Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Wie erziehe ich meine Kinder

T.Lentze, Saturday, 15.01.2005, 19:23 (vor 7690 Tagen) @ Friedwilli

Als Antwort auf: Wie erziehe ich meine Kinder von Friedwilli am 15. Januar 2005 15:15:47:

Mich würde interessieren wie Ihr über Gewalt in der Erziehung denkt:

Obwohl ich mich dagegen ausspreche, daß Kinder geschlagen werden, bleibt der Mutter in der vorgenannten Situation kaum mehr eine andere Wahl. Wegsperren, Fernsehverbot oder andere Maßnahmen dürften die Stimmung kaum bessern. So hätte die Mutter früher eine Grenze ziehen müssen und ich sag jetzt mal MIT GEWALT.

Hallo Friedwilli,

ich versuche zu antworten, da ich selbst einen 7jährigen Sohn habe.

Seit noch nicht langer Zeit ist es bei uns gesetzlich verboten, Kinder zu schlagen. Ich entsinne mich jedoch eines Interviews, in dem der bekannte Psychologe Peter Eysenck dieses Verbot für völlig falsch befunden hat. Es werde sehr lange dauern, bis man von dieser unsinnigen Auffassung wieder abrücken werde. Darauf wurde er gefragt, ob er seine eigenen Kinder geschlagen habe. Er antwortete: nein, bei seinen Kindern sei das nicht nötig gewesen.

So sehe ich das auch. Ich sehe keinen Grund, mein Kind zu schlagen. Aber ich bin mir sicher, daß es Kinder gibt, die man aus pädagogischen Gründen schlagen sollte, ja schlagen muß, wenn wenn vermeiden will, daß sie nicht mißraten; und die es also auch vertragen.

Wenn ein Kind mich tätlich angreift, würde ich mich unmittelbar physisch zur Wehr setzen. Der Akzent liegt auf "unmittelbar", denn Strafe (obwohl: hier ist es eher Notwehr) muß in einem direktem, sofort erkennbaren Zusammenhang mit der sie auslösenden Tat stehen. Die Alternativbeispiele, die du aufführst, wie Fernsehverbot, Wegsperren von Spielzeug etc. dürften keine Besserung bewirken. Es scheint, daß der von dir erwähnte Junge ein natürliches Aggressionspotential hat, das er nicht ausleben kann. Nun bricht es sich in destruktiver Weise Bahn. Er sollte die Möglichkeit bekommen, sich in geregelter Weise auszutoben, z.B. in einem Sportverein.

Zu vermeiden ist unter allen Umständen, daß das Kind sich gedemütigt fühlt. Meine Mutter hat diesen Fehler an uns (ich habe noch einen Bruder) begangen. Das haben wir ihr bis zuletzt nicht verziehen. Sie hat aus Belastung heraus und Nervosität geschlagen, zudem aus der geäußerten Meinung, sie müsse sich "durchsetzen", und wir hätten uns anzupassen. Das geschah nun nicht gerade häufig, aber eben oft genug, um sich uns einzuprägen. Der eigentliche Fehler aber war: sie hat sich dafür nie entschuldigt. Sie hat überhaupt nie einen Fehler zugegeben und damit unser Gerechtigkeitsgefühl verletzt.

Mir ist vorigen Mittwoch Folgendes passiert: entgegen meiner Gewohnheit saß ich trotz Gegenwart meines Sohnes vor dem Bildschirm und war am Schreiben. Während dieser Tätigkeit bin ich aber nicht ansprechbar und reagiere zunehmend nervös, wenn das doch geschieht. Nun kam der Junge an, seine Maus, die ich ihm geschenkt hatte, in der Hand, und wollte bestätigt haben, wie süß die Maus ist. Ich war zunächst freundlich, so gut ich konnte; aber nachdem das so eine Weile ging, reagierte ich zuletzt in heftiger verbaler Abwehr. Da begann er zu schluchzen und beschwerte sich über meine "bösen Wörter". Ich schaltete sofort das Gerät ab, nahm ihn innig an mich und entschuldigte mich ausgiebig für mein Verhalten.

Abends hatten wir dann das Problem mit dem Zähneputzen. Freiwillig geht er fast nie. Ich muß ihn tragen. Das läßt er sich gerne gefallen. Auch dann aber rast er oft schnell wieder aus dem Badezimmer, wirft sich in mein Bett und krallt sich an unter der Decke fest. Der nachfolgende Zweikampf bereitet ihm ein ungeheures Vergnügen. Anstatt ihn nochmal zu tragen, schleifte ich ihn nun aber ins Bad, wobei er an der Tür hängenblieb. Die Folge war, daß er aus Schmerz, aber wohl auch aus trotziger Erregung, minestens zehn Minuten lang heftig weinte. Ich tröstete ihn wieder auf die gewohnte Weise und las ihm noch einige Kapitel vor aus "Lurchis Abenteuer". Wenn wir lesen, sitzt er immer auf meinem Schoß und schmiegt sein Gesicht an das meine.

Ich sorge dafür, daß er vor dem Schlafengehn genügend Bewegung hat. Wir nehmen dann die Fahrräder und machen eine kleine Besorgung, damit auch ein Anreiz ist. Anschließend fahren wir oft auf der nahegelegenen hügeligen Kreisrennbahn. Süßigkeiten zur Belohnunggebe gebe ich nur ausnahmsweise, vor dem Essen sowieso nicht. Fernsehen und Computerspiele gibts bei mir nicht. Ich habe auch gemerkt, daß die billigsten oder kostenlosen Spielzeuge oder Vergnügungen meist die besten sind.

Übrigens, das Verbot von Schlägen ist bedenklich noch in anderer Hinsicht: sofern sich in späteren Jahren eine Entfremdung oder ein Zwist einstellen sollte, könnten Kinder ihre Eltern in derselben Weise denunzieren, wie dies bisweilen in inbezug auf sexuelle Übergriffe geschieht. Da gibt es ja bekanntlich auch fantasievolle, evtl. von außen induzierte Falschanschuldigungen. Und auch ein drohender Blick kann als Gewalt erlebt bzw. nachträglich so interpretiert werden. So hat es z.B. meine Mutter mir gegenüber getan, sobald sie mir ansah, daß ich mir Schläge nicht mehr würde gefallen lassen. Je mehr gesetzliche Verbote es gibt, desto mehr Handhabe gibt es, jemanden auch nachträglich unter Druck zu setzen.

Im Falle der Kindererziehung ist das beste vorbeugende Mittel eine Liebe, die auch vom Kind als eine solche empfunden wird und die in ihm ein unerschütterliches Vertrauen anlegt. Das relativiert dann die alltäglichen Fehler, die man immer macht.

Mehr kann ich als Antwort auf deine Frage nicht sagen, da du sie ziemlich allgemein gehalten hast.

Grüße,

T.L.


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