kann man heute noch mit Muskelkraft Geld verdienen?
Möbelpacker. Baggerfahrer. Maurer.
Relativ unterkomplexe Tätigkeiten, die zudem immer weniger gefragt sind. Alles andere können Frauen auch. Oder besser: Mädchen bleiben nur halb so oft sitzen wie Jungen. Zwei Drittel der Schulabsolventen ohne Abschluss sind Jungen, auf den Sonderschulen stellen sie 86 Prozent der Schüler.
Wir haben kein Jugendgewaltproblem, betont Christian Pfeiffer, wir haben ein Jungengewaltproblem.
Was dabei oft vergessen wird: Jungen und Männer sind, sieht man von Vergewaltigungen ab, auch weit häufiger Opfer von Gewalt als Mädchen und Frauen. Ein Mann um die 20 hat eine viel größere Chance, Gewalt zu erleben, als eine Frau im gleichen Alter, sagt der Soziologe Hans-Joachim Lenz. Ein Viertel aller Schüler wird jedes Jahr Opfer massiver Schulgewalt. Dabei wächst die Brutalität, mit der gewalttätige Jugendliche vorgehen, spürbar.
Lenz hat im vergangenen Jahr die von der Bundesregierung herausgebrachte erste Studie zur Gewalt gegen Männer betreut. Bis dahin gab es keinerlei gesicherte Zahlen ein Hinweis darauf, wie heikel dieses Thema noch immer ist. Traditionelle Geschlechterverhältnisse bestimmen offenbar noch aufgeklärte Forschung; das männliche Opfer stellt auch 2005 noch ein kulturelles Paradox dar. Würde man heute so etwas wie einen Männerbeauftragten für die Bundesregierung fordern, wäre das Gelächter all der angeblich so wunderbar aufgeklärten und emanzipierten Männer wahrscheinlich riesengroß.
(SZ vom 24.3.2005)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/,tt4m3/kultur/artikel/10/49960/
gesamter Thread:
- Willkommen im Fight Club! -
Sven,
23.03.2005, 20:28
- pfeiffer wieder, na dann wird das wohl nix - pumajäger, 23.03.2005, 20:39
- Die "Highlights" ... - Sven, 23.03.2005, 20:48
- Re: Willkommen im Fight Club! -
scipio africanus,
24.03.2005, 13:15
- Re: Willkommen im Fight Club! - Norbert, 24.03.2005, 13:46